Ärzte Zeitung online, 28.04.2009

WHO will diesmal keine Fehler machen

GENF (dpa). Im Genfer Hauptquartier der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herrscht Ausnahmezustand. Seit Bekanntwerden der ersten Todesfälle durch ein mutiertes Virus der Schweinegrippe wird dort rund um die Uhr daran gearbeitet, wie man eine weltweite Ausbreitung, eine Pandemie, vermeiden kann.

Erinnerungen an den erneuten Ausbruch der Vogelgrippe und der Lungenkrankheit SARS um 2003 werden wach. Diesmal möchte die WHO vor allem vermeiden, dass in der Wirtschaftskrise durch falsche Entscheidungen weitere Milliardenschäden entstehen. SARS war ihr da eine Lehre. "Wir lernen, während wir uns bewegen", meinte WHO-Sprecher Gregory Hartl.

Gelernt hat die WHO, dass zu frühe Entscheidungen oder Warnungen weltweite Folgen haben, die eine Eigendynamik entwickeln und die in Genf nicht mehr zu stoppen sind. Ein nur kleines Beispiel ist die weltberühmte Basler Schmuckmesse, auf der vor fast genau sechs Jahren nahezu gähnende Leere herrschte. Ursache war die Infektionskrankheit SARS. Das Schwere Akute Atemwegssyndrom, an dem letztlich über 900 Menschen gestorben sind, wurde auf Anraten der WHO mit massiven Isolationsmaßnahmen bekämpft.

Es gab Reisebeschränkungen und eben in Basel Auswüchse, die ein normales Arbeiten unmöglich machten. Die Besucherzahlen gingen drastisch zurück, es gab Millionenverluste.

Diesmal ist die WHO vorsichtiger. Empfehlungen für Reisebeschränkungen hat sie gar nicht erst ausgesprochen. "Das bringt nichts. Wir wollen nicht das wiederholen, was nicht geht", sagt Hartl dazu. Dazu gehören etwa Untersuchungen an Flughäfen und anderen Grenzübergängen. "Wer die Grippe hat, gehört zum Arzt, wer sie verschweigt, wird auch nicht entdeckt", lautet jetzt bei der WHO die Devise.

Überhaupt appelliert die Organisation, der über 190 Länder angehören, nun viel mehr an die Einzelstaaten, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein, und nimmt sich selbst als Weltgesundheitspolizei zurück. Die Staaten könnten jetzt noch durch Vorbeugung verhindern, dass sich das mutierte Virus weltweit durchsetzt und es zu einer Pandemie kommt. Die WHO hat in den vergangenen Jahren dafür das Bewusstsein nach eigenen Angaben enorm gesteigert. "Mehr als 150 Länder haben heute Notfall-Pandemiepläne", sagt Hartl. "Das ist eine wirkliche Herkulesaufgabe für die weltweite Gemeinschaft."

Aufklärung und Appelle sind also das Mittel, das die WHO, die insgesamt über 8000 Menschen beschäftigt, nun einsetzt. In der Pressestelle, wo die Aufklärung koordiniert werden soll, gab es dazu heftige Anlaufschwierigkeiten. Alleine der PR-Profi Hartl, unter Journalisten als zuverlässig und kompetent angesehen, musste zugeben, 2800 telefonische Nachfragen nicht beantwortet zu haben.

Schuld daran ist wohl auch, dass selbst die WHO von der Entwicklung der Schweinegrippe vor allem in Mexiko überrascht wurde. Gerade die Organisation, die seit Jahren vor genau einem solchen Ausbruch - der Übertragung veränderter Grippeviren über Tiere auf den Menschen, und dann von Mensch zu Mensch - warnt, hat offensichtlich die Ausbreitung in dem lateinamerikanischen Staat zunächst unterschätzt.

Dass die seit Jahren geltende Alarmstufe 3, die nach Ausbruch der Vogelgrippe eingeführt wurde, in der Nacht zum Dienstag erst zaghaft auf 4 heraufgesetzt wurde, ist ein weiteres Zeichen für die Vorsicht der Organisation. Stufe 5, die letzte vor der Pandemiestufe 6, bedeutet nämlich, dass mit der Produktion von Notfallimpfstoffen begonnen werden muss. Das Virus ist aber für eine Bekämpfung noch nicht eindeutig identifiziert. Auch muss Sorge getragen werden, dass die neuen Impfstoffe nicht vergeblich hergestellt werden oder deren Produktion die Herstellung regulärer Schutzimpfungen beeinträchtigt, die etwa die Menschen im nun beginnenden Winter auf der Südhalbkugel benötigen.

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