Ärzte Zeitung online, 07.03.2018

Bayern

Ärztemangel in Oberfranken – Not macht Kommunen erfinderisch

Bei der Versorgungskonferenz der KV Bayerns standen Sicherstellungsprobleme im Fokus. Das Land und die KV haben ganze Förderpakete aufgelegt. Doch den Ausschlag geben oft kommunale Initiativen.

Von Christina Bauer

Ärztemangel in Oberfranken – Not macht Kommunen erfinderisch

Gute Perspektiven für den Nachwuchs: Junge Ärzte, die aufs Land gehen, erhalten vielerorts Förderung.

© Ulrich Baumgarten / picture alliance

BAYREUTH. Oberfranken und die Oberpfalz sind die Sorgenkinder in Sachen Sicherstellung. Das ist bei der Versorgungskonferenz der KV Bayerns deutlich geworden.

In Oberfranken sind nach KV-Daten derzeit in Hirschaid und Speichersdorf so wenige Hausärzte tätig, dass eine Unterversorgung droht. Freie Arztsitze gebe es auch in rechnerisch regelversorgten Bereichen, sieben etwa in Wunsiedel/Marktredwitz, fünf in Coburg. "Nur wenn es uns gelingt, wieder mehr junge Kolleginnen und Kollegen für die hausärztliche Tätigkeit zu begeistern, können wir die Patientenversorgung langfristig in der jetzigen Form aufrecht erhalten", sagte KV-Vorstandschef Dr. Wolfgang Krombholz.

Fachärzte seien ebenfalls rar. In Lichtenfels und Wunsiedel gebe es zu wenige HNO-Ärzte, in Kronach zu wenige Augenärzte, und in Oberfranken-Ost zu wenige Kinder- und Jugendpsychiater.

Stipendien von KV und Land

Die KV wird nicht müde, aufzuzählen, was sie tut, um die Niederlassung attraktiver zu machen: Regressrisiken seien reduziert, die Belastung durch Bereitschaftsdienste verringert worden. Zudem fördern KV und das Gesundheitsministerium Praxisübernahmen auf dem Land. Auch gibt es Stipendien für Studierende vom Ministerium, Zuschüsse für Famulatur und Weiterbildung von der KV.

Parallel suchen Kommunen und Landkreise längst eigene Lösungen. Vertreter aus Oberfranken stellten Beispiele vor. In Harsdorf im Landkreis Kulmbach etwa gebe es seit vier Jahren einen "Gesundheitsbahnhof". Dafür habe die Gemeinde mit etwas mehr als tausend Einwohnern der Deutschen Bahn das alte Bahnhofsgebäude abgekauft und dort eine Arztpraxis eingerichtet.

"Das konnte ohne Gegenstimmen abgewickelt werden", sagte Bürgermeister Günther Hübner der "Ärzte Zeitung". Die Hälfte der Kosten habe die Gemeinde finanziert, von der Regierung von Oberfranken gab es Städtebauförderung. Der Gebäude-Denkmalschutz habe zudem Zuschüsse von Oberfranken-Stiftung, Bayerischer Landesstiftung, Landkreis Kulmbach und dem Amt für Denkmalschutz ermöglicht. Insgesamt wurde eine Million Euro investiert.

Gemeinde verkauft Grundstück

In der Praxis ist seit 2014 der praktische Internist und Eisenbahn-Fan Dr. Jürgen Bauer tätig. Wie er der "Ärzte Zeitung" berichtete, zog er eigens für das Bahnhofs-Vorhaben aus Kulmbach wieder aufs Land. Inzwischen hätten einige Medizinstudierende vor Ort famuliert. Seit November hat Bauer die Weiterbildungsbefugnis für Allgemeinmedizin über 24 Monate, bald könnten Assistenzärzte in der Praxis mitarbeiten. Im Gebäude gebe es zudem eine Physiotherapie-Praxis und zwei barrierefreie Wohnungen.

Über 80 Kilometer weiter südwestlich hat die 2600-Einwohner-Gemeinde Effeltrich im Landkreis Forchheim seit Sommer 2017 ein Ärztehaus. Bürgermeisterin Kathrin Heimann habe dafür der Raiffeisenbank ein Grundstück verkauft. Diese habe 1,8 Millionen Euro in das Gebäude investiert. Seit der Eröffnung werde es intensiv genutzt, teilte Allgemeinärztin Dr. Beate Reinhardt mit. Abgesehen von ihr und Internist Dr. Gunther Reinhardt sei Kinderärztin Dr. Gabriela Kreller-Laugwitz als Praxis-Mitinhaberin an Bord, zudem der junge Allgemeinarzt Dr. Christian Ehrlicher. Die Praxis bilde Allgemeinärzte weiter, bis zu zwei Assistenzärzte seien jeweils parallel vor Ort, nebst vielen Famulanten. MFA und VERAH kümmerten sich unter anderem um Hausbesuche und DMP. Im Gebäude gebe es zudem Praxen für Physiotherapie, Logopädie und ambulante Pflege.

Etwa 75 Kilometer nordwestlich von Harsdorf leistet sich der Landkreis Coburg ein eigenes Stipendienprogramm. Etwa 87.000 Bürger leben in dem Landkreis, sie verteilen sich auf oft kleine Gemeinden. Das im Wintersemester 2014/2015 gestartete Programm fördert Studierende bis zu fünf Jahre mit 300 Euro pro Monat. Dafür sagen sie zu, ihre Allgemeinarzt-Weiterbildung im Weiterbildungsverbund am Klinikum Coburg zu absolvieren und zwei Jahre als Hausärzte im Landkreis zu arbeiten. Bisher hätten elf Stipendiaten die Förderung genutzt, sagte Constanze Scheibl vom Landratsamt. Sie betreut dort das Programm und leitet zudem die Geschäftsstelle des geförderten Netzwerks "Gesundheitsregion Plus".

In diesem Jahr beginne der erste Stipendiat seine Weiterbildung. "In den kommenden Jahren wird etwa ein Absolvent pro Jahr die Tätigkeit aufnehmen", sagt Scheibl. Etwa 2023 könnte der Erste eine Praxis übernehmen.

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