Ärzte Zeitung online, 13.02.2018

Saarland

Bereitschaftsdienst vor der Reform

Weil im Saarland immer weniger Ärzte Bereitschaftsdienste machen wollen, soll das System reformiert werden. Es gibt auch Beschwerden über die Qualität der Dienste.

Von Andreas Kindel

SAARBRÜCKEN. Den über 2000 Kassenärzten und Psychotherapeuten im Saarland steht eine Reform des Bereitschaftsdienstes bevor. Der Grund: Die Probleme häufen sich. Immer weniger Vertragsärzte wollen die Dienste machen und die Zahl der Beschwerden über die Qualität der Dienste steigt.

Dabei hat sich in Sachen Bereitschaftsdienst im Saarland in den vergangenen Jahren viel getan. Weil die Patienten im Notfall lieber zur Klinik fahren, wurden an den Krankenhäusern landesweit 13 Bereitschaftsdienstpraxen geschaffen, in denen Niedergelassene am Wochenende ihren Dienst machen. Für die Ärzte werden die Dienste inzwischen deutlich besser bezahlt und die Zahl der Dienste für jeden einzelnen ist gesunken. Der saarländische KV-Vize Dr. Joachim Meiser lobte die Kollegen bei der jüngsten KV-Vertreterversammlung in Saarbrücken denn auch: "An vielen Stellen sind wir bundesweit führend."

Vergabe an Freiberufler

Trotzdem bereitet der Bereitschaftsdienst den Kassenärzten an der Saar zunehmend Bauchschmerzen – sowohl in der Woche als auch am Wochenende. Nach einem Sonntagsdienst mit 100 Patienten schaffe man es nicht mehr, Montagfrüh in der eigenen Praxis die volle Leistung zu bringen, berichtete zum Beispiel der Völklinger Internist Dr. Thomas Stolz. "Viele Kollegen vergeben ihre Dienste und machen sie gar nicht mehr selbst", sagte der Chef des saarländischen Hausärzteverbandes, Dr. Michael Kulas. Viele Dienste würden inzwischen von "Free-Lancern" übernommen.

Nach Angaben von KV-Vize Meiser gibt es jetzt auch vermehrt Patienten-Beschwerden über die Qualität der Dienste. Sie beklagten etwa, dass sie mit Bauchschmerzen abgewiesen würden ("Dafür bin ich nicht zuständig") oder der Arzt sei im Bereitschaftsdienst gar nicht erreichbar. Diese Beschwerden sei zwar Einzelfälle und schwer zu überprüfen – würden aber zunehmen. Der saarländische KV-Chef Dr. Gunter Hauptmann mahnte: "Der Notdienst wird in der Öffentlichkeit als besonders wichtig wahrgenommen". Da dürfe man es sich mit den Patienten nicht verderben.

Fahrer für die Ärzte?

Zur Verbesserung des Bereitschaftsdienstes sind an der Saar nun verschiedene Maßnahmen im Gespräch. Zur Entlastung der Diensthabenden könnte man zum Beispiel die Dienstdauer ändern: Am Wochenende könne man statt sechs mal 24 Stunden pro Jahr auch 18 Dienste mit nur noch acht Stunden machen. Weitere Ideen: Die Bezirke vergrößern, Fahrdienste zentralisieren und die Mediziner nachts nicht mehr allein, sondern mit Fahrer rausschicken, was sich vor allem Ärztinnen und ältere Vertragsärzte schon länger wünschen.

Der Völklinger Nervenarzt Dr. Thomas Kajdi plädierte für eine bessere Bezahlung der Dienste – vor allem in der Woche. "Wir sollten die Sache über den Preis regeln", meinte er. Wenn man mehr bezahle, bekomme man wieder mehr und bessere Ärzte für den Bereitschaftsdienst. Zwar steige dann die Umlage. Das Geld könne man aber wieder hereinholen, wenn man selbst die Dienste mache. Die Höhe der Umlage ist aber jetzt schon umstritten.

Der Facharzt für psychotherapeutische Medizin, Dr. Wolfgang Engelhardt aus Überherrn, schlug zum Beispiel vor, die Umlage für die ärztlichen Psychotherapeuten zu halbieren. Denn gerade für diejenigen, die nur in Teilzeit arbeiteten, sei der Beitrag schon jetzt sehr hoch.

Im Gespräch ist auch eine noch radikalere Maßnahme: den Notdienst ausgliedern und – unter KV-Führung – auf ganz neue Beine stellen. Jetzt wollen die KV-Vertreter auf einer Klausurtagung im April erst einmal in Ruhe über die Vorschläge für einen "Notdienst 2020" beraten. Danach sollen Entscheidungen fallen.

KV-Vize Meiser gab den Kollegen gleich noch mit auf den Weg, dass die Aufgaben für die Kassenärzte in Zukunft wohl nicht weniger, sondern eher mehr werden. Der abendliche Bereitschaftsdienst, den Saarbrücker Vertragsärzte jetzt auch in der Woche an zwei Kliniken anbieten, sei auch andernorts gefragt. Und im Gespräch sei auch, den Einsatz der Notrufnummer 116.117 zu erweitern.

Die Idee: Auf freiwilliger Basis könnten sich Praxen auch tagsüber für Notfälle als "anlaufbereit" bei der Leitstelle melden. Die KV will schon bald eine Umfrage starten, um zu ermitteln, wie viele Praxen dabei mitmachen würden.

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