Ärzte Zeitung, 03.04.2017
 

Masterplan

Wenig Lob, viel Kritik

Nur wenige Reformpläne stoßen auf solch breites Echo wie der für das Medizinstudium. Die Finanzierungslücke sorgt für harsche Kritik.

Von Jana Kötter und Ruth Ney

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Repräsentanten der 38 deutschen universitären Einrichtungen der Allgemeinmedizin: Gemeinsam haben sie auch beraten, was der Masterplan für sie bedeutet.

© DEGAM

BERLIN. Nach dem offiziellen Beschluss des Masterplans überwiegt bei vielen der Ärger über die weiterhin unbekannte Finanzierung der Studienreform. So haben Verbände und Politiker die Verabschiedung des Maßnahmenpakets zwar weitgehend gelobt – die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) zeigte sich am Freitag "erleichtert", dass man sich einigen konnte. Die Finanzierungslücke und – wenn auch wesentlich weniger deutlich – die im Masterplan nicht vorgesehene Erhöhung der Studienplatzzahl stoßen jedoch auf harsche Kritik.

BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery nannte es "enttäuschend", dass sich Bund und Länder nicht auf eine Finanzierung einigen konnten. "Dadurch fehlen klare Vorgaben für wichtige Bereiche." Der Medizinische Fakultätentag (MFT) habe "wiederholt hingewiesen, dass eine erfolgreiche Weiterentwicklung des Medizinstudiums nur durch ein belastbares Finanzierungskonzept gelingen kann", monierte MFT-Präsident Heyo K. Kroemer. Auch kritisierte er die mangelnde Einbindung wichtiger Akteure; der Reformkatalog sei dem MFT erst am Freitag offiziell bekannt geworden. Die "Ärzte Zeitung" hatte erstmals im Dezember einen Einblick in das bis zuletzt streng unter Verschluss gehaltene Dokument gegeben.

In einer Stellungnahme der Deutschen Hochschulmedizin e.V. wird nochmals explizit darauf hingewiesen, dass der Masterplan zwar viele sinnvolle Punkte enthale, etwa die Kompetenzorientierung der Ausbildung oder die frühe Verknüpfung theoretischer und klinischer Lehrinhalte über den gesamten Verlauf des Studiums. Vieles davon werde auch bereits an den Fakultäten in unterschiedlicher Form umgesetzt. Dennsoch seien andere Maßnahmen wie die Einführung eines vertragsärztlichen Pflichtquartals für alle Studierenden außerhalb bislang etablierter Lehrstrukturen ohne die Bereitstellung zusätzlicher Mittel nicht möglich.

In der Gegenfinanzierung der verabschiedeten Maßnahmen seien "zusätzliche Mittel genauso notwendig wie eine Prioritätensetzung", erklärte Professor Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Uni Frankfurt, der "Ärzte Zeitung". Angesichts milliardenschwerer Gesamtausgaben für die Universitätsmedizin seien die nun anfallenden Kosten ein Bruchteil; darüber hinaus würden durch die Maßnahmen wegfallende Kosten in der Kalkulation bislang nicht ausreichend berücksichtigt. "Ich beobachte eine zum Teil sehr besitzstandswahrend geführte Diskussion", so Gerlach.

Er war Teilnehmer des jüngsten, erstmaligen Spitzentreffens der Repräsentanten aller 38 deutschen universitären Einrichtungen der Allgemeinmedizin. Gerlach nahm bei der Tagung, zu der die DEGAM und ihre Stiftung eingeladen hatten, eine "deutlich erkennbare Aufbruchstimmung" im Fach wahr, die durch die Verabschiedung des Masterplans noch verstärkt würde.

Thema des Treffens, das nur eine Woche vor Verabschiedung der Reform stattgefunden hatte, war auch die Lehre unter den neuen Vorgaben. Künftig wolle man jährlich beraten, wo Probleme liegen und an welchen Stellen Institute auch in der Umsetzung der Reform voneinander lernen können, sagte Philipp Leson, Sprecher der DEGAM, der "Ärzte Zeitung".

Grundsätzlich begrüßt die DEGAM vor allem die Aufwertung der Allgemeinmedizin im Studium in Form eines verpflichtenden PJ-Quartals im ambulanten vertragsärztlichen Bereich sowie die M3-Prüfung in der Allgemeinmedizin sind Meilensteine für die Positionierung des Faches und werden dazu beitragen, dass das Medizinstudium zukünftig insgesamt praxisrelevanter wird und sich wieder mehr Studierende für den Hausarztberuf entscheiden.

"Als Gesundheitsministerin werde ich darauf achten, dass die Universitätsmedizin Mainz mit der Reform nicht überfordert wird", kündigte Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) am Freitag für Rheinland-Pfalz an. Bereits Anfang der Woche solle es für ihr Land einen Runden Tisch zur Umsetzung des Masterplans geben.

Auch die Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Gabriele Heinen-Kljajic (Bündnis 90/Die Grünen) betonte, dass durch den Beschluss der Kultumsinisterkonferenz (KMK) sichergestellt werde, dass keine mit Kosten verbundene Maßnahme umgesetzt werde, die nicht zuvor finanziell abgesichert sei. Niedersachsen war eines der verhandlungsführenden Länder in der KMK, die ihre Zustimmung zum Masterplan zuvor unter Finanzierungsvorbehalt gestellt hatte. "Wir lassen es nicht zu, dass die Kosten der Umsetzung auf die Hochschulen und Hochschulkliniken abgewälzt werden", sagte sie in einer Pressemitteilung. Alle Maßnahmen, die tatsächliche Kosten verursachen, lägen daher auf Eis, so lange es keine finanzielle Entlastung für die Hochschulkliniken gebe. "Wenn Bund und Träger keine Bereitschaft zeigen, Finanzierungsverantwortung zu übernehmen, bleibt der Masterplan Makulatur", so Heinen-Kljajic.

Der Marburger Bund (MB) kritisierte, dass Ergebnisse aus den Modellstudiengängen "schon längst" auch in den Regelstudiengängen umgesetzt sein könnten. "Dafür bedarf es keines Masterplans", sagte Victor Banas, Vorsitzender des Sprecherrats der Medizinstudierenden im MB. Sowohl MB als auch Hartmannbund kritisierten, dass der Masterplan etwa durch das Pflichtquartal in der ambulanten Versorgung zusätzlichen Zwang für die Studierenden bedeute.

Ein zentraler Punkt der MB-Kritik ist auch die nicht vorgesehene Erhöhung der Studienplatzzahl. Nötig sei ein Plus von zehn Prozent, hieß es. Auch CDU-Gesundheitspolitiker Tino Sorge hätte sich gewünscht, "dass die Länder sich bei einer moderaten Erhöhung kompromissbereiter gezeigt hätten".

Moritz Völker, der die Medizinstudierenden im Hartmannbund vertritt, appellierte an die Politik, die Studierenden in die nun folgende Arbeit der Expertenkommission einzubeziehen.

Lesen Sie dazu auch:
Medizinstudium: Masterplan startet ohne Finanzplan

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