Ärzte Zeitung online, 06.03.2017
 

KBV-Wahl

Neuanfang mit Teamgeist und drittem Mann

Friede, Freude, Eierkuchen bei der KBV? Wohl kaum! Die Konflikte der vergangenen Jahre lassen sich nicht einfach abwählen. Sie schwelen weiter, aber der Wille zur Einigung ist da.

Von Anno Fricke

BERLIN. Eine "wirkliche Aufbruchstimmung" stellte die neue Vorsitzende der KBV-Vertreterversammlung Petra Reis-Berkowicz am Ende der zweitägigen konstituierenden Sitzung und der Vorstandswahlen fest. Jetzt könne man "neu durchstarten". In einer einstimmig gefassten Resolution hatten die Delegierten zuvor den "Willen zur fairen sachorientierten Zusammenarbeit" bekräftigt. Damit sei die Basis geschaffen für eine Selbstverwaltung, die sich das Vertrauen von Politik und BMG zurückerobere und keine weiteren Eingriffe der Rechtsaufsicht benötige.

Die Erfahrung, im Dauerstreit mit dem Gesundheitsministerium in den zurückliegenden Jahren stets den Kürzeren gezogen zu haben, scheint auf das System traumatisch gewirkt zu haben. Sie zog sich wie ein roter Faden durch die Redebeiträge bei der Versammlung am Donnerstag und Freitag in Berlin.

"Nun kommt es darauf an, dass wir gemeinsam in die Politik hineinwirken und jene Durchschlagskraft zurückgewinnen, die wir wegen vieler Querelen in den vergangenen Jahren eingebüßt haben", sagte der wiedergewählte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen im Anschluss an seine Wahl.

Die politische Anämie der vergangenen Jahre geht zu einem Teil auf eine hart geführte Auseinandersetzung zwischen den Versorgungsbereichen zurück. Der alte und neue KBV-Chef Gassen versuchte diese vor allem auf der Bundesebene ausgetragene Kontroverse stets kleinzureden. Jetzt soll die Vorstandsarbeit teamorientiert werden. Dazu haben sich alle drei Vorstände und auch der neue Vorsitz der Vertreterversammlung bekannt.

Nach innen dürfe es durchaus einen kritischen Diskurs geben, die Speere müssten aber nach außen gerichtet werden, sagte Gassens neuer Stellvertreter Dr. Stephan Hofmeister. Die KBV müsse als Moderatorin zwischen den KVen, aber auch zwischen Haus- und Fachärzten sowie Psychotherapeuten auftreten.

Mit deutlichen Worten umriss Dr. Thomas Kriedel auf der neu geschaffenen Position des dritten Vorstands, wie er die Rolle zu interpretieren gedenkt. Er könne versichern, dass er sich von keinem Versorgungsbereich vereinnahmen lassen werde. "Ich stehe für alle Versorgungsbereiche", sagte der 67-Jährige. Das KBV-System, mithin also die Selbstverwaltung, lebe vom Vertrauen der Mitglieder. "Wir gehen mit Ihren Geldern um", wandte er sich an die Delegierten. Dafür brauche man Compliance.

Mit Kriedel, Reis-Berkowicz sowie ihrem Beisitzer Dr. Rolf Englisch sind in den neuen Führungsgremien mehr Vertreter der Freien Allianz der Länder- KVen (FALK) vertreten als bisher. Dieses Bündnis hatte sich in der Vergangenheit kritisch gegenüber der KBV-Politik positioniert.

"Einen ist ein großes Wort", sagte Reis-Berkowicz darauf angesprochen, wie sie die noch schwelenden Konflikte moderieren wolle. Es gehe zunächst darum, Ziele auszutauschen und auf einer sachlichen Ebene zusammenzuarbeiten.

Auch in den Verbänden herrscht noch Skepsis. Der Hausärzteverband verwies darauf, dass sich die "Aushöhlung" des Hausarztberufes sich unter dem neuen KBV-Vorstand nicht fortsetzen dürfe. Hoffnung auf neue Wege im Umgang und konstruktiven Miteinander zwischen dem KV System und den hausärztlichen und fachärztlichen Berufsverbänden formulierte der Spitzenverband der Fachärzte Deutschlands (SpiFa).

Bei der VV am Freitag zeigte sich nicht jeder vom Willen zur Harmonie überzeugt. "Mal sehen, wie lange das gut geht", war ein mehrfach zu hörender Stoßseufzer.


