Kongress, 12.05.2011

Große Zukunft für den kleinen Gesundheitsgrenzverkehr

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Gesundheitswesen eröffnet völlig neue Chancen für die Leistungserbringer und die Patienten in der Zukunft.

Von Anno Fricke

Große Zukunft für den kleinen Gesundheitsgrenzverkehr

Deutsch-polnische Grenzstation Ahlbeck-Swinemünde bevor die Kontrollen wegfielen. Ein Gesundheitsgrenzverkehr hat noch nicht eingesetzt.

© Koehler / imago

BERLIN. Die Politik hat die Schlagbäume für die grenzüberschreitende medizinische Versorgung in Europa längst geöffnet. Eine europäische Versorgungswirklichkeit gibt es deshalb noch lange nicht. Optimisten sehen gleichwohl wirtschaftliche Potenziale - vor allem im kleinen Gesundheitsgrenzverkehr.

Noch ist die Basis klein. Etwa ein Prozent ihrer öffentlichen Gesundheitsbudgets geben die EU-Länder für die Behandlungen von gesetzlich Versicherten im Ausland aus. Den Löwenanteil davon für die medizinische Versorgung nach Unfällen.

Künftig soll dieser Markt wachsen. Das europäische Parlament hat im Januar die "Richtlinie über die Ausübung der Patientenrechte in der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung" angenommen. Die stellt sicher, dass die Krankenkassen die Kosten von Behandlungen im Ausland bis zu der Höhe erstatten, die bei einer entsprechenden Behandlung im Inland angefallen wären.

Im Bundesgesundheitsministerium geht man davon aus, dass bald Versicherte aller EU-Mitgliedsstaaten sich in deutschen Arztpraxen und Krankenhäusern mit Gesundheitsdienstleistungen versorgen werden.

Mecklenburg-Vorpommern investiert viel in seinen Ruf als Ziel für Gesundheitstouristen

Vorerst scheint das noch ein frommer Wunsch zu sein. In Mecklenburg-Vorpommern seien 2009 unter den 408 000 Krankenhauspatienten gerade 675 aus dem Ausland gewesen, berichtete Privatdozent Dr. Johannes Hallauer vom Gesundheitsministerium in Schwerin beim Hauptstadtkongress in Berlin. Dabei investiert das Land kräftig in seinen Ruf als Ziel für Gesundheitstouristen.

Nicht alle Länder in der EU können hoch spezialisierte Zentren für die Behandlung seltener Krankheiten vorhalten. Patienten aus Malta oder Zypern müssen bei bestimmten Krankheitsbildern ins Ausland reisen. Auch sie hat die Richtlinie im Blick.

Die erweiterten Möglichkeiten zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bei der Gesundheitsversorgung sind aus dem Blickwinkel eines Bundeslandes wie Mecklenburg-Vorpommern aber auch aus einem ganz anderen Grund interessant.

Das Küstenland werde die erste Region Deutschlands sein, die eine Altengesellschaft erleben werde und ausprobieren müsse. Dies fordere die medizinischen Versorgungssysteme und die Pflegesysteme heraus, sagte Hallauer.

Kapazitäten zusammenlegen

Eine ähnliche demografische Entwicklung, nur etwa 15 Jahre später, werde die jenseits der Oder gelegene Woiwodschaft nehmen. Die schrumpfende Bevölkerung beiderseits der Grenze führt in den jeweiligen Gesundheitssystem zu Qualitätsproblemen.

Transplantationszentren oder Zentren für hochspezialisierte Herzmedizin benötigten ein Einzugsgebiet von etwa drei Millionen Menschen, sagte Hallauer. Ganz Mecklenburg-Vorpommern werde im Jahr 2030 aber nur noch von rund 1,4 Millionen Menschen bewohnt sein.

Eine Lösung, flächendeckende Versorgung auch nach dem demografischen Kollaps aufrechtzuerhalten, liege darin, die Kapazitäten der polnischen und der deutschen Seite zusammenzulegen und beiden Bevölkerungen zu öffnen. Weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit lägen im Rettungsdienst - nach Überwindung der Sprachbarriere, in der Telemedizin und in der Hochschulausbildung des Medizinernachwuchses.

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