Ärzte Zeitung online, 20.12.2012

Bedarfsplanung

GBA zaubert hunderte neue Arztsitze

Auf dem Land werden die Ärzte knapp. Nun soll eine neue Bedarfsplanung helfen - vor allem bei Hausärzten. Doch es gibt auch enttäuschte Gesichter.

GBA zaubert hunderte neue Arztsitze

Jetzt geht es an die Regionen.

© Schmeling / fotolia.com | sth/sb

BERLIN. Garantierte Chancen zur Niederlassung für tausende Ärzte sollen die drohende Unterversorgung verhindern. So gibt es nach einer neuen Bedarfsplanung rund 3000 Niederlassungsmöglichkeiten für Hausärzte, 1350 für Psychotherapeuten und 780 für allgemeine Fachärzte.

Eine entsprechende Richtlinie hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) am Donnerstag in Berlin beschlossen. Die Richtlinienänderung soll am 1. Januar 2013 in Kraft treten, vorbehaltlich eines Vetos durch das Bundesgesundheitsministerium.

Große Städte wie Hamburg und Berlin sind für die Niederlassung allerdings auch weiterhin gesperrt. Auch hochspezialisierten Ärzten stehen nicht viele freie Arztsitze zur Verfügung.

Die Zahlen umfassen neu geschaffene und bereits bestehende Arztsitze. Im Vergleich zur bisherigen Planung kommen rund 1000 Hausärzte dazu.

Am meisten profitieren Nordrhein und Westfalen-Lippe. Hier gibt es insgesamt 710 freie Arztsitze, gefolgt von 481 in Niedersachsen und 346 in Baden-Württemberg.

"Die Bedarfsplanung ist kein Instrument, mit dem über Nacht ein neuer Arzt gebacken werden kann", sagte der unparteiische GBA-Vorsitzende Josef Hecken. "Aber die Bedarfsplanung ist schon ein wirksames Steuerungsinstrument."

Von den heute mehr als 150.000 niedergelassenen Ärzten sind laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) gut 60.000 Hausärzte, 78.000 Fachärzte und rund 17.000 Psychotherapeuten.

Laut KBV gehen jedoch über 40.000 Haus- und Fachärzte in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Bereits heute gebe es für Hunderte Praxen keine Nachfolger.

Während vor allem für ländliche Regionen neue Ärzte gewonnen werden sollen, sollen in städtischen Ballungsgebieten mit vielen Medizinern Arztsitze nicht mehr besetzt werden, wenn Ärzte in Rente gehen.

Kritik nicht nur von den Psychotherapeuten

Die neue Planung hält Hecken gemeinsam mit bestehenden finanziellen Anreizen für geeignet, tatsächlich mehr Allgemeinmediziner aufs Land zu bringen - auch wenn sie bisher oft einen weiten Bogen um ländliche Regionen gemacht hätten.

Außerdem ist mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz die Residenzpflicht gefallen - Niedergelassene müssen nicht mehr zwingend am Ort ihrer Praxis wohnen.

"Hier wird eine klare Perspektive für junge Mediziner aufgezeigt, dass es attraktive Niederlassungsmöglichkeiten gibt", sagte Hecken.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) begrüßte den Beschluss. "Es freut mich sehr, dass wir dadurch die wohnortnahe Versorgung der Patienten perspektivisch weiter verbessern werden", sagte KBV-Vize Regina Feldmann.

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hingegen zeigte sich alarmiert. "Über 6000 psychotherapeutische Praxen sind bedroht", sagte Präsident Professor Rainer Richter der Nachrichtenagentur dpa.

Denn der GBA gehe von veralteten Zahlen aus, nach denen es noch viel weniger Psychotherapeuten gegeben habe, als heute. "Wir sind sehr unzufrieden."

GBA-Chef Hecken widersprach Befürchtungen, die Psychotherapeuten müssten ab Januar reihenweise ihre Praxen dicht machen. "Wenn jemand vom Netz geht, wird nicht nachbesetzt", sagte er. Mehr sei in die neue Richtlinie nicht hineinzuinterpretieren.

Heftige Kritik übte auch der Bundesverband der Verbraucherzentrale. Aus Patientensicht verdiene die Festlegung höchstens die Note vier, sagte deren Gesundheitsexpertin Ilona Köster-Steinebach. "Vernachlässigt werden unter anderem die Bedürfnisse von Kindern, Armen und insbesondere von Menschen mit Behinderungen."

Die Linke-Gesundheitspolitikerin Martina Bunge kritisierte, der GBA habe nur umgesetzt, was Schwarz-Gelb vorgegeben habe. An einem vermurksten System werde festgehalten. "Zufallszahlen werden in ferne Zeiten fortgeschrieben, damit es ja nicht zu Veränderungen kommt."

Johann-Magnus von Stackelberg, Vize-Chef des GKV-Spitzenverbands, mahnte: "Eine bessere Bedarfsplanung alleine schafft keine bessere Versorgung." Wichtig sei es, dass der Hausarzt aufgewertet werde.

