Ärzte Zeitung online, 24.03.2010

Weltweite Isotopenkrise befürchtet 

Mangel auch in Deutschland / Krisensitzung im Bundesgesundheitsministerium

CHICAGO/GÖTTINGEN (nös). Die US-Gesellschaft für Nuklearmedizin (SNM) warnt vor einem weltweiten Mangel des Isotops Technetium-99m. Bis Mitte April werde man den größten Lieferengpass des für die Radiologie wichtigen Isotops erleben, teilte die Gesellschaft in Chicago mit. Mittlerweile macht sich der Mangel auch in Deutschland bemerkbar. Am Montag soll es zu einer Krisensitzung im Bundesgesundheitsministerium kommen.

Weltweite Isotopenkrise befürchtet

Schilddrüsen-Szintigrafie mit Tc99m: Normalbefund. © Schilddrüsen-Initiative Papillon

In ihrer Mitteilung sprach die SNM von drastischen Zuständen: Allein in den USA könnten zehntausende Patienten wegen dem Mangel nicht den gewohnte Therapiestandard erhalten, hieß es. Verantwortlich macht sie für die Lieferprobleme den Ausfall zweier Forschungsreaktoren. Dort könnten derzeit wegen Reparaturarbeiten keine Isotope hergestellt werden. Die weltweit verbleibenden drei Reaktionen seien nicht in der Lage, diese Lücke zu kompensieren.

Technetium-99m, das zur Szintigrafie essenziell ist, wird als Zerfallsprodukt aus Molybdän-99 gewonnen. In den Industrieländern stellen jedoch nur fünf Kernreaktoren das Isotop her. Sie decken 95 Prozent des weltweiten Bedarfs. Drei der Forschungsreaktoren stehen in Europa (in Belgien, Frankreich und den Niederlanden), je einer in Kanada und Südafrika. Von dem Ausfall betroffen sind die Reaktoren im kanadischen Vancouver und im niederländischen Petten.

Auch in Deutschland kommt es mittlerweile vereinzelt zu Lieferengpässen, wie die Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin (DGN) gegenüber der "Ärzte Zeitung" bestätigt. "Die Ärzte sind sich der Situation aber bewusst", so Götz Jonas von der DGN. Dauerhafte Versorgungsprobleme gebe er derzeit nicht. Es könne in Einzelfällen aber sein, dass das Isotop einmal nicht vorrätig ist. "Wir setzen auf Priorisierung, akute Fälle haben Vorrang", so Jonas. Bei Engpässen müssten weniger akute Untersuchungen für einige Tage verschoben werden.

Die Alarmstimmung seiner amerikanischen Kollegen kann er nachvollziehen: "Die sind von dem Ausfall des kanadischen Reaktors natürlich direkt betroffen." Doch der Ausfall sei nicht etwa aus heiterem Himmel gekommen: "Dass der Reaktor abgeschaltet werden, war schon länger klar." Entsprechend habe man sich in Deutschland bereits zum Jahreswechsel darauf eingestellt.

Beim Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner (BDN) spricht man von einer "höchst angespannten Lage." Manfred Gaillard, der Geschäftsführer des Verbandes, bestätigte der "Ärzte Zeitung", dass gerade bekannt geworden sei, dass der kanadische Reaktor frühestens im Juni wieder seinen Betrieb aufnehme. Sollte sich die Lage allerdings auch in Deutschland zuspitzen, werde man den Notfallplan reaktivieren, den man bereits 2008 in einem ähnlichen Fall eingesetzt habe. "Wir stehen in Stand-by", so Gaillard.

Unterdessen wurde bekannt, dass das Bundesministerium für Gesundheit am kommenden Montag eine Krisensitzung zu dem Thema anberaumt hat. Dort soll etwa erörtert werden, ob künftig Forschungsreaktoren in Deutschland für die Herstellung der Isotope ausgebaut werden können, wie aus gut unterrichteten Kreisen zu hören war.

Bereits im Dezember hatte der Bewertungsausschuss die vorläufige Erstattungsfähigkeit für 18-Fluor-PET bis Ende Juni 2010 verlängert. Als Begründung hieß es damals, dass man so den Versorgungsengpass vor allem bei PET-Untersuchungen kompensieren wolle. Manfred Gaillard vom BDN sieht darin aber nur einen Tropfen auf den heißen Stein: "Das kommt ja nur bei Skelettszintigrafien in Frage."

Götz Jonas von der DGN hofft indes, dass die Politik aus den jüngsten Engpässen dauerhaft Konsequenzen zieht: "Die fünf Reaktoren sind allesamt alte Schätzchen, der jüngste ist 27 Jahre alt", moniert er. Das Durchschnittsalter liege aber eher bei 40 bis 50 Jahren. Einige der Reaktoren würden in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gehen. "Das ist alles seit Jahren bekannt", so Jonas. Man müsse sich endlich überlegen, wie die Isotopen-Produktion künftig aussehen soll.

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