Das sind die neuen Köpfe hinter der KBV

Drei neue KBV-Vorstände und drei neue Vorsitzende der KBV-Vertreterversammlung sind nach ihrer Wahl vergangene Woche mit Elan und Optimismus angetreten. Die Ärzte Zeitung stellt die Gewählten und ihre neuen Ideen kurz im Einzelnen vor.

Kontinuität im Vorstand

Dr. Andreas Gassen

Dr. Andreas Gassen. Mit der Agenda "KBV 2020" zurück zur Sacharbeit. © Rolf Schulten

Wir werden scharf darauf achten, dass es im Rahmen der EBM-Weiterentwicklung keine Leistungsausweitung ohne entsprechenden Honorarzuwachs gibt!“ Der Düsseldorfer Orthopäde, Unfallchirurg und Rheumatologe Dr. Andreas Gassen löste im März 2014 Dr. Andreas Köhler ab. Er war seit 2006 Mitglied der Vertreterversammlung der KV Nordrhein. 2011 übernahm er den stellvertretenden Vorsitz der KBV-VV. Gassen will mit der von der VV bereits im Mai 2016 einstimmig verabschiedeten Agenda KBV 2020 bei der Politik verloren gegangenes Terrain zurückgewinnen.

Neuer Vorstand für Hausärzte

Dr. Stephan Hofmeister

Dr. Stephan Hofmeister will im neuen Amt als Moderator wirken. © Rolf Schulten

„Ein Auseinanderdriften der Versorgungsbereiche hilft immer nur der Gegenseite.“ Die hausärztlichen Interessen im neuen Vorstand vertritt Dr. Stephan Hofmeister. Hofmeister, Jahrgang 1965, ist im schwäbischen Tübingen geboren. Hofmeister war 2011 seiner Vorgängerin Regina Feldmann unterlegen, 2014 übernahm er den Vize-Posten im Vorstand der KV Hamburg. Zuvor war er 14 Jahre als Allgemeinarzt in Hamburg niedergelassen. Hofmeister wird eine gewisse Ferne zum Hausärzteverband nachgesagt. Er hat angekündigt, mit Familie nach Berlin zu wechseln.

Zurück in die Zukunft

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Dr. Thomas Kriedel ist der neue dritte Mann im KBV-Vorstand. © Rolf Schulten

„Wir müssen die verlorene Gestaltungsmacht des KBV-Systems wieder herstellen!“ Dr. Thomas Kriedel kennt die Rolle als dritter Vorstand. Der gelernte Volkswirt übte sie bereits in der KV Westfalen-Lippe aus. Für die Vertragsärzte ist er seit 2015 alternierender Vorstand der Gesellschafterversammlung und des Verwaltungsrats der gematik. Er wolle sich im neuen Amt nicht auf Finanzen, Controlling und IT reduzieren lassen, sagte der 67-Jährige der „Ärzte Zeitung“. Sein Credo: „Wir müssen zurück zur Sacharbeit finden. Die Zukunft wartet nicht.“

Berufspolitik vom Land aus

Dr. Petra Reis-Berkowicz

Dr. Petra Reis-Berkowicz: Erste Frau auf dem KBV VV-Vorsitz. © Rolf Schulten

Petra Reis-Berkowicz ist seit 1990 im oberfränkischen Gefrees niedergelassene Hausärztin. Die 57-Jährige ist in der KV Bayerns, der KBV und im Bayerischen Hausärzteverband aktiv. Eine von ihr 2014 mitgetragene Initiative führte zur Einführung der Stimmenparität in der KBV-VV.

Blockbildung? Nein Danke!

Dipl.-Psych. Barbara Lubisch

Dipl.-Psych. Barbara Lubisch will die Blockbildungen überwinden helfen. © Rolf Schulten

Eine neue Gesprächskultur in der KBV wünscht sich die neue stellvertretende Vorsitzende der Vertreterversammlung Barbara Lubisch. Als Psychotherapeutin wirkt sie in einer Praxisgemeinschaft in Aachen. Die 62-Jährige ist Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung.

Neu in der VV, neu im Amt

Dr. Rolf Englisch

Dr. Rolf Englisch, neu in der KBV-VV und gleich ein Amt. © Rolf Schulten

Dr. Rolf Englisch ist neu in der Vertreterversammlung der KBV. Der in Bielefeld niedergelassene Gynäkologe ist seit 2004 Mitglied der Vertreterversammlung in Westfalen-Lippe und dort im Ausschuss für Honorarverteilung. Der 54-Jährige ist Vorsitzender des Landesverbands der Frauenärzte.

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