Ein Sprecher von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) betonte, in allen Regionen Deutschlands sollten genügend Ärzte zur Verfügung stehen.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn (CDU), begrüßte den GBA-Beschluss "ausdrücklich". "Damit werden die Vorgaben, die wir mit dem Versorgungsgesetz gemacht haben, zeitnah umgesetzt", sagte Spahn in Berlin. (dpa/af)

[21.12.2012, 21:35:22]
Dr. Florian Baier 
Thema verfehlt
Klingt eher wie ein Schildbürgerstreich, den jetzt schon fehlenden Praxisnachfolgern am Land noch mehr Kassenarztsitze anzubieten die erst recht keiner besetzt. Die 4 Landärzte hier in der Umgebung gehen in 8-10 Jahren alle in den Ruhestand (nördl. Oberbayern). Der Versuch eines Kollegen zumindest einen (gut bezahlten) Praxisassistenten zu finden scheiterte vor 2 Jahren.
Eine Landarztpraxis, die einen Anteil von 90% GKV-Patienten hat, kann nur rentabel sein, wenn sich die KV-Grundpauschalen in Zukunft mindestens verdoppeln. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Ansonsten arbeitet der Landarzt zu einem Stundenlohn unterhalb Assistenzarztniveau.
Das Problem ist, daß aus sozialpolitischer Bequemlichkeit von oben die Kassenzulassung+vergütung lediglich als eine Art Eintrittskarte in den ambulanten Bereich betrachtet wird. Jeder soll sich dann selbst kümmern, wie er zu Geld kommt, d.h. über IGEL und privat.
Dieses Prinzip funktioniert am Land nicht.
Der Hausarzt auf dem Land ist meiner Meinung nach ein Auslaufmodell. zum Beitrag »
[21.12.2012, 15:11:04]
Dr. Jürgen Sobtzick 
GBA zaubert hunderte neue Arztsitze
Kurzer Kommentar: "3000 neue Nester, doch es fehlen die Vögel"
Dr.Sobtzick, Euerdorf zum Beitrag »
[21.12.2012, 14:51:30]
Dr. Klaus Kober 
Bedarfsplanung neu

Ich würde sagen, dass jetzt die Ansiedlung von Eskimos in der
Sahara erleichtert wurde.

Wenn nicht die bekannten negativen Rahmenbedingungen des Landarztes verbessert werden, wird sich nicht viel tun.

Hier in Niedersachsen zB findet außerdem ein erhebl. Bevölkerungsschwund statt, wo steht denn in 5-10 J ein junger Arzt mit seiner Landpraxis und seinen Investitionen und persönlichen Schulden ? Um diesen Aspekt drückt sich die öffentl. Diskussion nämlich auch herum.

K.Kober (26 J Landarzt gewesen)
 zum Beitrag »
[21.12.2012, 09:33:50]
Dr. Karlheinz Bayer 
Die Mär von der GBA-Bedarfsplanung

Lieber Gemeinsamer Bundes Ausschuß!

Angeblich suchen manche Praxisinhaber und sogar manche Gemeinden händeringend nach einem Praxisnachfolger. Glaubt man im Ausschuß allen Ernstes daran, daß diese Nachfolger nur darauf warten, eine "garantierte Chance" zur Niederlassung zu bekommen?

Chance!

Das klingt wie Fernsehlotterie zugunsten der Sorgenkinder. Das Gegenteil von Chance ist jedoch Risiko. Setz ich meinen Joker tatsächlich auf die Praxis auf dem Land? Laß ich mich darüber hinwegtäuschen, daß es immer neue Notfalldienstordnungen, immer neue Budgets, weiter nichtbezahlte Präsenz und krass unterbezahlte Leistungen wie Hausbesuche oder Sprechende Medizin gibt?

Schon mal etwas von Marktgesetzen gehört, lieber Gemeinsamer Bundes Ausschuß?

Das i-PAD oder der VW Golf verkaufen sich nicht deswegen so gut, weil sie eine "garantierte Verkaufschance" bekommen, sondern weil das Angebot stimmt. Würde das Angebot bei den Landarztpraxen stimmen, müßte man Zulassungsbeschränkungen einführen - das war mal so, bevor Minister Seehofer die Zulassungsbeschränkung gelockert hat. Aber das hat man wohl vergessen.

Hoppla!
Fällt Ihnen was auf bei den letzten Sätzen?

Bringen Sie 3000 weitere Landärzte ins Spiel und lassen Sie die auch noch in der Stadt wohnen, dann wird sich das Spiel wiederholen, und es wird noch weniger Ärzte auf dem Land, dafür aber 3000 neue Städter geben.

Außerdem wird für die dann auf dem Land verbleibenden Ärzte die Situation nochmal um Einiges schwieriger werden, denn die neuen Stadt-Land-Ärzte wollen ja auch ein Stück von dem Honorarkuchen haben - überschlagsmäßig werden das 300.000.000 € sein, wenn jeder nur 100.000 € Umsatz machen soll (das dürfte das Existenzlimit sein...).

Bleibt als letzte Hoffnung noch, daß Minister Daniel Bahr (FDP), wie schon öfters in seiner Amtszeit, heiße Luft und Taschenspielertricks unterscheiden kann von zukunftsweisenden Strategien. Ich hoffe, diese "Idee" verschwindet ebenso wie der Weltuntergang, der heute garantiert noch stattfinden wird.

Ihr
Karlheinz Bayer

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