Ärzte Zeitung, 11.11.2016
 

Hohes Lied der ärztlichen Verarmung

Reform mit Feingefühl ist nötig

Ein moderates Honorarwachstum hat die Ärzte in den vergangenen Jahren realisiert – ohne Kostenrisiken für GKV und PKV. Die GOÄ sollte mit Augenmaß reformiert werden, meint unser Autor.

Von Helmut Laschet

Reform mit Feingefühl ist nötig

GOÄ-Reform: Maß halten sollte die Devise sein.

© mirpic / fotolia.com

Neu-Isenburg. "Auf Ärzte- und Verbandstagen wird das hohe Lied der Verarmung laut im Kanon gesungen – und ich singe es nicht mehr mit!" Ausgerechnet der Hartmannbund-Vorsitzende Dr. Klaus Reinhardt, der federführend für die Bundesärztekammer die Verhandlungen zur Reform der GOÄ führt, sagte dies vor einer Woche.

Reinhardt goss seinen Kollegen – gemeint waren wohl eher die Funktionärs-Kollegen – bei der HB-Hauptversammlung damit ziemlich sauren Wein ein, ähnlich wie zuvor bereits beim Tag der Privatmedizin in Sachen GOÄ. Er provozierte damit auch den ein oder anderen Arzt-Kollegen zu harschem Protest.

Für die These von Reinhardt gibt es eine ziemlich gute Evidenz: den von KBV und NAV-Virchowbund erhobenen Arzt-Monitor: Danach ist die Zufriedenheit mit dem persönlichen Einkommen bei Hausärzten von 58 Prozent im Jahr 2012 auf 70 Prozent in diesem Jahr gestiegen.

Bei den Fachärzten stieg der Anteil der Zufriedenen von 55 auf 64 Prozent. Besonders stark vermindert hat sich die Quote der sehr unzufriedenen: von neun auf fünf Prozent bei Hausärzten, von zwölf auf acht Prozent bei Fachärzten.

Die meisten Ärzte sind auf dem Boden der Realität

Diese besseren Zufriedenheitswerte spiegeln Beobachtungsgabe und Realitätssinn einer großen Mehrheit der Vertragsärzte wider: Das subjektive Gefühl korreliert mit der tatsächlichen Entwicklung der Honorareinnahmen in den vergangenen Jahren.

Dabei sind die niedergelassenen Ärzte mit der gesetzlichen Krankenversicherung sogar besser gefahren als mit der Honorarentwicklung bei Privatpatienten, wie Zahlen aus dem KBV-Honorarbericht und aus dem PKV-Zahlenbericht belegen:

So ist die Gesamtsumme der an alle Vertragsärzte verteilten Honorare von knapp 30,6 Milliarden Euro im Jahr 2010 um 12,5 Prozent auf 34,4 Milliarden Euro gestiegen. Überdurchschnittlich hat dabei die extrabudgetäre Vergütung – bedingt allerdings auch durch Umschichtung aus der MGV – um 36,2 Prozent auf gut 10,9 Milliarden Euro zugenommen.

GKV-Wachstum stärker als bei PKV

Im gleichen Zeitraum haben sich die Ausgaben der privaten Krankenversicherung für ambulante ärztliche Behandlung von gut 5,2 Milliarden Euro um 10,4 Prozent auf knapp 5,8 Milliarden Euro erhöht. Das Wachstum liegt also um gut zwei Punkte niedriger als das in der GKV.

An die liquidationsberechtigten Krankenhausärzte gingen im Jahr 2014 gut 2,3 Milliarden Euro – binnen vier Jahren ein magerer Zuwachs von 1,3 Prozent.

Beim Honorar der niedergelassenen Ärzte verbleibt trotzdem ein Unterschied von 491 Euro Honorar je GKV-Versichertem zu knapp 660 Euro je PKV-Versichertem. Eine Differenz von rund 170 Euro.

Aus Ärztesicht sind Privatpatienten damit eine attraktive Klientel, zumal die Honorierung nach Einzelleistung nicht das Risiko birgt, bei ausgeschöpftem Regelleistungsvolumen "umsonst" arbeiten zu müssen. Wohl auch deshalb haben die ärztlichen GOÄ-Verhandlungsführer entschieden, sich mit einem 6,4 Prozent betragenden reformbedingten Honorarzuwachs zu bescheiden.

Das ist natürlich kein Inflationsausgleich angesichts des über Jahrzehnte aufgebauten Reformstaus. Aber es ist der Preis dafür, eine strukturelle Reform zu bekommen, die die gewaltigen Unwuchten in der GOÄ beseitigen könnte.

Drei Beispiele zu niedriger Bezahlung

Diese Unwuchten schaffen Ungerechtigkeit, haben nichts mit der Arbeitswirklichkeit von Ärzten zu tun und können Fehlallokationen verursachen. Beispiele:

1.) Die veraltete Bepreisung der Leichenschau: 51 Euro beim 3,5-fachen Satz. Die notorische Bockbeinigkeit des Bundesgesundheitsministeriums, eine dem Aufwand (bei sachgerechter Durchführung) entsprechende Vergütung zu regeln, spottet allen sonst gerne artikulierten Qualitätsansprüchen Hohn.

