Ärzte Zeitung online, 26.04.2017
 

Hessen

Stärkere Triage bei Notfallversorgung

Um die Notfallversorgung tobt in Hessen seit langem Streit. In Frankfurt gaben sich Verantwortliche nun konstruktiv – und präsentierten mögliche Lösungen.

Von Jana Kötter

FRANKFURT/MAIN. Eine klare Triage und eine zentrale Telefonnummer anstelle der 116.117 für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) zusätzlich zur Notrufnummer 112 – darin sehen Gesundheitspolitik, Klinikvertreter, Kassen und Vertragsärzte in Hessen Lösungen für eine bessere Patientensteuerung in der Notfallversorgung. Bereits Ende 2018 könnte als erster Schritt eine einheitliche Abfrage stehen, die Patienten im Notfall durchlaufen – in der Praxis, der Notaufnahme, aber auch in der Leitstelle, sagte Jochen Metzner, Referatsleiter im Landessozialministerium, am Montagabend.

Bei der Veranstaltung mit dem treffenden Titel "Hessens Notfallversorgung – selbst ein Notfall?" der Gesundheitswirtschaft Rhein-Main gab Metzner Einblicke in die Ergebnisse eines Gesprächs, zu dem das Ministerium KV und Klinikvertreter Anfang April geladen hatte. Damals hatte sich der Streit um die Notfallversorgung in Hessen zugespitzt (die "Ärzte Zeitung" berichtete).

Am Montagabend wurde die Frage nach der Vergütung, die zuletzt für Ärger sorgte, umschifft und vor allem auf die koordinierte Inanspruchnahme gesetzt. Um Kliniken zu entlasten, sei eine Triage nötig. Im besten Fall im doppelten Sanduhr-Prinzip, hieß es: an einer Seite die Notaufnahme, an der anderen der ÄBD – und in der Mitte eine zentrale Anlaufstelle.

Aktuell sei die Tendenz des Patienten, sich im gefühlten Notfall an die Klinik zu wenden, "natürlich", erklärte Dr. Tobias Kaltenbach, Sprecher der Kliniken des Main-Taunus-Kreises. "Bei uns hat er die höchste Sicherheit." Dr. Ralf Ackermann, Präsident der Landesfeuerwehrverbände, sieht den Grund für die überlaufenen Notfallambulanzen jedoch vor allem in der Unwissenheit der Patienten: "Außerhalb der Praxiszeiten ist jeder zweite bis dritte Anruf eine Anfrage, die außerhalb des originären Notdienstes liegt", beobachtet er aus den Leitstellen der 112. Das gehe bis hin zur Frage, wo die nächste Apotheke geöffnet sei. Die Feuerwehr verweise dann auf die 116.117. "Hier besteht eindeutig Verbesserungsbedarf", so Ackermann. Ob dieser eine gemeinsame Leitstelle oder gar die Zusammenlegung der Telefonnummern sein kann, darüber herrschte am Montag keine Einigkeit.

Aktuell laufen Brand- und Katastrophenschutz, Rettungsdienst und die Disposition des Notarztes in 25 Leitstellen – 21 in den Landkreisen, vier in Großstädten – zusammen. Die KV bietet Hilfe an – allerdings nur bei einer Reduktion auf fünf Leitstellen. "Aktuell sprechen wir über 25 Sandkästen, in denen Landräte und Bürgermeister buddeln", rügte Hessens KV-Chef Frank Dastych scharf. Eine Kooperation sei nur denkbar, wenn auch die medizinische Qualifikation der Disponenten sichergestellt wäre. Dastych ist zuversichtlich, die Bekanntheit der 116.117 mit einer Informationskampagne stärken zu können.

Rainer Greunke, Geschäftsführender Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, der im Publikum saß, widersprach hier deutlich: "Die Verbindung zur 112 wird bereits im Kindergarten geschaffen", erklärte er. "Es bräuchte schon eine Art Dauerberieselung, um ein solches Bewusstsein für die 116.117 zu schaffen." Aus seiner Sicht müsse sich das System an dem Bürger orientieren und dürfe daher nur eine zentrale Nummer vorhalten.

Barmer-Landeschef Norbert Sudhoff nannte eine zentrale Nummer "wünschenswert". Er vereinte die Diskussion mit dem Vorschlag einer Modellregion, vorzugsweise in Nordhessen. "Hier könnten die Diskussionen zeitnah Praxis werden." Auch könnte dort der Leitstellendisponent, ein neues, bislang nur von Bayern und Hessen geplantes Berufsbild, frühzeitig zum Einsatz kommen.

38% der Fälle in der Notfallabrechnung der Kliniken fielen laut Angaben der KV Hessen zu Zeiten an, in denen die Praxen geöffnet sind.

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