Ärzte Zeitung online, 14.11.2017
 

Heftiger Streit

Ist im Bereitschaftsdienst nach Mitternacht zu wenig los?

Reicht ein einziger Arzt für den Bereitschaftsdienst, der nach Mitternacht mit dem Auto im Einsatz ist? In Osnabrück wird heftig gestritten.

Von Christian Beneker

Ist im Bereitschaftsdienst nach Mitternacht zu wenig los?

Bereitschaftsdienst: In Osnabrück wird kontrovers diskutiert.

© Michael Reichel / dpa

OSNABRÜCK. Streit um den Bereitschaftsdienst in Osnabrück: Die Bezirksstelle Osnabrück der KV Niedersachsen plant zum Februar 2018, im Bereitschaftsdienst ab Mitternacht nur noch einen Arzt im Fahrdienst einzusetzen anstelle der bislang zwei.

Der Vorstand der KV Niedersachsen hat das Vorhaben eben beschlossen. Eine Gruppe von 16 Ärzten des Notdienstringes Osnabrück kritisieren nun die Entscheidung und wollen die alte Regelung beibehalten. Sogar der Rat der Stadt Osnabrück hat sich gegen eine Neuregelung ausgesprochen.

KV-Bezirkssprecher und Hausarzt Dr. Uwe Lankenfeld unterstützt die Reduktion auf einen Arzt und argumentiert mit der geringen Fallzahl nach 24 Uhr. "Zwischen 22 und 7 Uhr zählen wir im Durchschnitt nur anderthalb Fahrten pro Nacht", so Lankenfeld. "Es ist im Interesse der Kolleginnen und Kollegen, hier zukünftig nur noch einen Arzt einzusetzen."

Nach Auskunft der KV-Pressestelle waren es im ersten Quartal 2017 im fraglichen Zeitraum sogar weniger als eine Fahrt pro Nacht, in Zahlen: 85 Fahrten an 92 Nächten.

Nach Worten Lankenfelds ist der Osnabrücker Notdienstring mit seinen rund 600 Mitgliedern einer der größten im Land. "In vergleichbaren Ringen Celle oder Gifhorn wird ab 24 Uhr auch nur mit einem Arzt in Fahrdienst gearbeitet", sagt Lankenfeld der "Ärzte Zeitung".

Aufregung im Stadtrat

Der Streit hat drei Fraktionen im Osnabrücker Stadtrat (Bund Osnabrücker Bürger (BOB), FDP und CDU) dazu animiert, einen Dringlichkeitsantrag zu stellen. Der Rat möge die Stadt Osnabrück dazu aufzufordern, "auf die Bezirksstelle Osnabrück mit dem Ziel einwirken, diesen Vorgang zu revidieren, so dass im hausärztlichen Notdienst ab 24 Uhr weiterhin mindestens zwei Ärzte zur Verfügung stehen", wie es in dem Antrag heißt.

Einer der Unterzeichner ist der Dermatologe Dr. Thomas Thiele, Fraktionsvorsitzender der FDP im Stadtrat. Sein Name steht auch unter dem Protestschreiben einer Gruppe von 16 Ärztinnen und Ärzte gegen den KV-Beschluss.

Darin schreiben die Absender an ihre Kollegen: "Ein Arzt von Mitternacht bis 7 Uhr ist zu wenig, am Morgen danach wird kaum ein Kollege in die eigene Praxis gehen können – da die Praxisunkosten jedoch weiterlaufen, subventionieren wir hier also auch noch quer."

Nicht nur Autofahrten

Zu den unterschreibenden Kritikern gehört auch Dr. Steffen Grüner. "In den Nächten fallen nicht nur Fahrten zu GKV-Patienten an, sondern auch Telefonate, die Versorgung von Privatpatienten oder Zwangseinweisungen, die vom Landkreis angefordert werden", sagte Grüner der "Ärzte Zeitung". Zudem seien die Wege im Osnabrücker Land weit.

Bis zu 100 Kilometer sind die Ärzte während eines Einsatzes auf Tour, hieß es. Schließlich dürfe man sich nicht wundern, wenn die Patienten nicht mehr den Bereitschaftsdienst anrufen, sondern gleich in die Notfallambulanz eines Krankenhauses gehen, sagte Grüner. "Im Übrigen wollen die Patienten keine überquellenden Notfallambulanzen!"

"Zeitgemäße Abstimmung nötig"

Grüner und die Gruppe der 15 Ärzte fordern deshalb eine "zeitgemäße und kollegiale schriftliche Abstimmung" über die neue Regelung. "Man schafft ja auch nicht die Feuerwehr ab, weil es nur ein Mal im Jahr brennt."

Hintergrund des Streites dürfte auch ein finanzieller sein. Denn auch im Osnabrücker Land werden Bereitschaftsdienste gegen Geld weitergegeben. Wer seinen Dienst loswerden will, muss nach Angaben Grüners 15 bis 20 Euro pro Stunde zahlen – am Wochenende mehr. Von Seiten der KV Bezirksstelle werden sogar Summen von 700 bis 1000 Euro für Feiertagsdienste genannt.

Außerdem zahlt die KV Niedersachsen gegebenenfalls Sicherstellungszuschläge im Bereitschaftsdienst im Osnabrücker Land, wenn der quartalsbezogene Durchschnittswert unter einen Betrag von 40 Euro pro Stunde im Bereitschaftsdienst liegt. Ein Fahrdienst nach 24 Uhr kann also mit Stundenhonorar, Übernahmehonorar und EBM-Einkünften an normalen Wochentagen an die 500 Euro Umsatz bringen.

KV fordert "Optimierung"

"Allerdings sind alle Bezirksstellen gehalten, die Bereitschaftsdienste stets zu optimieren", sagt KV-Sprecher Detlef Haffke der "Ärzte Zeitung". "So wird die Differenz bis zu 40 Euro pro Stunde künftig nur dann weiter bezahlt, wenn die Gesamtstunden im Bereitschaftsdienst reduziert werden. Dies ist der Fall, wenn nur noch ein Arzt ab 24 Uhr den Fahrdienst versieht."

Kurz: Um das Honorar zu erhalten, kann nur noch ein Arzt vom Fahrdienst nach 24 Uhr profitieren. Damit fallen dann für potenzielle Vertreter ab 2018 auch die Hälfte der Vertretungszahlungen ab Mitternacht weg.

[14.11.2017, 08:52:53]
Dr. Hartwig Raeder 
Anmerkung
Wohl nur wenige Ärzte machen mehr KV-Fahrdienste als ich. Ich würde die angestrebte Reduktion in Osnabrück nach meinen bisherigen Informationen für sinnvoll halten. zum Beitrag »

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