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Ärzte Zeitung, 19.01.2016

Flüchtlinge

Ärzte haben geliefert, die Politik nicht

In Sachsen-Anhalt klappt die medizinische Versorgung von Flüchtlingen. Hingegen sind die politischen Rahmenbedingungen weiterhin chaotisch, hieß es beim Neujahrsempfang der Heilberufe.

Von Petra Zieler

Ärzte haben geliefert, die Politik nicht

Eine Ärztin impft einen Jungen aus Syrien. Vertreter der Heilberufe in Sachsen-Anhalt beklagen fehlende Koordination in der Flüchtlingspolitik.

© Kay Nietfeld / dpa

MAGDEBURG. Die medizinische Versorgung der rund 40.000 Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt ist gesichert. Probleme gibt es dennoch. So der Tenor beim gemeinsamen Neujahrsempfang der Heilberufler des Landes.

Die meisten Hausärzte in Sachsen-Anhalt behandeln durchschnittlich etwa zehn Asylbewerber pro Quartal. In 170 Praxen wurden bis zu 30 ausländische Patienten registriert und nur ganz wenige Praxen seien hochfrequentiert.

Die zusätzliche Belastung hält sich laut Burkhard John, Vorsitzender der KV Sachsen-Anhalt (KVSA) im Rahmen. Hauptproblem sei die Kommunikation.

Die meisten Patienten sprächen weder deutsch noch englisch, nur in Ausnahmefällen käme ein Dolmetscher mit zum Arztbesuch. Die KVSA erwägt deshalb, Flüchtlinge in zentralisierten Praxen zu versorgen.

Entsprechende Erfahrungen aus Sachsen seien gut. Zudem hätten Vertragsärzte im Ruhestand ihre Bereitschaft signalisiert, in diesen Praxen zu arbeiten.

Wachsende Nachbesetzungsprobleme

Angesichts des drohenden Hausarztmangels in Sachsen-Anhalt befürchtet John allerdings eine weitere Verschärfung der Situation.

"Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung prognostiziert für unser Bundesland einen Nachbesetzungsbedarf von 825 Hausarztstellen bis 2025. Für die längerfristige Versorgung von rund 40.000 Flüchtlingen müssen weitere 25 Hausarztstellen besetzt werden."

Auch bei Fachärzten werde die Situation zunehmend problematisch. So werde bei der relativ kleinen Fachgruppe der Augenärzte in den kommenden zehn Jahren ein Defizit von 61 Ärzten erwartet.

In Sachsen-Anhalt seien deshalb Förderprogramme für fachärztliche Weiterbildungen sowie Praxisübernahmen oder Neugründungen zu Jahresbeginn noch einmal erweitert worden.

Die Heilberufler fordern von der Politik einheitliche und möglichst unbürokratische Regelungen zur medizinischen Versorgung von Flüchtlingen und Asylbewerbern. Es sei kaum geklärt oder bekannt, welche Leistungen vom Land, den Landkreisen und Städten übernommen werden.

Kritik am "Versagen der Politik"

Dr. Frank Dreihaupt, Präsident der Landeszahnärztekammer, spricht gar vom "Versagen der Politik". Im Prinzip mache sich ein Zahnarzt, der sich nicht mit seinem Patienten verständigen könne, strafbar.

"Was passiert, wenn einem Bluter aus Unkenntnis seiner Erkrankung ein Zahn gezogen wird und er an den Folgen stirbt?" Gesprächsanfragen beim Staatssekretär des zuständigen Innenministeriums blieben bislang unbeantwortet.

Kammerpräsidentin Dr. Simone Heinemann-Meerz sprach sich für einen länderübergreifenden Datenaustausch und die landesweite Einführung der Gesundheitskarte aus: "Wir müssen unter anderem den Impfstatus unserer Patienten kennen und brauchen zudem Klarheit im Dschungel der unterschiedlichen Leistungsangebote für Hilfe suchende Menschen in den einzelnen Landkreisen. Doch in dieser Beziehung tut sich in Sachsen-Anhalt derzeit gar nichts."

Simone Heinemann-Meerz resümiert: "Alles, was in der ärztlichen Versorgung von Flüchtlingen und Asylsuchenden nicht geht, liegt nicht in ärztlicher Verantwortung."

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