Ärzte Zeitung online, 14.03.2018

Kontra Sektorengrenzen

Niedergelassene und Kliniken ziehen im Notfall an einem Strang

Wie kann die Notfallversorgung verbessert werden? Der Marburger Bund plädierte heute als Lösungsweg für mehr Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten.

Niedergelassene und Kliniken ziehen im Notfall an einem Strang

Marburger Bund, KBV und Bundesapothekerkammer werben gemeinsam für ein Überwinden der Sektorengrenzen, um die Notfallversorgung besser zu organisieren.

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BERLIN. Auf seinem Fach- und Praxisforum zum Thema Notfallversorgung hat der Marburger Bund für ein Überwinden der Sektorengrenzen geworben und damit für mehr Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten. "Die medizinische Entscheidungshoheit über die jeweils angemessene Notfallversorgung ist Sache der Ärzteschaft und sollte von allen Beteiligten auch so verstanden werden", so Dr. Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes Hessen, zum Auftakt der Veranstaltung.

Krankenhäuser und Kassenärztliche Vereinigungen sollten sich nicht als Konkurrenten begreifen, sondern als Mitgestalter der zukünftigen Versorgung, so Johna. Sie begrüßte es, dass die neue Bundesregierung integrative Leitstellen und gemeinsame Notfallzentren zu gesundheitspolitischen Prioritäten erklärt habe. Zugleich lobte sie den Vorstoß des Landes Schleswig-Holstein für seine sektorenübergreifende Zusammenarbeit im ärztlichen Notdienst als Schritt in die richtige Richtung.

Sie betonte, dass das Ziel der Neustrukturierung sein müsse, die Notaufnahmen so zu entlasten, dass die dort tätigen Ärzte sich um jene Patienten kümmern könnten, die tatsächlich eine Krankenhausbehandlung benötigten. Die Zahl der Krankenhäuser zugleich reduzieren zu wollen, sei falsch.

Auch KBV-Chef Dr. Andreas Gassen warb auf der Fachtagung zur Reform der Notfallversorgung erneut für mehr Kooperation von niedergelassenen und Klinikärzten sowie das Konzept einer gemeinsamen Anlaufstelle in Form einer Portalpraxis.

Mit Blick auf die heute vereidigte neue Bundesregierung hatte zuvor bereits Bundesärztekammer-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery gefordert, dass sich die Koalition nun als erstes der Neugestaltung der Notfallversorgung widmen soll. Die aktuelle Grippewelle habe die ohnehin schon angespannte Situation in den Ambulanzen noch einmal verschärft, betonte er in einer Mitteilung der BÄK. Dabei sei deutlich geworden, dass ausreichende Notfallkapazitäten in Krisenzeiten unerlässlich sind.

GBA sieht keinen weiteren Beratungsbedarf

"Wir brauchen deshalb eine konzertierte Aktion von Bund, Ländern und Selbstverwaltung für eine gute Notfallversorgung in Deutschland. Was wir nicht brauchen, sind unausgegorene Reformkonzepte, wie sie derzeit im Gemeinsamen Bundesausschuss beraten und womöglich demnächst beschlossen werden," so Montgomery. Er schlug vor, regionale Versorgungsstrukturen stärker zu berücksichtigen und ein Prozedere gemeinsam von Bund, Ländern und Selbstverwaltung zu erarbeiten. Dieses könnte etwa auf der nächsten Gesundheitsministerkonferenz am 20. und 21. Juni 2018 beraten werden.

Der GBA-Chef Josef Hecken reagierte prompt: Nach über zwei Jahren Beratungszeit eines Konzeptes der gestuften Notfallversorgung mit intensiven Diskussionen unter Einbeziehung der Länder und zwei Stellungnahmeverfahren sei es mehr als kühn, von "unausgegorenen Reformkonzepten" des GBA zu sprechen, konterte er. Der GBA werde keine weitere Verzögerungstaktik mittragen. Die Grippewelle als Argument gegen die Erfüllung des gesetzlichen Auftrags ins Feld zu führen, nannte er "abenteuerlich". Es sei erstaunlich, wie der ‚Bettenvorhalt für Katastrophen‘ herhalte für eine überbordende stationäre Strukturlandschaft.

Auch einem runden Tisch erteilte Hecken eine Absage. Alle relevanten Fachgesellschaften seien bereits zweimal beteiligt und gehört worden, es lägen umfangreiche Daten und Analysen zu möglichen Auswirkungen vor. "Deshalb muss und wird jetzt bald entschieden werden", heißt es in einer Stellungnahme des GBA. (run)

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