Ärzte Zeitung online, 18.04.2017
 

Ärztliche Leistungen

Ambulant oder stationär – Ewiger Streitfall Vergütung

Vergleichen niedergelassene Ärzte die Vergütung für erbrachte Leistungen mit dem, was Kliniken abrechnen können, fühlen sie sich oft benachteiligt. Doch eine Harmonisierung der Vergütungen ist eine komplexe Angelegenheit.

Von Ilse Schlingensiepen

Ambulant oder stationär – Ewiger Streitfall Vergütung

Nachrechnen lohnt. Doch beim Vergleich der Vergütungen helfen einfache Rechnungen nicht weiter.

© lilibella/Fotolia.com

KÖLN. Die Harmonisierung der Vergütungssysteme im ambulanten und im stationären Sektor ist äußerst kompliziert und weit mehr als eine rein technische Angelegenheit. Notwendig ist aus Sicht des Gesundheitsökonomen Jürgen Wasem vor allem eine Reihe von politischen Grundsatzentscheidungen. "Wir müssen der Politik klar machen, dass sie Farbe bekennen muss", sagte Wasem kürzlich auf dem "Gesundheitskongress des Westens" in Köln. Dazu gehöre die Entscheidung, ob die sowohl im EBM als auch im DRG-System bestehenden Elemente der Budgetierung und der Mengenbegrenzung fortgeschrieben werden sollen. Notwendig sei auch eine normative Entscheidung der Politik, welche der Unterschiede in den Systemen beibehalten werden sollen.

Erlaubnis- und Verbotsvorbehalt

Ein zentraler Punkt ist für Wasem der Umgang mit Innovationen und medizinischem Fortschritt. "Man kann nicht die Vergütung harmonisieren, ohne auch beim Umgang mit Innovationen eine Harmonisierung hinzubekommen." Der Gegensatz von Erlaubnisvorbehalt im ambulanten Bereich und Verbotsvorbehalt im stationären könne in einem einheitlichen Vergütungssystem nicht bestehen bleiben, betonte er.

Die Innovationsfinanzierung in der belegärztlichen Versorgung sieht Dr. Bernhard Rochell, Verwaltungsdirektor der KBV, als einen sinnvollen Ansatz für eine punktuelle Zusammenführung der ambulanten und der stationären Vergütung. Es mache keinen Sinn, dass den Belegärzten im Krankenhaus die innovative Versorgung der Patienten versagt bleibt, sagte er.

Auch die Notfallversorgung und die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) bieten sich aus seiner Sicht an. "Ziel muss ein einheitliches Entgelt für die ASV sein." Von einer "Revolution" – der Zusammenführung von EBM und DRG auf einen Schlag – hält der KBV-Experte nichts. "Es wäre nicht einfach, die historisch gewachsenen Unterschiede mit einem politischen Federstrich zu ersetzen."

Auch der Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW Jochen Brink plädierte für eine Politik der kleinen Schritte statt des "Big Bang" bei dem Versuch einer Angleichung der Vergütungen. Regionale Modelle mit Akteuren, die sich kennen und vertrauen, könnten dabei ein Weg sein.

"Leistungen, die man vergleichen will, müssen tatsächlich identisch sein", sagte Brink. In den Sektoren gebe es aber häufig unterschiedliche Leistungsmerkmale, auch die Risikoverteilung sei anders. Das müsse bei der Vergütung berücksichtigt werden.

Der entscheidende Aspekt ist nach Meinung von Dr. Wolfgang-Axel Dryden, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, die beabsichtigte steuernde Wirkung der Gebührenordnung. "Manche sagen: Honorarpolitik ist Strukturpolitik, und da ist etwas dran." Bei der Schaffung einer sektorübergreifenden Vergütungssystematik müssten deshalb Fragen gestellt werden wie: Bezahle ich die Bereitstellung von Technik, den Einsatz von Technik, Zuwendung, den zeitlichen Einsatz eines Arztes? Gleichzeitig müsse man immer im Blick haben, welche Dinge wirklich vergleichbar sind, forderte auch Dryden. Er verwies auf die unterschiedlichen Finanzierungsgrundlagen in Klinik und Praxis und an unterschiedliche Anforderungen wie den Facharztstatus im ambulanten Bereich und den Facharztstandard in den Krankenhäusern.

Was wird auf welcher Ebene erwartet?

"Wir müssen definieren, welche Technik und Grundausstattung wir auf welcher Versorgungsebene erwarten", sagte er. Zudem müsse eine Gebührenordnung den unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern und Herausforderungen von Hausärzten, konservativen Fachärzten und Spezialisten ebenso Rechnung tragen wie regionalen Besonderheiten. Ziel sollte es sein, dass die Gebührenordnung in jeder Region die Versorgung der dort vorhandenen Morbidität abbildet. "Dabei kann ein Honorarmodell hilfreich sein, über das ich die notwendige Strukturen bereitstelle und dann die Versorgung der Patienten über die Sektoren hinweg gemeinsam und gleich bezahle", sagte Dryden.

[20.04.2017, 10:07:38]
Klaus Günterberg 
Gleiches Geld für gleiche Arbeit. Die Harmonisierung ärztlicher Vergütungssysteme ist durchaus möglich
„Die Harmonisierung der Vergütungssysteme im ambulanten und im stationären Sektor ist äußerst kompliziert und weit mehr als eine rein technische Angelegenheit.“ Das stimmt zweifellos.
Dennoch ließe sich durchaus das Prinzip „Gleiches Geld für gleiche Arbeit.“ umfangreich verwirklichen, ohne gleich alle medizinischen Vergütungssysteme komplett zu ändern.

Z. B. für alle Eingriffe, die sowohl ambulant wie auch stationär erbracht werden.
Z. B. für alle Beratungen im Rahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung: Da könnte man durchaus die Stunde/Viertelstunde/Zehn Minuten Beratung (gemeint ist hier die Zeiteinheit) gleich bezahlen, dem Neurologen, dem Hausarzt, dem Gynäkologen, jedem Vertragsarzt. Sie sind letztlich alle gleich qualifiziert.
Z. B. für gleiche Arbeit in jedem Bundesland. Es ist längst an der Zeit, die gleiche ambulante OP oder die gleiche Untersuchung oder die gleiche ärztliche Beratung gleicher Länge in Brandenburg, im Saarland oder in Bayern gleich zu bezahlen. Es ist die Kleinstaaterei in der ambulanten Medizin längst nicht mehr zeitgemäß!

Dr. Klaus Günterberg
Gynäkologe Berlin
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