Ärzte Zeitung online, 17.09.2015

Honorar-Einigung

80 Millionen Euro mehr für Psychotherapeuten

Psychotherapeuten dürfen sich auf ein höheres Honorar freuen: Jährlich erhalten sie nun weitere 80 Millionen Euro - und das rückwirkend.

BERLIN. Bei den Honorarverhandlungen für 2016 haben Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband offenbar eine weitere Hürde übersprungen.

Laut Mitteilung der KBV von Donnerstagabend soll das Honorar der Vertragspsychotherapeuten rückwirkend ab 2012 um 80 Millionen Euro jährlich höher liegen als vorher. Die Vertragspartner setzen damit ein Urteil des Bundessozialgerichts um.

"Mit den Eckpunkten haben wir einen tragfähigen Kompromiss gefunden", äußerte sich KBV-Vorsitzender Dr. Andreas Gassen zufrieden mit dem Kompromiss.

Von der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung war am Freitag auch auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" noch keine Stellungnahme zu erhalten.

Erweiterter Bewertungsausschuss tagt am 22. September

Nach den Eckpunkten für den Beschluss, der am 22. September im Erweiterten Bewertungsausschuss fallen soll, werde die Bewertung antrags- und genehmigungspflichtiger psychotherapeutischer Leistungen (EBM-Abschnitt 35.2) rückwirkend ab 2012 um rund 2,7 Prozent angehoben, heißt es in der Mitteilung.

Damit steigt das Honorar für die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (mindestens 50 Minuten) nach EBM-Nr. 35200 auf 83,32 Euro in 2012 und in diesem Jahr auf 86,37 Euro (derzeit noch 84,13 Euro).

Ferner soll es unter bestimmten Voraussetzungen einen Strukturzuschlag von aktuell 14,69 Euro pro Therapiestunde geben, wenn ein Psychotherapeut im Jahr 774 Therapiestunden leistet.

Fest stehe auch, wie die höhere Vergütung finanziert wird. Der Mehrbedarf beläuft sich auf bundesweit rund 80 Millionen Euro jährlich. Für das Jahr 2012 ist dieser Betrag - entsprechend der damaligen Beschlusslage - aus der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung (MGV) zu zahlen.

Für die Jahre 2013 bis 2015 übernehmen die Kassen die Mehrkosten in voller Höhe. In den folgenden Jahren wird ein Teil aus der MGV finanziert.

Anspruch auf eine rückwirkende Vergütung hätten ärztliche und psychologische Psychotherapeuten allerdings nur dann, wenn sie gegen Honorarbescheide ihrer Kassenärztlichen Vereinigung Widerspruch eingelegt haben, so die KBV. (ger)

