Ärzte Zeitung, 16.08.2012

Statt Fallzahlen

Augenärzte plädieren für leitlinienorientierte Boni

Qualität oder Quantität: Bonusverträge für Chefärzte sind umstritten. Mit der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft macht sich jetzt eine weitere ärztliche Fachgesellschaft für qualitätsbezogene Zuschläge stark.

Von Christoph Winnat

BERLIN. Fallzahlabhängige Bonuszahlungen an Chefärzte stehen im Verdacht, medizinisch unnötige Behandlungen zu fördern und damit zu Lasten der Patienten zu gehen.

Sowohl Bundesärztekammer als auch Marburger Bund haben sich deshalb wiederholt gegen solche Honorarmodelle ausgesprochen.

Boni, so forderte erst jüngst wieder die Gewerkschaft der Krankenhausärzte, sollten stattdessen von medizinischer Qualität abhängig gemacht werden.

Thema beim Jahreskongress

In die gleiche Richtung geht die Idee, leitliniengerechte Behandlungen zu honorieren. Dieser Vorschlag von Professor Klaus-Peter Steuhl, Direktor des Zentrums für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Essen, soll aktuell beim Jahreskongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), deren Präsident Steuhl ist, Mitte September öffentlich diskutiert werden.

Mit seinem Vorschlag habe er "ein Gegengewicht zu der zunehmend rein ökonomischen Ausrichtung des Gesundheitswesens" setzen wollen, erklärt Steuhl. Ihm ist freilich auch klar, dass er die kaufmännischen Interessen der Klinikbetreiber nicht einfach ignorieren kann.

Deshalb betont er auch den Beitrag von Leitlinien zur Versorgungseffizienz. "Leitlinien stehen für gute medizinische Ergebnisqualität, die möglichst wirtschaftlich erzielt werden soll".

Mehrere Varianten seien denkbar, stationäre Qualität zu bonifizieren, so der Essener Augenarzt weiter. Dabei komme es "nicht unbedingt darauf an, die Umsetzung jeder einzelnen Leitlinie an jedem einzelnen Patienten zu dokumentieren".

Eine praktikable Möglichkeit wäre "die konsequente, transparente Ausrichtung an Leitlinien. Eine andere Option sind Qualitätsberichte, die etwa über Operationsergebnisse informieren und von den Kliniken bereits zunehmend öffentlich gemacht werden."

Gutes Betriebsklima wichtig

Daneben hält Steuhl aber auch ein gutes Betriebsklima oder Kundenzufriedenheit für geeignete Kriterien, die Qualität eines Krankenhauses zu messen und Bonuszahlungen auszulösen.

"Neutrale Umfragen unter Ärzten und Patienten geben eine gute Orientierung. Wie ist der Patient mit den Abläufen bei Aufnahme und Entlassung zufrieden? Fühlen sich die Patienten in den Entscheidungsprozess für oder gegen einen Eingriff gut eingebunden, wie lange ist die Wartezeit auf eine OP? Haben die Ärzte genug Zeit für Untersuchungen und Gespräche mit Patienten? Gibt es Freiräume zur Fort- und Weiterbildung, kommt Wertschätzung durch Vorgesetzte zum Ausdruck?"

Der Rückendeckung aus dem Kollegenkreis ist Steuhl sich jedenfalls sicher. Die Front der Kritiker eines nur noch fallzahlorientierten Klinikmanagements werde immer breiter. Steuhl verweist auf entsprechende Positionen der Allianz Deutscher Ärzteverbände, der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin sowie der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie.

Mit der DOG wende sich jetzt eine weitere Fachgesellschaft "gegen die zunehmende Ökonomisierung in der Gesundheitsversorgung". Der DOG-Präsident: "Wir begrüßen es sehr, dass sich die Ärzteschaft in dieser Frage geschlossen aufstellt".

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