Ärzte Zeitung online, 08.12.2017

Onkologie

Krebsforschung und Politik unter Druck?

Heilungsraten bei Leukämie, Qualität der Krebsbehandlung und Chancen der Digitalisierung für Onkologen: Über neue onkologische Therapieoptionen wurde in Leipzig diskutiert.

Von Sven Eichstädt

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Blutkontrolle bei einem Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie.

© Anna Schroll/ UKJ

LEIPZIG. Für die Behandlung von Leukämie klingen die Befunde beeindruckend. Ulrike Köhl spricht von Heilungsraten zwischen 80 und 90 Prozent. "Die Ergebnisse sind bei Erkrankungen des Blutkrebses sensationell", sagt Köhl, die ab Mitte Dezember Professorin für Immunonkologie an der Universitätsklinik Leipzig und zugleich Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie ist. Die 54-Jährige arbeitete bislang an der Medizinischen Hochschule Hannover und forschte schon dort unter anderem zu Car-T-Zellen. Diese Zellen sollen Krebszellen bekämpfen, die für das Immunsystem sonst unsichtbar sind.

Diese Forschungen will Köhl nun am Universitätsklinikum Leipzig fortsetzen und intensivieren, wie sie auf der Tagung "Neue onkologische Therapieoptionen – Die Bedeutung von Kooperationen und Forschung in Academia und Industrie" in Leipzig berichtete. Dabei sieht Köhl das Tagungsmotto als Handlungsleitfaden, um die Kooperation zwischen der Universitätsklinik Leipzig und dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immuntherapie zu verstärken und für die Krebsforschung zu nutzen. In Reinräumen des Fraunhofer-Instituts sollen beispielsweise Car-T-Zellen hergestellt werden, die dann am Krebszentrum der Universitätsklinik für Studien genutzt werden.

Behandlungsqualität verbessern

Leiter dieses Krebszentrums ist seit 2012 Florian Lordick. Der Professor für klinische Onkologie berichtet davon, dass ein Krebszentrum wie jenes am Universitätsklinikum die Aufgabe habe, die Qualität der Behandlung in der ganzen Region anzuheben. "Kleinere Einrichtungen befürchten dann mitunter, dass ihnen die Patienten weglaufen, weil die Behandlung sonst zu schlecht wäre", sagt der 51-Jährige. Mit der ganzen Region meint Lordick neben dem westlichen Teil Sachsens auch ganz Sachsen-Anhalt und Thüringen, da es neben dem Zentrum in Leipzig in den neuen Bundesländern nur noch in Berlin und Dresden universitäre Krebszentren gibt.

"Wichtig für die Patienten ist es, dass es eine zentrale Ambulanz für alle Krebsfälle gibt, nach der dann wieder differenziert werden kann", schätzt Lordick ein. "Für die erfolgreiche Arbeit eines Krebszentrums ist die Verknüpfung mit Selbsthilfegruppen sowie klinischen und wissenschaftlichen Kooperationspartnern wichtig." Richtig angenommen sei das Krebszentrum in der Region dann, wenn ein Arzt zum Beispiel in Torgau von sich aus entscheide, dass er einen Patienten gleich zum Krebszentrum nach Leipzig schicke, weil der Patient dort besser untersucht und versorgt werden kann. "Wir haben umgekehrt auch kein Problem damit, einfache Nachbehandlungen zum Beispiel vom Kollegen in Torgau durchführen zu lassen", ergänzt Lordick.

Hier setzt Stephan Meyer an, CDU-Abgeordneter im sächsischen Landtag und Vorsitzender des Ausschusses für Wissenschaft und Hochschule, Kultur und Medien. Der 36-Jährige setzt große Hoffnungen in die Telemedizin und sieht deshalb den Breitbandausbau in den ländlichen Regionen als sehr wichtig an.

Legitimation für die Krebsforschung

"Mit der Digitalisierung und Telemedizin können ländliche Regionen an die Universitätsmedizin angebunden werden", erläutert Meyer, seit 2009 Abgeordneter im Landtag ist. "Ein Arzt in Zittau kann dann zum Beispiel Daten und Befunde direkt zur Universitätsklinik in Dresden oder Hamburg schicken und sich gleich eine zweite Meinung einholen."

