Ärzte Zeitung online, 30.06.2018

Hamburg

Rettung ambulanter Sitze? KV plant Praxiskäufe

Weil immer mehr ambulante Sitze in der Hansestadt in die Hände von Klinikkonzernen fallen, will die KV nun einschreiten. Indem sie selbst Geld in die Hand nimmt und Arztsitze – für junge Kollegen – sichert.

Von Dirk Schnack

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In Hamburg will die KV von der Sitzplanung am Reißbrett weg und aktiv in den Praxismarkt einsteigen.

© eliasbilly / Fotolia

HAMBURG. Die KV Hamburg will stärker als bislang als Player im ambulanten Bereich agieren. Erste Planspiele betreffen den Aufkauf von Praxen und die Vermittlung von Terminen.

Beide Punkte nannte KV-Vorstandschef Walter Plassmann auf der jüngsten KV Vertreterversammlung. Die KV-Initiative ist eine Reaktion auf den Aufkauf von Praxen durch Klinikkonzerne. Konkret nannte der KV-Chef den in Hamburg an mehreren Standorten präsenten Klinikkonzern Asklepios, der nach seiner Wahrnehmung "aggressiv unterwegs" ist bei der Suche nach Arztsitzen.

In vielen Facharztgruppen haben junge Ärzte nach seiner Beobachtung kaum noch Chancen auf die Übernahme, weil Konzerne hohe Preise für die Sitze zahlen. Jungen Ärzten bleibe damit nur die Anstellung. Ziel der Konzerne sei es, sich Zuweisungen und Marktmacht zu sichern.

Die Größe einiger MVZ in der Hansestadt, die sich nicht in ärztlicher Hand befinden, nannte Plassmann besorgniserregend. "Irgendwann erreicht das eine Größe, mit der man die Spielregeln bestimmt", warnte der KV-Chef.

KV will kein Konkurrent sein

Um das zu verhindern, kann er sich eine aktive Rolle der KV bei den Übernahmen vorstellen. Plassmann machte deutlich, dass die KV sich dabei nicht als Konkurrent der niedergelassenen Ärzte, sondern als deren Organisation versteht: "Wir sind Sie."

Aus der Versammlung heraus gab es für die Idee, die nun in Ausschüssen weiter verfolgt werden soll, Zustimmung. Orthopäde Dr. Torsten Hemker regte darüber hinaus an, beim Überweisungsverhalten zu berücksichtigen, ob man Patienten in Konzerneinrichtungen oder zu selbstständig tätigen Kollegen schickt.

Zur Terminvermittlung über Onlineportale sagte Plassmann: "Wenn man solche Portale schon nicht verhindern kann, warum machen das denn nicht wir?" Ohne solche Initiativen von Seiten der KV, befürchtet Plassmann, werde die KV zunehmend auf die Umsetzung von Gesetzen reduziert.

Scharfe Kritik an der Politik

Parallel zur Initiative verspürt die KV zunehmend weniger politisches Verständnis für Zusammenhänge im ambulanten Gesundheitswesen und für die Belange der Vertragsärzte. Jüngste Beispiele, die Plassmann und der Vorsitzende der KV-Vertreterversammlung, Dr. Dirk Heinrich, anführten: Die Erhöhung der Mindestsprechstundenzahl und die Ablehnung der Entbudgetierung. Plassmann wundert sich, dass die Mehrzahl der niedergelassenen Ärzte auf die Einmischung des Gesetzgebers bei der Sprechstundenzahl gelassen reagiert. Er selbst ging um so härter mit der Gesundheitspolitik ins Gericht. Die Einmischung wertet er als "Unverschämtheit", die meisten Politiker hält er schlicht für "ahnungslos". Viele Politiker betrachten Ärzte nach seiner Wahrnehmung nur noch als Schachfiguren, die sie je nach Versorgungslage verschieben könnten. Er vermisst die Einsicht, dass die hohe Versorgungsqualität im ambulanten Gesundheitswesen erst durch den Einsatz der selbstständigen Vertragsärzte möglich geworden ist.

Dermatologe Dr. Michael Reusch machte dies am Beispiel der Arbeitsunfähigkeit deutlich: Angestellte im Gesundheitswesen sind deutlich häufiger krankgeschrieben als selbstständige Ärzte. "Wenn wir alle unsere durchschnittlich 15 Krankheitstage im Jahr nehmen, ist das System am Ende", sagte Reusch. Auf der Suche nach Verbündeten hofft Kardiologe Dr. Heinz-Hubert Breuer auf die Patienten. Denen müsse verdeutlicht werden, dass die Politik der Versorgung gerade den Boden entziehe. Allgemeinmediziner Dr. Frank Stüven ist skeptisch, ob dieser Weg Wirkung zeigt – er setzt auf Lobbypolitik.

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