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Ärzte Zeitung online, 14.10.2015

Fachgesellschaften

Streit um Schmerzmedizin

Wie sollen Schmerzpatienten behandelt werden? Die Experten zanken sich: Die einen sind für den spezialisierten Schmerzarzt - die anderen sehen Schmerzmedizin als Querschnittsfach.

Von Christoph Fuhr

Streit um Schmerzmedizin

Kopfschmerzen: Meist reicht eine symptomatische Behandlung, sagen Schmerzmediziner.

© DDRockstar / Fotolia.com

MANNHEIM. Deutschlands Schmerzmediziner setzen auf Qualitätssicherung. Vor der Eröffnung des Deutschen Schmerzkongresses am Mittwoch in Mannheim stellte Professor Andreas Straube vom Klinikum Großhadern in München ein Fortbildungsprogramm mit zertifizierten Kursen für die Versorgung von Kopfschmerzpatienten vor.

Straube, Präsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), wies darauf hin, dass von den Kassen eine bessere Vergütung von Leistungen für Kopfschmerzpatienten nur dann zu erwarten sei, wenn Qualität entsprechend gesichert werde. Das Zertifikat ist ausschließlich für Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten vorgesehen.

Unter den Schmerz-Fachgesellschaften gibt es weiter extrem unterschiedliche Auffassungen mit Blick auf die Einführung eines Facharztes für Schmerzmedizin. Dieser Facharzt wird seit Jahren vom Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, Dr. Gerhard Müller-Schwefe, gefordert.

Sowohl Straube als auch der Tagungspräsident des Schmerzkongresses, Professor Martin Marziniak aus München, lehnten Müller-Schwefes Forderung bei einem Pressegespräch ab.

Käme dieser "Allgemeinmediziner des Schmerzes", dann hätte das fatale Konsequenzen, warnte Straube: "Die Interdisziplinarität der Schmerztherapie, für die wir kämpfen, wäre dann tot!"

Selbstkritische Fachverbände

Dr. Peter Nilges, Leitender Psychologe am DRK-Schmerzzentrum in Mainz, wies darauf hin, dass die Häufigkeit von Schmerzen, die auf ursächlich behandelbare Erkrankungen oder Verletzungen zurückzuführen seien, überschätzt würden.

Die bei über 250 definierten Kopfschmerzdiagnosen häufigsten Schmerzformen wie Migräne und Spannungskopfschmerz seien nicht durch krankhafte Veränderungen erklärbar - betroffene Patienten müssten somit auch nicht ursächlich, sondern vor allem symptomatisch behandelt werden.

Bei Patienten mit Rückenschmerz etwa würden mit immer aufwändigeren und teureren Operationen strukturelle Veränderungen der Wirbelsäule mit mäßigem Erfolg korrigiert, beklagte Nilges.

Selbst von den Spitzen der Fachverbände werde diese Entwicklung kritisiert. "Langfristige Ergebnisse von Wirbelsäulenoperationen sind nicht besser als der normale Verlauf ohne Operation", so der Psychologe weiter.

Unspezifische, normale Rückenschmerzen seien oft Störungen des Zusammenspiels zwischen Muskeln, Bändern, Gelenken und Sehnen.

Diese reversiblen und gutartigen Faktoren seien weniger als "Totalschaden" zu verstehen, sondern als die Folge mangelnder "Pflege" - also einer fehlenden Balance zwischen körperlicher und psychischer Belastung und Belastbarkeit..

Vor 40 Jahren gegründet

Die Deutsche Schmerzgesellschaft feiert bei diesem Kongress Jubiläum. Sie ist vor 40 Jahren gegründet worden.

Professor Hans-Georg Schaible vom Uniklinikum Jena wies darauf hin, dass die Herausforderungen auch für die Zukunft groß sind.

In Europa litten immer noch 20 Prozent der Menschen an signifikant chronischen Schmerzen, sagte er. Bereits vorhandene therapeutische Möglichkein müssten besser eingesetzt werden, zugleich müsse die Forschung im Bereich Schmerz intensiviert werden. Der Kongress geht am 17. Oktober zu Ende.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Schmerzhafte Verwirrung

