Ärzte Zeitung, 27.05.2009

Hintergrund

Rabattprogramme sind Strohhalm für kranke US-Bürger

Wer in den USA nicht oder unterversichert ist, muss die Behandlung alleine schultern und mehr zahlen.

Von Claudia Pieper

Grund dafür ist, dass Versicherungsunternehmen mit Leistungsanbietern Rabatte aushandeln, in deren Genuss ihre Versicherten selbst dann kommen, wenn sie Teile der Rechnung selbst tragen müssen. Nicht- oder Unterversicherte haben diesen Verhandlungsvorteil nicht und zahlen "reguläre" Preise.

In dieser Benachteiligung der Nicht- und Unterversicherten haben einige US-amerikanische Unternehmer eine Marktlücke erkannt. Gegen einen monatlichen Beitrag von 20 bis 40 US-Dollar bieten sie ihren Kunden Preisnachlässe bei Leistungsanbietern an, die denen für Versicherungskunden gleichkommen.

Discount Programs sind keine Krankenversicherung

Die bekanntesten Anbieter der Rabattprogramme sind das in Houston ansässige Unternehmen Medilinq sowie National Health Partners mit ihrem Produkt CARExpress. Beide betonen, dass ihre "discount programs" nicht mit einer Krankenversicherung verwechselt werden dürfen. Weder Medilinq noch CARExpress kommen ganz oder teilweise für medizinische Rechnungen ihrer Mitglieder auf. Die Rabattkunden sind voll und ganz für die Begleichung ihrer Leistungsanbieterrechnungen verantwortlich. Das Vorlegen ihrer Medilinq- oder CARExpress-Karte sorgt jedoch dafür, dass sie massive Preisnachlässe erhalten, versichern die Anbieter. Medilinq wirbt mit Nachlässen von bis zu knapp 70 Prozent, CARExpress mit Rabatten bis zu 50 Prozent.

Das Kernproblem wird durch Discounts nicht gelöst.

Die Rabattprogramme können auf die Bedürfnisse der Klienten zugeschnitten werden: Für diejenigen, die gar keinen Versicherungsschutz haben, empfehlen die Anbieter die volle Discount-Mitgliedschaft für etwa 40 US-Dollar im Monat. Für diesen Betrag erhält der Kunde (und alle, die in seinem Haushalt wohnen) Rabatte bei Krankenhäusern, Ärzten, Labors, Zahnärzten und alternativen Anbietern wie Chiropraktikern.

Wer teilweise versichert ist, kann Rabatte in den Bereichen kaufen, die von seiner Versicherung nicht abgedeckt sind. So bietet zum Beispiel Medilinq eine "Simple Dental-" (für 3,95 US-Dollar pro Monat) oder "Simple Pharmacy"-Mitgliedschaft (für 7,95 US-Dollar) an, bei denen die Kunden nur beim Zahnarzt oder in der Apotheke Rabatte erhalten.

Bei ernster Krankheit droht dennoch hohe Verschuldung

Auf ihren Internetseiten beschreiben die Anbieter, wie viel Geld ihre Kunden sparen können. Dass aber Nicht-Versicherte bei ernster Krankheit trotz Rabatten ihren Leistungsanbietern schnell Tausende von US-Dollar schulden, können auch Medilinq und CARExpress nicht verhindern. CARExpress empfiehlt daher zusätzlich zur Mitgliedschaft im Discountprogramm eine Versicherung mit hohem Selbstbehalt ("Catastrophic Coverage") oder die Nutzung so genannter Health Savings Accounts (Gesundheitssparkonten).

Medilinq und CARExpress verweisen stolz auf starke Zuwachsraten ihrer Rabattprogramme. Medilinq wurde im Februar in der "New York Times" als eines der Unternehmen vorgestellt, das trotz - oder wegen - der schlechten Konjunkturlage enorme Wachstumschancen hat. Für die US-amerikanische Mittelschicht ist der Erfolg der Discountprogramme aber kein gutes Indiz.

Im besten Fall bedeutet ihr Wachstum, dass ein zunehmender Anteil der 47 Millionen Nichtversicherten sich zumindest Preisnachlässe bei Leistungsanbietern sichert. Im schlechtesten Fall könnte es bedeuten, dass ratlose Arbeitgeber sich von umfassenden Krankenversicherungen für ihre Mitarbeiter abwenden und sich nach günstigeren Alternativen umsehen - wie beispielsweise einer Kombination von Rabattprogramm und Katastrophenversicherung. Das käme aber einer weiteren Erosion des Versicherungsschutzes gleich. Ein Szenario, das noch mehr US-Amerikaner in eine hohe Verschuldung führen könnte.

Einen kleinen Erfolg auf dem Weg zu einer umfassenden Gesundheitsreform konnte US-Präsident Barack Obama im Februar verbuchen: Er unterschrieb ein Gesetz, das die staatliche Kinderversicherung SCHIP auf weitere vier Millionen Kinder ausdehnt (wir berichteten).

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