Ärzte Zeitung online, 04.01.2010

Medizin-Tourismus in den USA mit guten Wachstumschancen

NEU-ISENBURG (cp). Was für amerikanische Patienten eine Crux ist, kann für ausländische Leistungsanbieter ein lukrativer Segen sein: Die hohen Kosten des US-Gesundheitswesens haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass eine beachtliche Zahl von Amerikanern für medizinische Behandlungen oder Operationen ins Ausland reisen.

750 000 Amerikaner kehrten im Jahr 2007 ihrem eigenen Gesundheitswesen den Rücken zu und verreisten als "medizinische Touristen". Diese Zahl sank zwar mit der Rezession im vergangenen Jahr auf 540 000.
Das Deloitte Center for Health Solutions, eine Agentur, die Trends auf dem Gebiet untersucht, erwartet jedoch in der Zukunft ein gesundes Wachstum des Medizin-Tourismus: 1,6 Millionen Amerikaner, so schätzt Deloitte, werden bis 2012 jährlich für medizinische Dienstleistungen ins Ausland verreisen.

Was zu diesem Trend geführt hat, ist kein Geheimnis: Noch haben die Vereinigten Staaten kein Krankenversicherungssystem, das alle Landsleute abdeckt: Fast 50 Millionen sind ohne Versicherung, und viele der Versicherten haben so hohe Selbstbehalte, dass sie im Fall einer teuren Behandlung Tausende von Dollar aus eigener Tasche bezahlen müssen. Wer nicht oder unzureichend versichert ist, muß schockiert feststellen, wieviel diverse medizinische Prozeduren in den USA im Vergleich zu anderen Ländern kosten: Während sich zum Beispiel eine Bypassoperation in den USA auf 130 000 Dollar belaufen kann, kostet sie in Indien, Thailand oder Malaysia weniger als 10 Prozent. Eine Hüftoperation kostet in den USA 43 000 Dollar, in den anderen drei Ländern dagegen zwischen 9000 und 12 000 Dollar (Zahlen aus "Patient Beyond Border" von Joseph Woodman).

Warum haben solche Preisunterschiede noch nicht zu einer regelrechten Explosion des Medizin-Tourismus geführt? Ein Grund ist zweifelsohne die Angst vor Qualitätsmangel. In einer Deloitte-Studie sagten 39 Prozent der Befragten, sie könnten sich vorstellen, für elektive medizinische Dienstleistungen ins Ausland zu verreisen, falls sie wenigstens 50 Prozent der Kosten einsparen und sicher sein könnten, dass die Qualität der Versorgung wenigstens genauso gut sei wie in den Vereinigten Staaten. Ohne diese Qualitätsversicherung sagten in einer anderen Studie nur neun Prozent, sie würden das Wagnis wahrscheinlich eingehen.

Die Qualität der ausländischen Leistungen sicherzustellen ist das Ziel der Joint Commission International (JCI). Sie bewertet und akkreditiert Leistungsanbieter nach einem von der International Society for Quality in Health Care (ISQua) anerkannten Katalog von Qualitäts- und Sicherheitsmerkmalen. Rund 300 internationale Organisationen in 39 Ländern sind im Besitz einer JCI-Akkreditierung.

Amerikanische Patienten, die auf der Suche nach ausländischen Leistungsanbietern sind, können sich an die Medical Tourism Association (MTA) wenden. Sie gibt unter anderem alle zwei Monate das "Medical Tourism Magazine" heraus. Titel der letzten Ausgabe war "Europe" - mit Schwerpunkt auf deutschen Krankenhäusern und Kurorten. Hierin wurden potentielle medizinische Touristen nicht nur über die Qualität der medizinischen Leistungen aufgeklärt, sondern auch über Schönheit und Kulturreichtum des Reiseorts - falls der Patient vor oder nach überstandener medizinischer Prozedur noch Kraft und Lust hat, sich diese zu Gemüt zu führen.

Judy Dugan von der Verbraucherschutzorganisation "Consumer Watchdog" hat ihre Landsleute jedoch in der Los Angeles Times kürzlich davor gewarnt, sich von Hochglanzbroschüren einlullen zu lassen. Sie verwies darauf, dass mit dem Outsourcen medizinischer Leistungen das Risiko von Komplikationen oder Fehlern ganz auf den Patienten übertragen wird.

Weitere Entwicklungen auf dem Gebiet des Medizin-Tourismus:

  • Die Interessenvertretung der amerikanischen Ärzte (AMA) hat im vergangenen Jahr erstmals Richtlinien für den medizinischen Tourismus erstellt. (www.ama-assn.org/amal/pub/upload/mm/372/a-08cmsl.pdf.)
  • Mehrere amerikanische Versicherungen unterhalten bereits Pilotprogramme, in denen die Behandlung in bestimmten ausländischen Krankenhäusern bezahlt und koordiniert wird.
  • In zwei Bundesstaaten sind Gesetzesvorlagen vorgestellt worden, die den Medizin-Tourismus ermutigt hätten. Sie waren aber nicht erfolgreich.
  • Die MTA hat gerade eine Dokumentation veröffentlicht, in der die Erfahrungen eines amerikanischen Patienten vor und nach einer Hüftoperation in Costa Rica minutiös mitverfolgt werden. (Die Dokumentation ist auf der Webpage der MTA einsehbar: www.medicaltourismassociation.com, siehe "Medical Tourism Documentary")

    Schreiben Sie einen Kommentar

    Überschrift

    Text

    Die Newsletter der Ärzte Zeitung

    Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

    Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

    30 Minuten Bewegung am Tag verhindern jeden 12. Todesfall

    Bewegung verlängert das Leben, das bestätigt die bisher größte Studie zum Thema. Und: Bewegung im Alltag reicht dazu schon aus, es muss kein anstrengender Sport sein. mehr »

    Welche Gesundheitspolitiker bleiben im Bundestag?

    So sehr sich der Bundestag verändert - viele aus der Gesundheitspolitik vertraute Gesichter werden vermutlich wieder im Gesundheitsausschuss arbeiten. Eine Auswahl. mehr »

    Merkel beansprucht Führung weiter für sich

    Drastische Einbußen, aber immer noch vorn: Die Wähler versetzen der Union einen Kinnhaken. Die große Koalition scheint passé. Auch die Umfrageteilnehmer der "Ärzte Zeitung" hatten bereits im Vorfeld eine neue "GroKo" abgelehnt. mehr »