Ärzte Zeitung online, 17.07.2017

Bereitschaftsdienst

In Bremen entscheidet das Los, wer ran muss

Ungeliebter Bereitschaftsdienst: Nur noch 75 Freiwillige stützten zuletzt den Dienst in Bremen. Weil das nicht mehr reicht, wird nun gelost.

Von Christian Beneker

In Bremen entscheidet das Los, wer ran muss

Nicht nur auf dem Jahrmarkt sind Lose gefragt – die KV Bremen muss seit Juni auslosen, wer im zweiten Halbjahr Dienste übernehmen muss.

© Andre Bonn / Fotolia.com

BREMEN. Zehn Jahre haben freiwillige Ärzte in Bremen den Bereitschaftsdienst (BD) aufrecht erhalten. Aber die Dienste werden anstrengender, die Freiwilligen wurden älter oder gingen in den Ruhestand. Nun fehlen Ärzte im BD und die KV Bremen (KVHB) muss seit Juni auslosen, wer im zweiten Halbjahr Dienste übernehmen muss. "Wir hatten daraufhin viele verärgerte Anrufer", sagt Christoph Fox, Sprecher der KV Bremen, der "Ärzte Zeitung".

Im Bereitschaftsdienst Bremen Stadt müssen im halben Jahr 2000 Schichten besetzt werden. Seit 2008 haben sich dafür stets genug freiwillige Ärzte gefunden. Das ist nun vorbei: Rund 75 Freiwillige stemmen noch rund 1500 Dienste. Das genügt nicht.

"Wir haben viele Aktive, die jetzt mit 70 Jahren gesagt haben – es reicht", berichtet der Gynäkologe Dr. Lutz Hoins, Mitglied in der Bereitschaftsdienstkommission der KVHB.

Der Behandlungs-, Telefon-, und Fahrdienst wird ihnen zu anstrengend. Aber das sei nur einer der Gründe für den Engpass im BD. Was den Bereitschaftsdienst immer anstrengender macht, "sind auch hier die vielen Bagatellfälle", sagt Hoins. "In einer Wochenendschicht von 24 Uhr bis 8 Uhr morgens sehe ich im Schnitt 24 Patienten. In der Woche sind es pro Nacht zehn bis 15 Patienten." Die Ruhephasen während des Dienstes werden immer kürzer. Wenn es dann direkt mit dem heimischen Praxisbetrieb weitergeht, wird es hart.

Dass der "Notdienst" überdies inzwischen "Bereitschaftsdienst" heiße, habe ihm nicht gutgetan. Die Aufgabe des Bereitschaftsdienstes werde missverstanden. "Wir wollen die Patienten ja nur gut über die Nacht oder über das Wochenende bringen", sagt Hoins. "Deshalb ist die BD Praxis auch nur ausgerüstet wie im Lambarene." Aber inzwischen verweisen auch immer mehr niedergelassene Kollegen auf den Bereitschaftsdienst, statt bei Vakanzen eine Praxisvertretung zu suchen. "Dann entfällt für die Kollegen auch die Gefahr, dass ihre Patienten etwa abwandern."

In ihrem jüngsten Landesrundschreiben hat die KV tatsächliche und vermeintliche Gründe aufgelistet, die vor dem Bereitschaftsdienst bewahren. "Am häufigsten ist bei den Ärzten natürlich die Sorge, dass sie ihren Bereitschaftsdienst nicht ordentlich machen", sagt KV-Sprecher Fox.

Deshalb bietet die KV nun Auffrischungskurse. Allerdings können die diensthabenden Ärzte auf eigene Kosten Vertreter suchen. "Die Tauschplattform im Internet ist jedenfalls gut besucht", sagt Hoins. Inzwischen lege sich der Ärger der Kollegen aber wieder, so Hoins.

Nicht nur, weil es sich pro Arzt nur um einen Dienst im Halbjahr dreht, sondern auch, weil in Bremen wie folgt honoriert wird: Die Stundensätze liegen je nach Dienst zwischen 45 und 65 Euro. Dazu kommen Fallpauschalen in Höhe von 16,50 Euro (Behandlungsdienst), zwölf Euro (Telefondienst) und 40 Euro (Fahrdienst). Mancher Kollege habe sogar Gefallen gefunden am BD. Hoins: "Ich habe von Kollegen aus den Auffrischungskursen gehört, dass sie die Arbeit im BD nach dem Kurs richtig toll fanden."

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