Ärzte Zeitung online, 11.10.2017
 

Herausforderung Digitalisierung

Telemedizinischer Nachholbedarf in Nordfriesland

Bei einem Ortstermin im ländlichen Nordfriesland macht Schleswig-Holsteins Kammerchef Dr. Franz Bartmann die Erfahrung, dass beim Thema Telemedizin noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten ist.

Von Dirk Schnack

Nordfriesen stellen viele Fragen

Schleswig-Holsteins Kammerpräsident Dr. Franz Bartmann diskutiert mit Landfrauen in Nordfriesland.

© di

REUßENKÖGE. Die Gesundheitspolitik diskutiert seit Jahren über die Chancen von Digitalisierung und Telematik. Was aber kommt davon bei den Menschen an? Die Ärztekammer Schleswig-Holstein hört das direkt an der Basis. In mehreren Veranstaltungen mit dem Landfrauenverband informiert sie über Chancen und Risiken. Ein Ortstermin in Nordfriesland zeigt, dass die Landbevölkerung zum Teil verunsichert über mögliche Folgen, größtenteils aber aufgeschlossen für die Möglichkeiten der Telemedizin ist.

Rund 100 Landfrauen und vereinzelt ein paar Männer haben sich an einem Montagabend in einer Halle in der Gemeinde Reußenköge versammelt. Ländlicher als hier geht es kaum – direkt am Deich an der Nordsee liegen nur noch einzelne Hofstellen, und die auch schon weit auseinander. Trotzdem sind der Einladung des Kreislandfrauenverbandes viele Menschen gefolgt.

"Alles keine Hexerei"

Schleswig-Holsteins Ärztekammerpräsident Dr. Franz Bartmann, der Landesvorsitzende der Hausärzte Dr. Thomas Maurer und der Verwaltungschef des Klinikums Nordfriesland, Christian von der Becke, stellen die Chancen dar. Bartmann zeigt, wie Videosprechstunden funktionieren, was medizinisches Fachpersonal per Telemedizin alles im Haus der Patienten an die Praxis übermitteln kann und berichtet, was über Modelle wie Medgate in der Schweiz künftig noch zu erwarten ist. "Alles keine Hexerei", macht er klar.

Die Landfrauen sind zufrieden: Die aufgezeigten Anwendungen eröffnen ihnen Möglichkeiten, die ihnen bei drohender Abnahme der Praxen ohne Telemedizin verwehrt blieben. Maurer, selbst in Nordfriesland niedergelassen, geht auf die Rahmenbedingungen ein. Die Zahl der Praxen in Nordfriesland nimmt ab, dafür werden die Einheiten größer. Eine telemedizinische Vernetzung würde also helfen: Beim Delegieren, durch verbesserte Diagnose und Therapie, durch Zeitersparnis, durch zusätzliche Expertise. Maurer stellt aber klar, dass die Arzt-Beziehung auch künftig auf persönlichem Kontakt beruhen wird: "Das funktioniert nicht wie bei Amazon."

Von der Becke hebt auf die erhoffte bessere Zusammenarbeit zwischen den Sektoren ab, die mit Telemedizin erreicht werden könnte. Er stellt klar, dass die digitalen Möglichkeiten in der Medizin noch längst nicht ausgeschöpft sind und die Digitalisierung noch viel Fortschritt erlaubt – wenn noch bestehende Hindernisse und Bedenken ausgeräumt werden können.

Die Nordfriesen hören sich das zwar interessiert und aufgeschlossen an – haben aber jede Menge Fragen. Zum Beispiel: "Wem gehören meine Daten?" Natürlich der Patientin. Warum es technisch dennoch schwer möglich ist, ihr die Daten auch mitzugeben, leuchtet längst nicht allen ein. Die Frage nach dem praktischen Nutzen der Telemedizin ist für die meisten schon beantwortet. Die Hoffnung auf kürzere Wartezeiten aber müssen Bartmann und Maurer unisono enttäuschen. Bei der Frage, ob die Mediziner denn überhaupt angemessen telemedizinisch ausgebildet werden, zerstreut Bartmann die Bedenken: "Die jungen wachsen damit auf, das ist für die selbstverständlich." Und die elektronische Gesundheitskarte? Warum die nun immer noch nicht mehr kann, ist in der Kürze der Zeit den Menschen kaum zu vermitteln. Bartmann gelingt es aber, die Vorteile klarzumachen. Er appelliert: "Wenn wir nicht in die Puschen kommen, ist unser Gesundheitswesen bald nur noch zweitklassig."

Hoffnung, aber auch Bedenken

Ein niedergelassener Arzt aus der Region hat sich die Diskussion über zwei Stunden angehört. Dann steht er auf und äußert seine persönlichen Bedenken: "Telemedizin darf nicht als Alibi genutzt werden, damit Politik sagen kann: Ihr braucht keine Ärzte, es gibt doch Telemedizin." Für ihn steht deshalb fest, dass ärztlicher Nachwuchs wichtiger ist als Telemedizin. Die Landfrauen gehen zwar nachdenklich nach Hause, haben aber Hoffnung. Ihre Vorsitzende Marga Albrecht sagt: "Ich glaube, dass unsere ärztliche Versorgung in fünf Jahren auch mit Hilfe von Telemedizin gewährleistet wird."

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