Ärzte Zeitung online, 07.12.2017
 

Qualitätsverlust

Kinderchirurgische Fachgesellschaft schlägt Alarm

Weniger kann mehr sein. Chirurgenverbände fordern eine Konzentration der Kinderchirurgie in Referenzzentren.

Von Anno Fricke

Fachgesellschaft schlägt Alarm

In der Kinderchirurgie. Die Fachgesellschaft mahnt Qualitätsverbesserungen an.

© baranozdemir / Getty Images / iStock.

BERLIN. Vor Qualitätsverlusten in der Kinderchirurgie hat die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) gewarnt. Einrichtungen ungenügender Strukturqualität und zu geringer Personalausstattung sollten geschlossen werden oder in Kooperationsmodellen aufgehen, fordert DGKCH-Präsident Professor Peter Schmittenbecher vom Klinikum Karlsruhe. Dringend definiert werden müsse eine "flächendeckende Versorgung" mit kinderchirurgischen Angeboten. Über einen Versorgungs-Index solle die Zahl der tatsächlich benötigten stationären und ambulanten kinderchirurgischen Einrichtungen ermittelt sowie die Überversorgung in den Ballungszentren zugunsten der Fläche abgebaut werden.

Hintergrund sind Entwicklungen seit dem Jahr 2006. Damals trat ein Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschuss in Kraft, der den Betrieb eines Perinatalzentrums der höchsten Stufe an das Vorhandensein einer kinderchirurgischen Versorgung geknüpft hat. Die Behandlung zu früh geborener Kinder sei ökonomisch lukrativ. "Das hat manchen Krankenhausträger dazu veranlasst, dass zu installieren, was ich den Feigenblatt-Kinderchirurgen nenne", sagte Schmittenbecher bei einer Pressekonferenz chirurgischer Verbände in Berlin. Dabei handele es sich um "Mini-Abteilungen am Perinatalzentrum", um den GBA-Beschluss zu erfüllen.

Aktuell sind in Deutschland 89 Kliniken für Kinderchirurgie gelistet, darunter 16 Ordinariate. Zudem gibt es laut einer Information der DGKCH 36 kinderchirurgische Abteilungen in Chirurgien und Pädiatrien, 48 kinderchirurgische Einzelpraxen und 19 Gemeinschaftspraxen sowie neun kinderchirurgische MVZ.

Für Schmittenbecher ist klar, dass sich die Versorgung auf zuviele Einheiten verteile. Eine mittelgroße kinderchirurgische Klinik benötige 2500 Fälle mit erlösrelevanten Prozeduren. Derzeit liege der Durchschnitt bei 1400 Fällen.

Die häufigsten kinderchirurgischen Eingriffe wie Leistenbrüche, Hodenhochstände und Vorhautbeschneidungen könnten problemlos auf niedrigeren Versorgungsleveln behandelt und hochqualifiziert versorgt werden, heißt es bei der Fachgesellschaft. Die wirklich schwierigen Eingriffe zur Korrektur angeborener Fehlbildungen seien dagegen eher selten, in Deutschland etwa 350 im Jahr. Ins Verhältnis gesetzt zur Zahl der kinderchirurgischen Abteilungen bedeute das, dass die einzelnen Operateure zu wenige Patienten sähen. Das schlage auch auf das Niveau der Weiterbildung in dem Fach durch. Hochspezialisierte Eingriffe sollten daher in Referenzzentren zusammengefasst werden, schlägt Schmittenbecher vor.

Auch die erwarteten Änderungen bei Mindestmengen für Operationen können zu einer Konzentration der Versorgung beitragen. Derzeit liegt die Mindestmenge für die Frühchenversorgung bei 14 im Jahr. Fachleute fordern eine Mindestmenge von 50 für Frühchen unter einem Geburtsgewicht von 1250 Gramm. Diese Zahl erreichen derzeit lediglich rund 60 Kliniken. Die Frühchen-Sterblichkeit dort soll geringer sein.

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