Ärzte Zeitung online, 17.11.2017

Hartmannbund

Digitalisierung ist mehr als "neumodischer Schnickschnack"

Die fortschreitende Digitalisierung sowie neue Formen der Arzt-Unterstützung werden die Versorgung verändern, sagt HB-Chef Dr. Klaus Reinhardt. Er fordert eine Grundsatzdebatte zur Zukunft des Gesundheitswesens.

Von Susanne Werner

Digitalisierung ist mehr als „neumodischer Schnickschnack“

Warnt seine Kollegen davor, sich der digitalen Herausforderung zu verschließen: HB-Chef Dr. Klaus Reinhardt.

© picture alliance / dpa

BERLIN. "Wir brauchen eine vorurteilsfreie Debatte über den ressourcenschonenden Umgang mit Gesundheitsleistungen in einem solidarisch finanzierten Gesundheitswesen und über ein Honorierungssystem, das gutes ärztliches Handeln befördert", sagte Dr. Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbundes bei der Hauptversammlung seines Verbandes am Freitag in Berlin. In seiner Grundsatzrede skizzierte er einzelne Langzeittrends, die die Arbeit in Kliniken und Praxen stark verändern werden.

Insbesondere die Digitalisierung wird das ärztliche Arbeiten und den Umgang mit den Patienten auf eine neue Basis stellen. Schon jetzt gibt es mehr als 100 000 Gesundheits-Apps auf dem Markt, die die Patienten bei Beschwerden nutzen. Die privaten Krankenkassen würden bereits ihren Versicherten die digitalen Angebote empfehlen oder sogar bezahlen.

Wenig hilfreich sei es daher, wenn Ärzte diese Entwicklungen nur als "neumodischen Schnickschnack" abtun. Es sei davon auszugehen, dass die Patienten in Zukunft besser informiert sind und auf das Expertenwissen der Ärzte in anderer Form zugreifen wollen. Damit werden grundsätzliche ärztliche Fähigkeiten, so Reinhardt, wie etwa das Zuhören und Verstehen oder das geduldige Vermitteln von Wissen und Erfahrung auf die Probe gestellt. "Diejenigen Ärzte, die sich wortkarg und wenig empathisch einer Abfertigungsmedizin verschrieben haben, werden digital übersprungen", sagte Reinhardt.

Abzusehen sei auch, dass die Daten des individuellen Selftracking bald mit riesigen Datenbanken verknüpft und Befunde so schnell mit dem gespeicherten Medizinwissen abgeglichen werden können. "Wir Ärzte werden nicht überflüssig, da wir die Ergebnisse für den Patienten einordnen müssen", sagte Reinhardt. Er kritisierte, dass die Ärzteschaft über Jahre hinweg eine "hochreservierte Haltung" zum Thema Digitalisierung eingenommen und artikuliert habe. Jetzt sei es an der Zeit, die eigenen Positionen selbstkritisch zu reflektieren, um nicht als Berufsstand auszusterben.

Beim Blick auf neue Formen der Arzt-Unterstützung kritisierte Reinhardt scharf, dass die Pflegeausbildung "versorgungsfern" akademisiert werde. Die Weiterqualifikation sei wie ein "Flickenteppich", auf dem private und staatliche Hochschulen um Studenten konkurrieren und kein klares Berufsbild vermitteln würden. Politik und Kostenträger wollten über die Delegation und Substitution von ärztlichen Leistungen vor allem Kosten sparen. "Solange wir denen mehr Geld geben, die unser Geld verwalten als denen, die uns im Krankheitsfall oder Alter pflegen, wird sich nichts Substantielles an den Verhältnissen ändern und wir werden erst recht nicht die aufkommenden Probleme lösen", betonte Reinhardt.

Arzt-Unterstützung dürfe keine neue Versorgungsebene eröffnen, die weitere Schnittstellen schafft und bei der die Verantwortung unklar ist. Eine Lösung werde es nur geben, wenn Ärzte und Pflegekräfte sich auf eine kompetenzbasierte Arbeitsteilung verständigen und miteinander respektvoll umgingen.

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