Ärzte Zeitung, 05.01.2017
 

Versorgungskrise

Idealismus alleine reicht nicht

Die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin erlebt gerade einen Imagewandel. Leuchtturmprojekte wie die Kompetenzzentren in Hessen und Baden-Württemberg helfen dabei. Doch noch ist eine Versorgungskrise nicht abgewendet.

Von Anne Zegelman

Eine am Horizont drohende hausärztliche Unterversorgung abwenden – nicht weniger wollte die Bundesregierung, als sie im 2015 verabschiedeten GKV-Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VSG, Sozialgesetzbuch V, § 75a) die Förderung der Weiterbildung von Allgemein- und Fachärzten verankerte. Dafür wurde die Anzahl der zu fördernden Weiterbildungsstellen in der Allgemeinmedizin von 5000 Vollzeitäquivalenten auf mindestens 7500 erhöht und den KVen eine Begrenzung verboten.

Doch die Erhöhung der Stellen allein bringt nichts, wenn nicht genug approbierte Ärzte sie in Anspruch nehmen. Eine Förderung war nicht immer selbstverständlich: Noch vor einigen Jahren, das berichtet auch der AiW Dr. Jonas Hofmann-Eifler in seinem Beitrag auf der folgenden Seite, waren die finanziellen Rahmenbedingungen in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin nicht nur unattraktiv. Nein, sie waren abschreckend.

Wer sich für eine hausärztliche Tätigkeit interessierte, wurde wirtschaftlich regelrecht abgestraft. Und wer sich dennoch für die Weiterbildung entschied, tat das meistens aus ideellen Gründen und nahm dafür eine schlechtere Bezahlung in Kauf.

Doch die hausärztliche Versorgung in Deutschland kann sich nicht auf Idealismus verlassen. Das hat nun, mit vielen Jahren Verspätung, auch die Politik verstanden.

Statt wie bisher zwischen 3000 und 3500 Euro – je nach KV – beträgt die Förderung für Ärzte in der allgemeinmedizinischen Weiterbildung seit Sommer diesen Jahres 4800 Euro. Das macht es für junge Ärzte zumindest leichter, sich für die Allgemeinmedizin zu entscheiden.

Genug Interessenten?

Die Aufstockung der Fördersumme, die auf der KBV-Vertreterversammlung im Vorfeld des Ärztetages im Mai 2016 in Hamburg bekannt gegeben wurde, ist zugleich eine inhaltliche Stärkung. Und der Masterplan Medizinstudium 2020, dessen einzelne Punkte die "Ärzte Zeitung" vorab exklusiv veröffentlichte, weist dem ambulanten vertragsärztlichen Bereich nun bald auch in der Ausbildung mehr Bedeutung zu.

Ob die neuen politischen Rahmenbedingungen und die damit gesetzten Anreize erfolgreich sind, wird sich frühestens in ein bis zwei Jahren zeigen, wenn die Evaluationsberichte zur allgemeinmedizinischen Weiterbildung vorliegen. Einen vorläufigen aktuellen Überblick gab es mit einer Umfrage der "Ärzte Zeitung" bei den 17 KVen im Herbst. Danach werden aktuell 4864 Ärzte in allgemeinmedizinischer Weiterbildung gefördert. Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern nannten keine Zahlen. Die Herausforderung ist, genügend Interessenten unter jungen Ärzte für die Allgemeinmedizin zu finden.

Den Ablauf der ambulanten Weiterbildung sollen künftig die flächendeckend geplanten, universitär angebundenen Kompetenzzentren Allgemeinmedizin steuern, die aktuell an vielen Orten aufgebaut werden und die sich mit zusätzlichen didaktischen Angeboten an ÄiW und Weiterbilder richten sollen. Sie werden laut GKV-VSG mit bis zu fünf Prozent der vorgesehenen Fördermittel finanziert.

Vorreiter helfen Neulingen

Die Kompetenzzentren in Baden-Württemberg und Hessen, beide bereits etabliert, dienen als Vorbilder. So kommen zu den Schulungstagen der Verbundweiterbildung Plus Baden-Württemberg immer wieder Vertreter noch junger Kompetenzzentren, die von den erfahrenen Kollegen lernen wollen. Zum Beispiel, welchen Nutzen Weiterbilder aus einem Train-the-Trainer-Seminar ziehen können – oder welche Inhalte für ÄiW zusätzlich zu dem, was sie in der Weiterbildung lernen, interessant sein können.

"Wir sind der festen Überzeugung, dass nicht alle Kompetenzen in den stationären und ambulanten Rotationen vermittelt werden können", sagt Dr. Simon Schwill, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Universitätsklinikums Heidelberg und Mitglied des Teams der Verbundweiterbildung Plus Baden-Württemberg. Hausärzte seien nun einmal erster Ansprechpartner bei allen Gesundheitsproblemen. "Dadurch sind sie auch oft mit Fällen aus anderen Fachbereichen konfrontiert, zum Beispiel HNO, Dermatologie, Kinderheilkunde", erklärt Schwill.

Der Erwerb dieser Kompetenzen sei aber kein verpflichtender Bestandteil der Weiterbildung, deshalb gebe es das externe Angebot. In der Verbundweiterbikdung werden auch Kernkompetenzen wie Praxisführung, Kommunikation oder interprofessionelle Zusammenarbeit vermittelt.

Wie wichtig das für die Teilnehmer ist, wird spätestens auf den Veranstaltungen selbst klar. Zwei Ärztinnen in Weiterbildung, die im Spätsommer an einem BWL-Seminar der Kompetenzzentren Weiterbildung Allgemeinmedizin Hessen teilnahmen, lobten das Zusatzangebot. "Das ist wirklich ein hilfreiches Seminar", sagte Teilnehmerin Bahnan El-Haddad damals zur "Ärzte Zeitung". "Man hat ja im Alltag sonst kaum Zeit, sich mit so etwas zu beschäftigen." Und eine andere junge Ärztin ergänzte: "Ich will mich niederlassen, aber ich habe Angst, womöglich nicht alle Faktoren zu überblicken. Eine solche Möglichkeit, sich zu informieren, ist sehr gut."

Trotz vieler Unsicherheiten: Professor Ferdinand Gerlach, Chef der Allgemeinmedizin an der Uni Frankfurt, ist optimistisch. Die allgemeinmedizinische Weiterbildung werde bis 2018 in "völlig neue Dimensionen vorstoßen", prophezeite Gerlach auf der 50. Jahrestagung der DEGAM.

Was sagen die KVen zur Weiterbildung? Die Ergebnisse der großen Umfrage der "Ärzte Zeitung" unter

www.aerztezeitung.de/924585

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