Ärzte Zeitung online, 27.10.2009

Viagra® vom Gefängnisarzt: Beginn des Kinderschänderprozesses in Frankreich

PARIS (dpa). In Frankreich hat der Prozess gegen den 63-jährigen verurteilten Kinderschänder Francis E. begonnen, der vor seiner Entlassung von seinem Gefängnisarzt die Potenzpille Viagra® (Sildenafil) verschrieben bekommen hatte. Wenige Wochen später vergewaltigte der Mann einen fünf Jahre alten Jungen.

Mit einem Geständnis hat im nordfranzösischen Douai der Prozess gegen den Beschuldigten begonnen. "Es ist an der Zeit zu sagen, dass es wahr ist", sagte der Angeklagte nach Angaben des Radiosenders Europe1 vor Gericht. Ihm droht lebenslange Haft. Der Fall hatte eine heftige Debatte ausgelöst, zumal der Mann trotz seiner Vorgeschichte eine Potenzpille verschrieben bekommen hatte. Der Arzt sagte später aus, dass er die Akte des Häftlings nicht gekannt habe.

Francis E. war im Juli 2007 nach 18 Jahren unter Auflagen aus der Haft entlassen worden. Er sollte medizinisch-psychologisch betreut werden und sich einer Sterilisationsbehandlung unterziehen. Dazu kam es jedoch nicht. Mitte August 2007 entführte er in Roubaix den fünf Jahre alten Enis, sperrte ihn in einer Garage ein und betäubte ihn mit Medikamenten. Die Polizei fand das Kind dort später unbekleidet. Bei dem Mann entdeckten die Beamten eine angebrochene Packung Viagra®.

Der 63-Jährige, der sowohl die französische als auch die belgische Staatsangehörigkeit besitzt, hatte bereits mehr als die Hälfte seines Lebens wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern hinter Gittern verbracht. Er war mehrfach nach der Entlassung aus der Haft rückfällig geworden.

Präsident Nicolas Sarkozy ließ 2008 ein neues Gesetz verabschieden, nach dem als gefährlich eingestufte Täter nach Haftende in eine Sicherungsverwahrung kommen sollen. Es gilt jedoch erst für Täter, die nach Verabschiedung des Gesetzes verurteilt wurden. Derzeit wird ein weiteres Gesetz vorbereitet, um die Überwachung entlassener Sexualstraftäter mit Hilfe elektronischer Fesseln zu verschärfen.

In der Debatte um den Umgang mit entlassenen Kinderschändern geht es auch um die Frage der sogenannten chemischen Kastration. Francis E. hatte 2004 eine Sterilisationsbehandlung begonnen, aber wieder abgebrochen. Kurz vor Prozessbeginn erregte er mit einem Brief an Sarkozy Aufsehen, in dem er um eine chirurgische Kastration bat - die in Frankreich verboten ist.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Abwarten schlägt Op

Zumindest in den ersten sechs Jahren nach Diagnose haben Männer mit lokalisiertem Prostata-Ca eine bessere Lebensqualität, wenn sie sich nicht unters Messer legen. mehr »

No deal-Brexit? Dieses Szenario lässt NHS-Angestellte schaudern

Je mehr Zeit in ergebnislosen Verhandlungen verrinnt, desto nervöser werden Beschäftigte vor allem im Gesundheitswesen. Ein Brexit ohne Vertrag mit der EU? Im NHS fürchtet man in diesem Fall ein Desaster. mehr »

Der reine Telearzt kommt

Fernbehandlung ohne Erstkontakt in der Praxis? Im Ländle wird dieses Modell jetzt erstmals getestet. Die Kammer dort hat gerade das erste Projekt genehmigt. mehr »