Ärzte Zeitung online, 23.12.2013

Psychotherapie

Wartezeit-Idee bringt Therapeuten auf die Barrikaden

Sechs Wochen Wartezeit nach der ersten Kurzzeittherapie - so wollen die Kassen die Psychotherapie reformieren. Die Therapeuten sind empört. Die Idee sei nicht leitliniengerecht, ethisch und therapeutisch nicht vertretbar.

Von Sunna Gieseke

mann-wartet-A.jpg

Warten auf den Therapeuten.

© Peter Atkins / fotolia.com

BERLIN. Psychotherapeutenverbände haben den Kassen-Vorstoß zur Reform der Psychotherapie scharf kritisiert. Eine Unterbrechung der laufenden Therapie sei nicht erforderlich, nicht leitliniengerecht und weder therapeutisch noch ethisch vertretbar.

Das schreiben die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) und der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) in einer gemeinsamen Mitteilung.

Sie beziehen sich mit ihrer Kritik auf das Papier des GKV-Spitzenverbandes "Positionspapier zur Reform des Angebots an ambulanter Psychotherapie". Auf zehn Seiten schlägt der Kassenverband unter anderem eine Deckelung der Psychotherapiestunden auf insgesamt 50 Zeitstunden und eine Wartezeit von sechs Wochen nach einer ersten Kurzzeittherapie vor.

"Der mit den Portionierungen beabsichtigte Druck auf Patient und Therapeut und die regelhafte Unterbrechung laufender Therapien würden zwangsläufig bei vielen Patienten zu unberechenbaren negativen Auswirkungen auf den Therapieverlauf und die Heilungschancen führen", so DGPT und bvvp in ihrer Mitteilung. Eine Versorgungsverschlechterung und höhere Kosten wären absehbare Folgen, warnen die Verbände.

Auch die geplante Deckelung der Therapiestunden auf insgesamt 50 bewerten die Verbände kritisch. Das bedeute eine empfindliche Beschneidung der bisherigen Kontingente. Zudem würde dieser Vorstoß die Indikationsentscheidungen zur Behandlung schwer kranker Patienten erschweren.

"Ein Behandlungsbeginn ohne sichere Abschätzungsmöglichkeit, ob eine hinreichende Behandlungsdauer überhaupt zur Verfügung steht, wäre hochproblematisch", betonen DGPT und bvvp.

Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, hatte erst kürzlich betont: "Die sechswöchige Wartezeit zwischen den beiden Phasen ist eine Zeit des Hinterfragens, ob der eingeschlagene Weg wirklich der richtige ist."

Psychotherapie sei keine Krisenintervention und deshalb sei diese Pause medizinisch unschädlich, vielmehr eröffne sie dem Patienten die Chance, die eigene Situation und den eingeschlagenen Behandlungsweg zu überprüfen.

[23.12.2013, 09:50:26]
Dipl.-Med Wolfgang Meyer 
Diese Ideen verwundern nicht!
Wer will in dieser Gesellschaft schon selbstbestimmte und ICH-starke Menschen? Favorisiert wird die Ratio! Mit etwas Willen kann jede Schwäche beherrscht werden! "Nehmen Sie sich einfach zusammen!" Und wenn man nicht kann, dann will man einfach nicht! So einfach ist das! Symbolisch gibt's dann ein paar hinter die Löffel! So wie man es mit ungehorsamen Kindern macht! Wehren wir als Therapeuten diesen Entwicklungen, die schon längst keine Anfänge mehr sind! Die Interessenvertreter von Ökonomie und Büro-
kratie demontieren alles Menschliche, wenn das Menschliche sie nicht daran
hindert! Wir erleben es tagtäglich! Es lohnt sich, für jeden einzelnen Menschen, der etwas für sein inneres Wachstum tun will, dazusein! Es lohnt
auch, es bei denen zu versuchen, die mehr Zeit dafür benötigen! zum Beitrag »
[23.12.2013, 08:19:32]
Dr. Hans-Peter Stotz 
Einstieg in die Rationierung
Die Einstellung bei einer Hypertonie oder einem Diabetes mellitus stellt in der Regel auch keine Krisenintervention dar und niemand käme bei somatischen Erkrankungen auf die Idee, nach drei Monaten, wenn sich die ersten Fortschritte zeigen, eine Therapiepause einzulegen. Im übrigen haben viele Psychotherapeuten auch Kriseninterventionen unter den Behandlungen.

Nach einer Studie der Techniker Krankenkasse bringt jeder Euro, der in die Psychotherapie investiert wird, einen volkswirtschaftlichen Nutzen von zwei bis vier Euro. Auch die Qualität des bisherigen Gutachterverfahrens wurde bestätigt. Es gibt also inhaltlich keinen Grund zur Änderung.

Natürlich kann ich schneller behandeln, aber meine Patienten können nicht schneller denken und neue Handlungsweisen erlernen und nachhaltig beibehalten.

Ich befürchte, die gesetzlichen Krankenkassen läuten hier die offene Rationierng im Gesundheitswesen ein, den die Leistungszusagen im Bereich Altersversorung und Gesundheit lassen sich auf die Dauer nicht halten. Da bietet es sich doch an, nun mit einer offenen Rationierng zu beginnen. Psychisch Kranke haben haben keine Lobby, die Berufsverände sind im Vergleich zu anderen klein und der Widerstand ist hier geringer als bei somatischen Erkrankungen. Später kann man dann in anderen Bereichen weitermachen. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Viele Gesundheitspolitiker verteidigen ihr Mandat

Die Großwetterlage hat sich verändert. Doch viele Fachpolitiker schaffen den Wiedereinzug ins Parlament. mehr »

Das Trauma nach der Loveparade

Das tödliche Gedränge bei der Loveparade im Sommer 2010 in Duisburg: Im ARD-Film "Das Leben danach" geht es um die Auswirkungen auf die traumatisierten Überlebenden. mehr »