Ärzte Zeitung, 09.02.2011

Hintergrund

Die US-Babyboomer bringen Medicare aus der Balance

Trotz der weitaus höherer Geburtenrate als in Europa steht auch den USA ein Generationenkonflikt bevor. Der Grund: Die Babyboomer aus den geburtenstarken Jahrgängen treten jetzt ins Rentenalter ein - und haben somit ein Anrecht auf die Medicare-Leistungen.

Von Claudia Pieper

Die US-Babyboomer bringen Medicare aus der Balance

Medicare-Versichertenkarte: Auf das System kommt eine Schar von Menschen im Rentenalter zu.

© David Ewing / imago

Fast 80 Millionen Babyboomer leben in den USA. Die Ältesten unter den geburtenstarken Jahrgängen zwischen 1946 und 1964 erreichen in diesem Jahr einen wichtigen Meilenstein: Sie feiern ihren 65. Geburtstag und qualifizieren sich damit für die gesetzliche Krankenversicherung für Senioren, Medicare.

Für viele Babyboomer ist die Medicare-Versicherung das goldene Eingangstor zum ersehnten Ruhestand. Sie können zwar theoretisch ab dem 62. Lebensjahr (Früh-)Rente beziehen, aber ihre Krankenversicherung ist in vielen Fällen vom Arbeitgeber abhängig oder im fortgeschrittenen Alter auf dem privaten Markt unerschwinglich teuer.

Krankenversicherung der Alten ist umlagefinanziert

Die meisten Babyboomer halten ihre Medicare-Benefits für wohlverdient: Schließlich haben sie ein Arbeitsleben lang Medicare-Steuern bezahlt und erwarten jetzt, dass sich ihre "Investition" auszahlt.

Doch was viele nicht wissen ist erstens: Das Medicare-Programm ist weitgehend umlagefinanziert. Das bedeutet, die derzeit Erwerbstätigen bezahlen die Leistungen für die heutigen Senioren.

Die enorme Anzahl der Babyboomer stellt dieses System jedoch auf eine harte Probe: Heute hat Medicare rund 46 Millionen Leistungsempfänger. In etwa 20 Jahren, wenn sämtliche Babyboomer Medicare-berechtigt sind, wird das Programm auf über 80 Millionen Empfänger anschwellen.

Die Zahl der in das Programm einzahlenden Erwerbstätigen wird mit der Flut von Medicareempfängern nicht mithalten: Kommen heute noch 3,5 einzahlende Erwerbstätige auf einen Medicare-Versicherten, werden es in 20 Jahren nur noch 2,3 sein.

Zweitens: Schon heute reicht das, was in das System eingezahlt wird, bei weitem nicht aus, um die rapide wachsenden Gesundheitskosten der Medicare-Empfänger zu decken.

Höhere Steuern, weniger Leistung oder mehr Schulden?

In einer aufsehenerregenden Analyse haben die Ökonomen Eugene Steuerle und Stephanie Rennane vom Urban Institute die Diskrepanz zwischen Medicare-Einnahmen und Ausgaben aufgezeigt.

Sie schätzen, dass ein doppelverdienendes Ehepaar mit durchschnittlichem Jahreseinkommen von 89.000 Dollar im Laufe seines Arbeitslebens 114.000 Dollar an Medicare-Steuern entrichtet hat.

Wenn das Paar ab 2011 Medicare-berechtigt ist, wird es jedoch bis zum Tod der Ehegatten rund dreimal soviel an Leistungen in Anspruch nehmen, wie es eingezahlt hat - 355.000 Dollar.

Die Diskrepanz bei Paaren mit nur einem Verdiener ist noch frappierender: Bei einem Durchschnittseinkommen von 44.600 Dollar zahlt dieses Paar lediglich 57.000 Dollar Medicare-Steuern, entnimmt aber schätzungsweise den gleichen Betrag wie die Doppelverdiener - also mehr als sechsmal soviel wie eingezahlt wurde.

Nur: Die Einzahlungen sind ja nie angespart, sondern im Umlagesystem sogleich wieder verbraucht worden. Die Relationen von eins zu drei beziehungsweise eins zu sechs zeigen, um wie viel mal stärker die aktive Generation im Vergleich zur Rentnergeneration mit intergenerativen Finanztransfers belastet ist.

Um das System trotz Babyboomer-Andrangs und wachsender Gesundheitskosten tragbar zu machen, müsste eine Reihe von unliebsamen politischen Maßnahmen angepeilt werden.

Signifikante Steuer- oder Beitragserhöhungen, Leistungskürzungen oder eine Erhöhung des Anspruchsalters sind anerkannt wirksame Lösungen, die aber politisch äußerst schwer durchzusetzen sind.

Da ist die nationale Versuchung groß, in bekannter amerikanischer Manier weiter auf Pump zu leben und ebensolche Interventionen auf später zu verschieben.

Angesichts des bereits jetzt schwindelerregenden Schuldenbergs ist das eine unattraktive Zukunftsvision. Es bleibt zu hoffen, dass im Interesse der nachfolgenden Generationen - die schließlich die Kinder und Kindeskinder der Babyboomer sind - der politische Wille aufgebracht wird, sich des Problems anzunehmen.

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