2.) Die Vergütung eines Erstgesprächs bei Karzinomdiagnose – mindestens 45 Minuten, in Wirklichkeit meist sehr viel länger – mit 61,20 Euro (bei 3,5-fachem Satz) kontrastiert mit den zeitlichen, fachlichen und psychischen Anforderungen an den Arzt, seinem Patienten eine potenziell lebensbedrohliche Diagnose und ihre Konsequenzen zu erklären.

3.) Aber auch High-Tech-Leistungen von Chirurgen – Beispiel eine mehr als fünfstündige radikale Prostatektomie, nach Ziffer A 1871 mit 994 Euro (3,5-facher Satz nach Abschlag) bewertet – korrespondiert nicht mit Qualifikation und Anstrengung des Operateurs.

Reformen nicht aus der Not, sondern aus Einsicht

Von der GKV wie auch der PKV sind – anders als Anfang der 1990-er Jahre – zuletzt keine beitragstreibenden Kostenrisiken ausgegangen. Das sollte Mut zu Reformen machen, auch wenn damit gewisse Kostensteigerungen einhergehen.

Dies wären Reformen auf der Basis besserer Einsicht und nicht – wie in der Vergangenheit – aus blanker Kostendämpfungsnot. Die Devise müsste heißen: Spielräume mit Augenmaß nutzen.

In der GKV könnte dies eine Lockerung der Regelleistungsvolumina und eine Flexibilisierung der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung sein. Die Reformaufgabe in der GOÄ ist weitaus größer, weil die Preisrelationen insgesamt nicht mehr stimmig sind. Eine Herkulesarbeit also.

[12.11.2016, 20:49:11]
Thomas Georg Schätzler 
Im Gegensatz zum...
Kollegen Henning Fischer, der weniger durch Fakten und belastbare Zahlen auffällt, denn durch perseverierende Polemik, gibt es m. E. keinerlei Anhaltspunkte, dass der erfahrene Medizinjournalist Helmut Laschet mit seinem brillanten Artikel "Hohes Lied der ärztlichen Verarmung -
Reform mit Feingefühl ist nötig" ausgerechnet 'Nonsens' geschrieben haben sollte.

Im Gegenteil! H. Laschet kann nämlich rechnen, indem er aufzeigt, wie im Bereich der immer noch gültigen alten GOÄ die BÄK und beteiligte Facharztverbände in aller Seelenruhe zugeschaut haben, wie es zu überwiegend Facharzt-, Technik- und Labor-lastigen, völlig unkontrollierten Mengenausweitungen mit immer obskureren Analog-Anwendungen bei den GOÄ-Abrechnungen zu Lasten der privat Krankenversicherten, der PKV, der Selbstzahler und der Beihilfestellen gekommen war.

Die vom Kollegen Henning Fischer nicht mal ansatzweise berechneten Praxis-Honorar-Umsatzsteigerungen im GKV-System der haus-, fach- und spezialärztlichen Praxen, ermächtigten Klinikambulanzen und im zentralen ärztlichen Notdienst der Vertragsärzte vs. direkte Krankenhaus-Inanspruchnahme durch unsere Patientinnen und Patienten sind deutlich geringer als die vom Marburger Bund in der gleichen Zeit erreichten Tarifabschlüsse. Aber auch Kollege Fische und andere, die sich hier frei von Zahlen, Daten, Fakten kommentatorisch austoben, scheinen die Einnahmen-Ausgaben-Überschuss-Rechnungen beim Praxisumsatz (GKV, PKV und IGel) nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen.

Was allerdings die BÄK-seitig desaströsen GOÄneu-Verhandlungspositionen und Absichtserklärungen der beteiligten Funktionäre angeht, sehe ich o h n e eigenes GOÄneu-Hausärztekapitel schwarz!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[11.11.2016, 08:53:42]
Henning Fischer 
"....So ist die Gesamtsumme der an alle Vertragsärzte verteilten Honorare von knapp 30,6 Milliarden Euro im Jahr 2010 um 12,5 Prozent auf 34,4 Milliarden Euro gestiegen...."

"..So ist die Gesamtsumme der an alle Metallarbeiter verteilten Löhne von knapp xxx Milliarden Euro im Jahr 2010 um 12,5 Prozent auf xxx Milliarden Euro gestiegen..." (Also, warum jammern die?)

Nonsens Herr Laschet!

Wenn Ärzte ihre Einkommen gehalten oder erhöht haben, dann fast ausschließlich durch Mehrarbeit!

Die Ärzte sind zufrieden mit ihren Einkünften. Ja, man hat sie klein gekriegt, auch mit Trinkgeld-Honoraren zufrieden zu sein. Klar, es gibt wie Sie richtig angeführt haben keine Aussicht auf angemessene Honorare bzw. Steigerungen, weil KBV und BÄK zahnlose Tiger sind. Also muß man sich abfinden und hat sich abgefunden.

Die nachfolgende Ärzte-Generation ist weiblich. Die müssen in der Regel nicht mehr alleine die ganze Familie finanzieren und kommen mit weniger Geld aus.

Die Politik hat ihr Ziel erreicht: die Ärzteschaft klein zu kriegen.

Wie schön.
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