Zugleich bemerkt Meyer jedoch einen starken Legitimationsdruck für Politik und Krebsforschung. "Ich komme aus der Oberlausitz, da haben viele Menschen die AfD gewählt, da ist es schwer, den Menschen zu sagen, wir stecken viel Geld in die Universitätsmedizin." Andererseits "sind wir uns bewusst, dass wir in Sachsen zulegen müssen bei der Unterstützung der Universitätsmedizin", wie Meyer ergänzt: "Ich bin mir sicher, dass im Doppelhaushalt 2019/2020 für die Unimedizin mehr ausgegeben wird."

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[11.01.2018, 11:09:43]
Cornelia Dölling 
Thomas Illmer
Thomas Illmer Vorstand des Bundes der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (NIO Sachsen) schrieb uns gemeinsam mit Professor Ulrike Köhl, MH-Hannover, und Professor Florian Lordick, Universitäres Krebszentrum Leipzig, folgenden Leserbrief:

Die moderne Hämatologie und Onkologie ist ein faszinierendes Fachgebiet, welches von einem erheblichen Innovationsschub gekennzeichnet ist. Dieser hat die Prognose vieler Patienten grundsätzlich verändert. Die Neuerungen schaffen auf der einen Seite ein Klima von Hoffnung für unsere Patienten, auf der anderen Seite sind wir stets aufgerufen, Therapieprinzipien kritisch zu hinterfragen und mit Umsicht und Verantwortungsbewusstsein im klinischen Alltag zu etablieren. Zudem gilt es Innovation von "Hype" zu befreien und realistische Szenarien zur Stärkung der klinischen Forschung in Deutschland zu entwerfen.
In diesem Sinne muss der im Dezember erschienene Artikel "Krebsforschung und Politik unter Druck ?" von Sven Eichstädt aus verschiedenen Perspektiven kommentiert werden. Der Beitrag bezieht sich offenbar auf eine Veranstaltung der Biosaxony e.V. am 27.11.2017 in Leipzig, gibt die Inhalte dieser Veranstaltung jedoch nicht nur unvollständig, sondern aus dem Kontext gelöst und in Teilen völlig verzerrt wieder.

Frau Professor Köhl, seit Dezember Direktorin des Fraunhofer Instituts für Zelltherapie und Immunologie und Inhaberin des Lehrstuhls für Immunonkologie an der Universitätsmedizin Leipzig, wird falsch zitiert mit der Aussage, dass bei der Behandlung von Leukämien mittlerweile Heilungsraten von 80-90% erzielt werden könnten. Exemplarisch für Innovationen im Bereich der Immuntherapie wurde die Car-T-Zellen Therapie und ihre Chancen für die Zukunft diskutiert. Die Car-T-Zellen Therapie ist einer der vielversprechendsten neuen Ansätze zur Behandlung von hämatologischen Erkrankungen. Es sollte jedoch weder der Eindruck vermittelt werden, dass bereits alle Formen der Leukämien ein Einsatzgebiet für diese bis dato hochexperimentelle und in Deutschland noch nicht zugelassene und verfügbare Therapie ist. Im Gegenteil sind bei den meisten Leukämieformen, auch der im Artikels angesprochenen chronischen myeloischen Leukämie (CML) neue zelluläre Therapie noch nicht ansatzweise etabliert. Hier verwechselt der Autor Vision mit Realität und gerade das bis dato zum Teil schwer kalkulierbare Toxizitätsprofil des Ansatzes der zellulären Immuntherapie noch das aktuell zu kalkulierende Kostenprofil sprechen für einen zeitnahen Durchbruch dieser Therapie für die Mehrzahl unserer Patienten. Dennoch gilt den hämato-onkologischen Fachkollegen die klinische Forschung im Allgemeinen und im Speziellen die Weiterentwicklung von CAR-T-Zellen als ein wesentliches und in Zukunft weiter zu verfolgendes Konzept.

