Ärzte Zeitung online, 30.10.2017

Honorarstreit

Grundversorgung: Hausärzte wollen "Kriegsflagge ausrollen"

Fachärztliche Grundversorger gegen Allgemeinmediziner? Der Hausärzteverband sieht den casus belli und will die Honorartrennung zwischen Haus- und Fachärzten erhalten.

Von Raimund Schmid

Grundversorgung: Hausärzte wollen "Kriegsflagge ausrollen"

Streitthema grundversorgende Fachärzte. Die Hausärzte wollen den "honorarpolitischen Angriff" keiner Weise hinnehmen, so der Tenor auf der practica in Bad Orb.

© fotomek / Fotolia

BAD ORB. Der Deutsche Hausärzteverband hat bei der practica 2017 in Bad Orb angekündigt, gegen alle fachärztlichen Gruppierungen, die als so genannte Grundversorger ureigene hausärztliche Tätigkeiten auch für sich reklamieren wollen, "die Kriegsflagge" auszurollen. Wie Hauptgeschäftsführer Eberhard Mehl der "Ärzte Zeitung" sagte, werde man diesen "honorarpolitischen Angriff" auf die Hausärzte in keiner Weise hinnehmen. Denn die mühsam erkämpfte Honorartrennung zwischen Haus-und Fachärzten werde ausgehebelt, wenn künftig ureigene hausärztliche Leistungen grundversorgender Fachärzte aus dem Hausärztetopf finanziert würden. Mehl: "Wir werden mit allen Mitteln verhindern, dass die Fachärzte bei uns Gold zu schürfen versuchen."

Zudem seien Fachärzte in keiner Weise fachlich für hausärztlichen Aufgaben qualifiziert, stellte Dr. Michael Mühlenfeld, Tagungspräsident der Praktika und Vorsitzender des Instituts für hausärztlichen Fortbildung (IhF), fest. Die Tätigkeit eines Hausarztes sei sehr gut mit den Leistungen eines Zehnkämpfers zu vergleichen, der hierfür aber ein ganz anderes Training benötige als zum Beispiel ein Kugelstoßer, der lediglich in einer Disziplin der Spezialist sei.

Nach Ansicht von Hausärzte-Verbandschef Ulrich Weigeldt müsse ein Allgemeinarzt heute sogar weit mehr als zehn Disziplinen im Blick haben, um den Patienten als ganzen Menschen vom Kind bis ins hohe Alter und vom Fuß bis zum Kopf gerecht werden zu können. In diesem Sinne könne ausschließlich der Hausarzt als Facharzt für Allgemeinmedizin der grundversorgende Facharzt sein.

Für besser geeignet hält Weigeldt aber ohnehin die Bezeichnung "qualifizierter Primärversorger", da 80 Prozent aller Patientenanliegen in der Hausarztpraxis abschließend gelöst werden könnten.

Diese Voraussetzungen könnten Fachärzte nicht annähernd erfüllen, war auch die überwiegende Meinung der Teilnehmer des traditionellen berufspolitischen Oktoberfestes bei der practica. Viele Hausarztpatienten seien multlimorbid oder hätten keine eindeutige Erstdiagnose, die Fachärzte zur zielgerichteten Behandlung jedoch benötigten. Zudem bestehe die Gefahr, dass grundversorgende Fachärzte Kapazitäten binden, die Wartezeiten für eigentliche Facharzt-Patienten weiter unnötig verlängerten. Und schließlich würden auch die Kosten steigen, wenn künftig nicht nur weitergebildete Allgemeinärzte entscheiden, wann die Spirale für die teure Spezialversorgung durch Fachärzte im ambulanten und stationären Sektor in Gang kommen soll.

Allerdings wies Mehl in Bad Orb auch darauf hin, dass die Hausärzte dieses Alleinstellungsmerkmal nur für sich beanspruchen dürfen, solange sie auch ständig qualifizierte Fortbildungen nachweisen können. Das sei nicht bei allen der Fall. Mit der practica in Bad Orb – mit 1100 Teilnehmern der größte Seminar-Kongress für Hausärzte in Europa - sowie den HzV- und IhF-Fortbildungen sei der Hausärzteverband aber hier genau auf dem richtigen Weg.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Honorarstreit : Zeit für ein Spitzengespräch

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