Ärzte Zeitung online, 01.07.2009

Medwedew und Gorbatschow kritisieren Trunksucht

MOSKAU (dpa). Der Kreml hat als Reaktion auf einen Fachbericht über den Alkoholkonsum in Russland einmal mehr harte Maßnahmen gegen die oft tödliche Trunksucht im Land angekündigt. "Wir trinken mehr als in den 1990er Jahren, obwohl damals die Zeiten wirklich hart waren", sagte Präsident Dmitri Medwedew in Moskau.

Er vereinbarte mit dem Gesundheitsministerium ein umfassendes Programm gegen Alkoholismus, berichteten russische Tageszeitungen am Mittwoch. Nach Angaben des internationalen Fachjournals "Lancet" ist in Russland die Sterberate bei Männern wegen des Alkoholkonsums mehr als fünfmal und bei Frauen mehr als dreimal so hoch wie in Westeuropa (The Lancet 373:9682, 2201).

Auch der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow ermunterte die Bevölkerung zu einer gesünderen Lebensweise. Die Russen würden derzeit durchschnittlich 17 Liter reinen Alkohol pro Jahr und Kopf konsumieren, sagte der Friedensnobelpreisträger im Staatsfernsehen. "Wenn das Land so weitertrinkt, zerstört es sich selbst." Bereits während seiner Amtszeit hatte Gorbatschow eine letztlich allerdings erfolglose Kampagne gegen den schon damals überhöhten Alkoholkonsum gestartet. Dabei waren gar Weinstöcke auf der Krim und in Südrussland vernichtet worden. Im Volksmund wurde der damalige Generalsekretär der KP als "Mineralsekretär" verspottet.

Der Leiter des Rechnungshofes in Moskau, Sergej Stepaschin, sprach sich für ein staatliches Monopol in Russland für den Alkoholverkauf aus. "Nur so kann der graue und kriminalisierte Markt legal werden", sagte der Ex-Regierungschef nach Angaben der Agentur Interfax.

Die Aufrufe stehen im Kontrast zu manchen Wodka-Marken in Russland, die nach führenden Politikern benannt sind. So gehen der nach Regierungschef Wladimir Putin benannte "Putinka" ebenso wie der hochprozentige "Medwedeff" im Riesenreich oft über den Ladentisch. Hingegen hat der besonders in Deutschland bekannte "Wodka Gorbatschow" nichts mit dem gleichnamigen Ex-Präsidenten zu tun.

Parallel mit dem Kampf gegen Alkoholkonsum startete die Führung in Moskau eine Kampagne gegen Glücksspiel. Zur Bekämpfung der Spielsucht mussten am Mittwoch alle Spielbanken und Automatenhallen dauerhaft schließen.

Zum Abstract der Originalarbeit "Alcohol and cause-specific mortality in Russia: a retrospective case-control study of 48 557 adult deaths"

Lesen Sie dazu auch:
Hunderttausende Wodka-Tote in Russland
Spielen, zocken, flippern - wann wird es zur Sucht?

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