[27.09.2015, 14:01:25]
Dipl.-Psych. Wolfgang Heinzl 
Diskriminierung der ambulanten Psychotherapie! Ignoranz oder Kalkül?
Bin Psychologischer Psychotherapeut und seit 16 Jahren im GKV-System in ländlicher Struktur niedergelassen. Fühle mich in meiner Profession durch diese Bewertungsausschuss-Farce vom 22.09. und die Äußerungen (siehe Video) von Herrn Gassen verhöhnt, entwertet und letztlich auch hintergangen. Zu meinen Praxisarbeitszahlen: Arbeite ca. 70-75 Stunden in der Woche, davon 44 Stunden (also täglich fast 9 Therapie-Std.) am und mit Patienten. Der Rest ist wachsende Bürokratie, Anträge, Befunde schreiben, Fortbildungen, Intervisionen, Supervisionen, Telefonzeiten u.u.u...Von diesen 44 Therapie-Stunden sind lediglich ca. 28 Std. genehmigte Leistungen, 8 sind Anamnese-/Diagnose Leistungen (v.a. die EBM 35150), 4 sind Beratungsleistungen (EBM 23220), welche niederfrequent bei oft schwer- bzw. chronisch Kranken durchgeführt werden und dazu kommen 4 PKV Stunden (Anteil ca. 10%). Wenn 36 GPL das Arbeitsmaß einer voll ausgelastete Praxis darstellen sollen (so ja die implizite Interpretation des ohnehin schon diskriminierenden BSG-Urteils durch dieses Gremium), müsste ich bei der gegenwärtigen Stundenzahl und -verteilung etwa 90 Stunden arbeiten, um das zu erreichen! Oder ich lasse eben die Probatorik / Beratung vollkommen weg, was allerdings die strukturelle Intention der ab 2016 zu garantierenden kurzen Wartezeiten zu einem raschen Ersttermin innerhalb von 4 Wochen ja völlig konterkarieren und unmöglich machen würden! Ist das diesen Herren (sind es ja wohl überwiegend), welche diesen Beschluss gefasst haben, überhaupt bewusst? Sind sie so ignorant oder ist das Kalkül mit einer zu erwartenden Klage gegen diesen Beschluss und damit weiterer Verschleppung der Auszahlung, welche gerade ein familiärer Hauptversorger wie ich, der noch Schulden auf sein Eigenheim hat, alles andere als eine üppige Rente erarbeiten kann, dringend benötigen würde? Ich finde die 2,7% ohnehin als `üblen Witz` und diese Erhöhung / Nachzahlung gibt es nur für genehmigte Leistungen - gehts denn noch??? Der Strukturzuschlag, den ich mit 44 Wochenstunden ca. zu 60% (Leistungen ab Stunde 19 - Stunde 28)bekommen würde / werde (?), stellt für meine Praxis eine partielle und für alle, die mit 18 GLP-Stunden immer noch ca. 26 Therapiestunden anbieten und damit mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten (!) eine volle Diskriminierung dar! Ich vermute resümierend, dass dies alles Kalkül von KV und Kassen ist, da ich mir so viel versammelte Dummheit bei diesem Gremium und Herrn Gassen nur schwer vorstellen kann!  zum Beitrag »
[25.09.2015, 13:18:06]
Bernd Nockemann 
Freuen oder nicht?
Ich bin Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, mit psychotherapeutischer Niederlassung. Ich bin also sowohl Psychotherapeut nach dem Psychotherapeutengesetz, als auch Facharzt. Hier in Radevormwald, einer oberbergischen Kleinstadt, versuche ich neben der Richtlinienpsychotherapie auch eine fachärztliche Versorgungsstruktur zu errichten und anzubieten. In unserer Praxis bekommt jedeR PatientIn einen Ersttermin innerhalb weniger Tage, selten später als zwei Wochen nach dem Anruf. Das erfordert aber, dass ich ein Wochenkontingent an Stunden für diese Erstgespräche vorhalte, was wiederum die Zahl der Richtlinientherapien reduziert, wodurch sich die Warteliste verlängert. Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist das Angebot von Gruppentherapie, das die Wartezeiten wieder reduziert.
Abgesehen davon, dass die Verhandlungsführung (wie die Vorredner darlegen) offenbar skandalös nachlässig war (oder absichtlich diskriminierend?), so dass die Richtlinienpsychotherapie sich mit 2,7% begnügen muss, während der Durchschnitt der Ärzteschaft sich über 3,5% Honorarzuwachs freuen darf, muss auch gesagt werden, dass die Kapitel 22 und 23 völlig vernachlässigt werden. Nur mit der Nutzung des Abrechnungskapitels 22 (Psychosomatische Fachärzte) kann ich aber die Versorgungsstruktur aufrecht erhalten. Für eine Therapiestunde, die nach diesem Kapitel honoriert wird, kann ich gerade mal 55,49 € (Ziffer 22220) und nach der 3. Std. im Quartal nur noch 46,20 € (Ziffer 22221) berechnen.
Wenn der gute Herr Gröhe möchte, dass alle Patienten einen schnellen Termin bei Fachärzten/Psychotherapeuten und Psychologischen Fach-Psychotherapeuten bekommen, dann wäre doch einmal anzuraten, die Praxen, die das versuchen, auch leben zu lassen!
Noch eine Anmerkung zu der jetzt beabsichtigten Berücksichtigung des erhöhten Aufwands mit 14,96 €: Bei Auslastung einer Praxis ist der Aufwand für die gesamte Organisation erhöht, nicht nur für die zweite Hälfte! Die beabsichtigte Regelung ist ein Witz!  zum Beitrag »
[23.09.2015, 16:23:49]
Werner Schmidtke 
Ein echter " Gassen-Hauer"...
Um erst einmal diesen o.a. Text zu relativieren, der da u.a. lautete:
"Ferner soll es unter bestimmten Voraussetzungen einen Strukturzuschlag von aktuell 14,69 Euro pro Therapiestunde geben, wenn ein Psychotherapeut im Jahr 774 Therapiestunden leistet."

Tatsächlich sieht es so aus:

"Beispiel (der Einfachheit halber mit Sitzungen statt mit Punktzahlen gerechnet): Vollauslastung bei vollem Versorgungsauftrag = 36 Sitzungen, davon die Hälfte: 18 Sitzungen. Die Praxis rechnet im Durchschnitt des betreffenden Quartals 24 genehmigungspflichtige Sitzungen ab. Sie überschreitet damit das Kriterium von 18 Sitzungen um 6 Sitzungen. Der Quotient aus dieser Differenz und der Sitzungszahl von 24 beträgt 0,25. Die Multiplikation des Zuschlags von 14,69 € mit diesem Quotienten beträgt 3,67 €. Dieser Betrag wird jeder Sitzung genehmigungspflichtige Psychotherapie (bei diesem Beispiel Einzeltherapie) zugeschlagen. Wenn die Praxis 10,75 Arbeitswochen im Quartal jeweils 25 Sitzungen geleistet hat, sind dies insgesamt 269 Sitzungen. Zu jeder Sitzung werden 3,67 € zugeschlagen, insgesamt also 987 €. Auf die einzelne Sitzung umgerechnet ergibt sich dann bei dieser Beispielpraxis ein Honorar ab dem 1.1.2016 von 841 Punkten x 0,104361 (neuer Orientierungswert ab 1.1.2016, s.u.) = 87,77 € + Zuschlag 3,67 € = 91,44 €" ( Quelle DPTV).

