Ärzte Zeitung, 03.11.2017
 

Pädiater, Geriater: Konkurrenten oder Partner für Hausärzte?

Hausärzte sehen sich in einem zunehmenden Kompetenzgerangel mit anderen Fachgruppen. Bei der practica in Bad Orb sann der Hausarztverband über Gegenstrategien nach.

Von Raimund Schmid

Pädiater, Geriater – 
            Konkurrenten oder Partner für Hausärzte?

Mädchen in der Sprechstunde eines Kinderarztes: Wer übernimmt die Versorgung nach 21 Uhr?

© pressmaster/stock.adobe.com

BAD ORB. Der Deutsche Hausärzteverband fühlt sich von Teilen der Fachärzte, die die fachliche Kompetenz der Allgemeinärzte in Frage stellen, "massiv angegriffen". Bei der practica in Bad Orb blies der Hausärzteverband nun zur Gegenoffensive.

Die Strategie mancher Fachärzte sei es, erst ein inhaltliches Feld neu aufzumachen und dies dann mit einem neuen Facharzt bestücken zu wollen, kritisierte Eberhard Mehl, Hauptgeschäftsführer des Hausärzteverbandes in Bad Orb.

Bei der Geriatrie sei dies bisher nicht so dramatisch, weil wenige Dutzend Facharzt-Geriater noch lange nicht die geriatrische Vormachtstellung der Hausärzte ins Wanken bringen könnten. Doch könnten aus den wenigen Geriatern "bald einige 100 werden", die dann die Versorgung für sich beanspruchen und den Hausärzten bei der ambulanten geriatrischen Versorgung nur die Sicherstellung der Versorgung zugestehen werden.

Gesprächskultur hat sich verbessert

So wie bei der Pädiatrie, bei der Hausärzteverbandschef Ulrich Weigeldt diese "Schieflage" trotz der mittlerweile "besseren Gesprächskultur" seit langem beobachtet. Beim berufspolitischen Oktoberfest der practica kritisierte er die Arbeitsteilung: Bis 21 Uhr seien Pädiater mit ihren dann häufig endenden Notdiensten primärer Ansprechpartner für Kinder. Ab 21.01 Uhr oblägen diese Aufgaben dann dem Hausarzt. Man müsse in diesem Zusammenhang fragen, ob Kinder nach 21 Uhr ganz anders krank seien. Allerdings gebe es in dieser Frage zurzeit in einer eigens gegründeten Arbeitsgemeinschaft Annäherungen zwischen Pädiatern und Allgemeinärzten, stellte Professor Erika Baum fest, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM).

Kinder- und Jugendärzte hätten erkannt, dass sie die Versorgung aller Kinder allein nicht mehr stemmen könnten. Über diese Erfahrung wusste Armin Beck, erster Vorsitzender des Hausärzteverbandes Hessen, zu berichten. Pädiater seien in Hessen bereits auf Hausärzte zugekommen, um sie zu bitten, einen Teil der jungen Patienten mit zu übernehmen.

Derartige Annäherungen zeichnen sich indes im Bereich der palliativmedizinischen Versorgung noch nicht ab. Dr. Hans-Michael Mühlenfeld, wissenschaftlicher Leiter der practica, hält es für untragbar, dass sich auch palliativmedizinisch erfahrene Hausärzte künftig mindestens acht Stunden pro Jahr für die Erbringung besonderer palliativmedizinischer Leistungen fortbilden sollen. Das seien bereits 20 Prozent der gesamten Fortbildungszeit, die pro Jahr von Allgemeinärzten mindestens zu stemmen sind. Für Mühlenfeld "eindeutig zu viel", da die qualifizierte und koordinierte Palliativversorgung bereits Teil der Weiterbildungsordnung in der Allgemeinmedizin sei.

Gut aufgestellt mit der VERAH

Auch der "Physician Assistant" müsse "komplett verhindert" werden, so der Tenor. Zwar sei dessen Wirken bislang eher auf die stationäre Versorgung ausgerichtet, was sich aber auch ändern könnte. Ein Bedarf bestehe für diesen neuen Beruf ohnehin nicht, da Hausärzte mit der Versorgungassistentin (VERAH) bereits hervorragend aufgestellt seien, so Mühlenfeld.

Völlig absurd sei schließlich der Vorstoß der Psychotherapeuten, gegebenenfalls auch Medikamente verordnen zu dürfen. Mehl: "Da kommen wir in andere Welten, in die wir aber alle nicht hinwollen."

Da kommen wir in andere Welten, in die wir aber alle nicht hinwollen.

Eberhard Mehl, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hausärzteverbands, zu Überlegungen, Arzneimittelverordnungen auch durch Psychotherapeuten zu ermöglichen.

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