Ärzte Zeitung, 26.11.2008

Radiosender sollen Alkohol nicht mehr verherrlichen dürfen

Britische Ärzte sehen Zusammenhang zwischen Radiomoderationen und steigendem Alkoholkonsum / Ergebnis einer Studie der Uni Bristol

LONDON (ast). Eine neue Studie über Radiosendungen, die ihre Hörer mehr oder weniger offen zum Alkoholkonsum animieren, sorgt in Großbritannien für Aufregung: Ärzteverbände reagieren, sie verlangen strengere Maßnahmen gegen Alkoholmissbrauch.

"Alkoholabusus kostet Patientenleben und darf nicht verniedlicht werden", so ein Sprecher des britischen Ärztebundes zur "Ärzte Zeitung" in London.

Anlass ist eine kürzlich veröffentlichte Studie der University of the West of England (Bristol), wonach britische Radio-Moderatoren häufig regelrecht zum Trinken anregen. Die Untersuchung von mehr als 1200 Sendestunden zeigt, dass in mehr als 700 Sequenzen Bezug zum Trinken genommen wurde. Dabei verherrlichten die Radio-DJ's den Suff oft oder machten Witze darüber. 73 Prozent der On-Air-Kommentare zum Thema Alkohol waren laut Studie "positiv".

Genug ist genug, befand daraufhin der britische Ärztebund (British Medical Association, BMA). Die BMA verlangt von Gesundheitsminister Alan Johnson neue gesetzliche Maßnahmen, um gegen Alkoholabusus in der britischen Gesellschaft wirkungsvoll vorzugehen. Im Gespräch ist unter anderem, die Radiosender zu einer kritischeren Darstellungsweise von Alkohol zu zwingen. Das freilich stößt auf den Widerstand der Sender.

Laut Gesundheitsministerium, das erst kürzlich ein Weißbuch zum Thema alkoholbedingte Krankheiten und Prävention vorlegte, kostet Alkoholabusus den staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) und die britische Volkswirtschaft "jährlich rund 2,7 Milliarden Pfund" (mehr als 3,5 Milliarden Euro). Fachärzte rechnen allerdings mit einer deutlich höheren Dunkelziffer, da oftmals die Kausalität zwischen Krankheit und Alkoholabusus nicht dokumentiert werde.

Organisationen wie "The Health Alcohol Alliance" (HAA) verlangen eine zehnprozentige Preiserhöhung für alkoholische Getränke. Das könne alkoholbedingte Krankheiten und Todesfälle um "zwischen zehn und 30 Prozent senken". Laut HAA werden täglich 13 minderjährige Patienten wegen Alkoholabusus in britische Krankenhäuser eingeliefert.

Ein Artikel in der Online-Ausgabe der "Ärzte Zeitung", der sich mit den alkoholverniedlichenden Radiomoderationen beschäftigte, gehörte wochenlang zu den meist angeklickten Beiträgen.

Lesen Sie dazu:
Radio Gluck-Gluck: Moderatoren animieren Briten zum Saufen

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