Ärzte Zeitung, 29.08.2008
 

Akut krank? Warteschlangen sind in Polen die Regel

Der nationale Gesundheitsfonds im Nachbarland braucht dringend mehr Geld / Die Beiträge steigen, doch die Unterversorgung ist groß

WARSCHAU (sbe). Polen bereitet den Umbau seines Gesundheitswesen vor. Der nationale Gesundheitsfonds NFZ, der für die Finanzierung des Systems zuständig ist, hat einen neuen Finanzierungsplan für das kommende Jahr vorgelegt, wie die polnische Tageszeitung "Rzeczpospolita" berichtet.

Das Land benötigt demnach 56 Milliarden Zloty (rund 17 Milliarden Euro) für den Gesundheitsfonds. Davon werden etwa 90 Prozent aus den Beiträgen der Versicherten stammen, die damit insgesamt sechs Milliarden Zloty (1,8 Milliarden Euro) mehr als im Vorjahr zahlen müssten. Im laufenden Jahr rechnet der NFZ mit Einnahmen von 48,1 Milliarden Zloty (14,6 Milliarden Euro).

Bis zu 240 Euro zahlen Arbeitnehmer pro Monat.

In Polen funktioniert das staatliche Versicherungssystem ähnlich wie in Deutschland. In einem Angestelltenverhältnis übernehmen Arbeitgeber- und -nehmer jeweils die Hälfte der Kosten für Renten-, Kranken-, und Arbeitslosenversicherung. Selbstständige müssen die Kosten vollständig tragen. Die Beiträge liegen monatlich zwischen 700 und 800 Zloty (beim derzeit starken Zlotykurs sind das etwa 210 bis 240 Euro). Davon macht die Rentenversicherung mit rund 140 Euro den Löwenanteil aus. Die Krankenversicherung kostet monatlich umgerechnet etwa 60 Euro, die übrigen Kosten entfallen auf die Arbeitslosenversicherung.

"Die Einnahmen aus der Gesundheitsversicherung steigen ständig", sagte Expertin Malgorzata Starczewska-Krzystoszek von der einheimischen Unternehmervereinigung PKPP Lewiatan. Das Volumen sei in den vergangenen vier Jahren um rund 42 Prozent gestiegen. Ein Grund: Die weiter steigenden Löhne, die im Juli durchschnittlich bei etwa 3200 Zloty (970 Euro) lagen.

Doch die Infrastruktur der medizinischen Versorgung in Polen hat nach wie vor große Defizite: Vor den Wartezimmern gibt es lange Schlangen, und Ärzte werden so schlecht bezahlt, dass sie oft noch in ihrem Urlaub in einer privaten Einrichtung zusätzlich arbeiten. Die staatlichen Praxen und Kliniken verfügen häufig nicht über die nötigen finanziellen Mittel für eine moderne Ausstattung.

Auf einen Behandlungstermin müssen die Patienten meistens wochenlang warten. Wenn sie ein akutes Gesundheitsproblem haben, können sie nur eine private Einrichtung aufsuchen. Doch dies ist so teuer, dass sich viele Arbeitnehmer es nicht leisten können.

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