[16.10.2015, 11:46:24]
Dr. Fritz Gorzny 
Fachärztliche Ursachenforschung nötig
Das Bild über Ihrem Beitrag, zeigt die typischen Schmerzsymptome nach Bildschirmtätigkeit unter unphysiologischen Bedingungen. Hier würde ein "Schmertherapeut" wohl nur die Symptome und nicht die Ursachen bekämpfen. Die sind in solchen millionenfachen Fällen ein zu hoch positionierter Bildschirm im falschen Abstand und einer falschen Sitzposition.Meistens fehlt auch noch eine für diese Tätigkeit speziell angefertigte Arbeitsplatzbrille , die üblichen Multifokalgläser sind völlig ungeeignet für die Bildschirmtätigkeit, da sie den Kopf in eine unphysiologische und schmerzhafte Überstreckung zwingen.
Überhaupt spielen visuelle Probleme wie Fehlsichtigkeit oder Binokularstörungen sogar schon im Kindesalter eine große Bedeutung bei Kopf-Nacken-und Rückenschmerzen, also den häufigsten Schmerzlokalisationen.In diesen Fällen ist also der Fachmann - der Augenarzt oder Optometrist gefragt, der über den richtigen Arbeitsplatz aufklärt und die notwendige Brillenkorrektion verordnet und anfertigt.
Diese Zusammenhänge sind den Schmerztherapeuten weitgehend unbekannt, jedenfalls wurde mir in 45 Jahren augenärztlicher Beruftätigkeit noch nie ein Patient von einem Schmerztherapeuten zum Zwecke einer visuellen Überprüfung zugewiesen.  zum Beitrag »
[14.10.2015, 23:02:15]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Ein solcher "Facharzt" wäre imho ein Rückschritt,
denn Schmerz ist ein so wichtiges Allarmsignal für alles Mögliche, dass nun wirklich JEDER Arzt darauf zu achten hat und meine große Sorge wäre der schon erkennbare Trend zu rein symptomatischen Behandlung.
Die Ursache des Schmerzes gerät in den Hintergrund.
Wie soll auch ein Arzt auf allen Fachgebieten zuhause sein,
um die URSACHE des Schmerzes richtig zu behandeln,
nach wie vor der Goldstandard jeder Schmerztherapie. zum Beitrag »
[14.10.2015, 22:02:44]
Dr. Hans-Jürgen Kühle 
Keine richtige Therapie ohne richtige Diagnose - Biofeedback als wichtige funktionelle Therapie
Vor die Schmerztherapie gehört die richtige Diagnose. Wenn dann sicher ist, dass die chronischen Schmerzen funktioneller Art sind, sind die verschiedenen Biofeedbackmethoden eine wirkungsvolle Hilfe zum Wiedererlangen der Selbstwirksamkeit, Selbstkontrolle und damit Hilfe zum Abbau von Stress als Schmerzschrittmacher.
Vom 23.-24.10.15 ist die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Biofeedback in Heidelberg. Da gibt es viel Innivation zum Thema zum Beitrag »
[14.10.2015, 20:31:35]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Schmerzmedizin keine Spezialdisziplin, sondern medizinische "Sichtweise"!
Einer meiner wichtigen Ausbilder in Klinik und Praxis, Prof. Dr. med. Volkmar Sigusch sagte während der 10-jährigen Frankfurter Fortbildungskurse für Sexualmedizin: "Die Sexualmedizin ist keine Subspezialität der Medizin, sondern eine Sichtweise a u f die Medizin und die Menschen."

Das gilt auch für die Schmerztherapie bzw. Schmerzmedizin. Beide Bereiche, besonders die Schmerzbehandlung in a l l e n klinisch und ambulant relevanten Fächern sind sicher keine Spezialdisziplin, sondern integraler Bestandteil der Patientenversorgung und somit eine besondere "Sichtweise" auf die Medizin und den Menschen; qualifizierte Schmerzmedizin erweitert dagegen diese Sichtweise und gibt ihr ein wissenschaftliches und Versorgungs-spezifisches Fundament.

Von daher sehe ich keinen Widerspruch zum Facharzt für Schmerzmedizin. Dieser kann doch vom Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, Dr. Gerhard Müller-Schwefe, gefordert werden, und g l e i c h z e i t i g werden die Anstrengungen verschärft, ein Bewusstsein für das "Querschnittsfach" Schmerztherapie bzw. Schmerzmedizin in allen klinischen/ambulanten Bereichen von der Anästhesie bis zur Zahnheilkunde zu schaffen.

Wenn unsere Patientinnen und Patienten mit ihren Beschwerden im Mittelpunkt stehen sollen, kann man doch die Gräben unter den Kolleginnen und Kollegen nicht vertiefen, sondern muss dafür sorgen, dass sie gemeinsam begangen werden können.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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