Diese Konzepte müssen sich jedoch an der Versorgungsrealität in Deutschland orientieren. Die hämato-onkologische Behandlung ist in Deutschland in einem dichten Netzwerk hochqualifizierter Ärzte sowohl im Bereich der niedergelassenen Medizin, der regionalen Krankenhäuser und der Universitätsmedizin organisiert. Nur diese Strukturen vermögen es, bei ca. 578.000 Neuerkrankungen / Jahr die Versorgung bei hoher Behandlungsqualität zu sichern. Innerhalb dieser Strukturen bestehen bereits weitreichende Kooperationsmodelle, die sich auf die Expertise qualifizierter Hämatologen und Onkologen je nach ihrem Einsatzort, ob in der Niederlassung, in Krankenhäusern der regionalen oder überregionalen Versorgung oder in universitären Krebszentren stützen. An dieser Stelle wird Professor Lordick, Direktor des Universitären Krebszentrums Leipzig, falsch zitiert. Anders als der Artikel nahelegen könnte, propagierte sein Vortrag gerade die sektorübergreifende und kooperative regionale Versorgung. Zentrale Ambulanzen an Universitätskliniken sind kein qualitätssicherndes Instrument einer onkologischen Versorgung in der Breite der Versorgung. Eine Vorstellung jedes Patienten in einer universitären Ambulanz ist weder sinnvoll, noch logistisch leistbar, noch notwendig. Fachärzte für Hämatologie und Onkologie sind in Deutschland hervorragend qualifiziert und krebskranke Patienten erhalten auch außerhalb von Universitätskliniken eine sachgerechte, den Leitlinien entsprechende und die neusten Erkenntnise berücksichtigende Beratung und Behandlung.
Exemplarisch sei an dieser Stelle das diffus großzellige B-Zellymphom diskutiert, welches in Deutschland ca. 5.550 Neuerkrankungen / Jahr aufweist. Nach Ergebnissen großer Studiengruppen, die inzwischen die Behandlungsrealität in der Fläche abbilden, werden dabei ca. 70 % aller Patienten kurativ behandelt. Diese Behandlung ist in allen Ebenen und Sektoren der hämatologisch-onkologischen Versorgung möglich. Eine Rezidivtherapie erfordert spezialisierte Zentren mit der Möglichkeit zur autologen Stammzelltransplantation, die in der Mehrzahl auch kurativ verläuft. Für eine verbleibende geringe Menge von Patienten, die erneut rezidivieren, sollen heute Optionen wie die CAR-T-Zellen Therapie gesucht werden. Daher benötigen wir im fein abgestimmten System zwischen den einzelnen Versorgungsebenen in der Tat hochspezialisierte Ambulanzen für Problem- oder Sonderfälle, wir benötigen jedoch auch einen Ausbau der logistischen Verknüpfung zwischen den Versorgungsebenen und wir benötigen eine Stärkung der klinischen Forschung mit Schaffung von Registern über alle Ebenen hinweg. Für diese Aufgaben sollten die Krebszentren und die Fachverbände der Krankenhaus- und niedergelassenen Onkologen enge Formen der Zusammenarbeit weiterentwickeln. Diese Aufgabe erscheint jedoch ebenfalls komplexer als ein alleiniger Ausbau der Telemedizin, wie es im kritisierten Artikel dem sächsischen Landtagsabgeordneten Meyer in den Mund gelegt wird. Vielmehr muss angesichts der zunehmend langfristigen Betreuung und Behandlung von Krebskranken in jeder Region, auch in ländlichen Räumen, die persönliche und hochkompetente Betreuung von Menschen mit Krebs sichergestellt werden. Eine enge inhaltliche Kooperation mit zertifizierten onkologischen Zentren entsprechend des Nationalen Krebsplans in Deutschland und mit universitären Spitzenzentren ist dabei hilfreich und wird zunehmend realisiert.

Der zukünftige Weg einer wissenschaftlich fundierten, patientenorientierten und ökonomisch vertretbaren Behandlung in der Hämatologie und Onkologie kann daher nur über die Stärkung der Netzstrukturen erfolgen.
Die Sächsischen Hämatologen und Onkologen sehen weder die Krebsforschung noch die Politik unter Druck sondern sind vielmehr bereits in einem sehr guten Dialog miteinander, Wege und Ebenen zu definieren, die die Kooperation zu Gunsten unserer Patienten fördern.
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