Ich erwähne nun ernsthaft, meine Praxis mittelfristig zu schließen, da ich aktuell nicht " überleben" kann und zudem nicht mehr bereit bin, mir diese hinterhältigen Frechheiten, v.a. von Seiten der GKV, bieten zu lassen. Aber vielleicht ist es ja genau das, was die Kranken Kassen und die " Vertreter" der KBV erreichen wollen.
Mir fällt es gerade sehr schwer zu glaube, das nun ein Aufschrei durch unserer Berufsverbände geht, die insgesamt doch eher brav und angepasst ( wie m.E. auch diese ziemlich sinnlosen Demonstrationsveranstaltungen), agieren. Denn bislang hörte ich nichts anderes als hilflose- eher zu belächelnde Beanstandungen, die nicht mal den Charakter eines Strohfeuers hatten.

Sie sind enttäuscht, Herr Dr. Gassen? Fragen Sie doch mal unten an der Basis nach, wie wir uns fühlen?




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[22.09.2015, 14:11:28]
Dipl.-Psych. Sebastian Rühl 
Erhöhungen sind unter den MInimalfordereungen des BSG und weniger als ein Inflationsausgleich
Dass die KBV hier einen solchen Kompromissvorschlag einbringt, der nicht mal annähernd einen Inflationsausgleich bietet, weitab von jeglicher Honorargerechtigkeit sogar noch unter den Minimalfordrngen des BSG ist, und das auch noch als super Erfolg (Gassen) feiert, ist eine Verhöhnung von Psychotherapeuten, von deren Patienten und von unseren Interessen. Da rächt es sich, dass die KBV schon mit so überaus niedrigen Forderungen in diese Runde eingestiegen ist, jetzt für uns. Unsere eigentlichen Honorarforderungen so wenig glauben und Interesse zu schenken entwertet unsere Arbeit. Zusätzlich hier, obwohl wir mehr akute Pat. behandeln sollen, gerade die dafür vorgesehenen Ziffern bei der Erhöhung gar nicht zu berücksichtigen, zeigt doch eher wie wenig echtes Interesse für Psychotherapie sowohl bei der KBV als auch bei den Gesundheitsökonomen der Krankenkassen besteht. Wir werden hier als Berufsgruppe doch mit solchen Entscheidungen im Grunde öffentlich diskreditiert - zu einem Heilhilfsberuf. Solange wir bzw. die Berufsverbände diesen Kompromissvorschlag nicht als vollkommen unhaltbar und UNVERSCHÄMT zurückweisen, lassen wir diese Entwertung und Diskreditierung zu. Oder ist diese Diskreditierung so unverschämt, dass erstmal alle in eine Schockstarre verfallen und ungläubig sich nur wundern und den Kopf schütteln? Das darf doch so nicht stehen gelassen werden, auch wenn absehbar war, dass es in den Verhandlungen genauso weitergehen würde. Wenn wir das so stehen lassen und das Ergebnis als Erfolg mitfeiern, dann machen wir uns selbst doch unglaubwürdig indem wir diese Entwertung mittragen.

Einzige Antwort darauf kann doch nur sein: Wir arbeiten ernsthaft daran eine KPSV zu gründen.
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[21.09.2015, 13:57:49]
Dipl.-Psych. Götz Braun 
ein deutliches Zeichen???
Nach Allem, was in den letzten Jahren (nicht) gelaufen ist, leite ich aus dieser erneuten Brüskierung aller Psychotherapeuten ab, dass weder die Kassen noch dir KV (die sowieso nicht) vor allem aber die Politik daran interessiert ist, dass die Psychotherapie angemessen honoriert wird. Angemessen ist immer ein Vergleich. Beim Vergleich zum angestellten Psychotherapeuten müssten es 130€ sein, im Vergleich zum KV-Durchschnittsarzt über 180€.
Psychotherapie bleibt auch auf dem jetzt erreichten Niveau ein Nebenerwerb, denn eine Familie kann man davon nicht ernähren, dann müsste man als Angestellter arbeiten. (ca. 5.000€ brutto).
Ich gehe davon aus, dass es politischer Wille ist, dass die psychoth. Versorgung eingedampft werden soll.
Zunächst werden nicht ausgelastete Sitze gestrichen oder halbiert, dann alle über 140% Versorgungsgrad stillgelegt, wenn sie abgegeben werden sollen.
Das sollte doch eigentlich nun jeder Kollege verstehen. Insbesondere aber die Kollegen, die sich anmaßen, in DPTV und bvvp die berufspolitische Führung zu übernehmen. Dieses jetzige Ergebnis geht zu 100% auf das Verantwortungskonto der beiden Verbände. In Hessen steht beim vhvp die Mitgliederversammlung an. Liebe Kollegen, die ihr glaubt hier noch gut vertreten zu sein, fragt die Kollegin Planz und den Kollegen Silwedel, wie sie das mit ihrem berufspolitischen Selbstverständnis vereinen können. Wäre ich noch Mitglied (ich habe diesen Verband einst mit gegründet), würde ich auf Rücktritt der Verantwortliche drängen.  zum Beitrag »

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