Ärzte Zeitung online, 28.07.2011

Sparen bis der Arzt kommt - Britische Mediziner empört

Großbritanniens Ärzte gehen auf die Barrikaden. Berichten zufolge plant die Regierung drastische Sparmaßnahmen - vor allem bei Operationen setzt sie den Rotstift an. Die Mediziner sehen die Versorgung auf der Insel gefährdet. Schon jetzt wird kräftig rationiert.

Sparen bis der Arzt kommt - Britsche Mediziner empört

Warten auf den Arzt: Nach Meinung britischer Ärzte könnten solche Bilder demnächst häufiger vorkommen.

© dpa

LONDON (ast). Mit Ärger, Sorge und Empörung reagierten britische Ärzteverbände am Donnerstag auf Berichte, das Londoner Gesundheitsministerium bereite neue und "dramatische Einsparungen" im britischen Gesundheitswesen vor.

Angeblich sollen in den nächsten vier Jahren umgerechnet mehr als 22 Milliarden Euro in den Kliniken und Praxen eingespart werden.

Der größte und politisch einflussreichste britische Ärzteverband (British Medical Association, BMA) bezeichnete die Hiobsbotschaften als "sehr alarmierend".

Laut BMA leiden schon heute hunderte Primärartpraxen (Hausärzte) und Kliniken des staatlichen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) unter der Rotstift-Politik der Regierung Cameron.

"Wenn jetzt noch weitere Milliarden eingespart werden sollen, dann gefährdet das die flächendeckende Gesundheitsversorgung", so ein BMA-Sprecher in London.

Regierung setzt den Rotstift im NHS an

Die Ärzte reagierten damit auf einen Bericht der britischen Tageszeitung "Independent". Die Zeitung hatte unter Berufung auf gut informierte Kreise im Londoner Gesundheitsministerium berichtet, Gesundheitsminister Andrew Lansley plane neue dramatische Kürzungen des Gesundheitsetats.

Konkret sollen in den kommenden vier Jahren 20 Milliarden Pfund (rund 22,5 Milliarden Euro) im NHS eingespart werden; Hüftgelenksoperationen, Kataraktchirurgie, Tonsillektomien und andere als nicht dringend eingestufte Operationen rationiert werden; selektive Operationen bei adipösen Patienten nur noch dann ausgeführt werden, wenn diese Patienten zuvor abnehmen.

Laut Bericht sollen außerdem In- vitro-Fertilisationsbehandlungen (IvF) nicht länger auf Staatskosten angeboten werden und die Verödung von Krampfadern nur noch dann angeboten werden, "wenn der Patient ständig unter Schmerzen" leide.

Regionen arbeiten bereits mit "roten Listen"

Laut neuen Umfragen in staatlichen Hausarztpraxen und Krankenhäusern sind inzwischen zwei von drei Gesundheitsverwaltungen dazu übergegangen, Operationen und Therapien für "nicht dringende" Krankheiten und Leiden zu rationieren.

Jede dritte Gesundheitsverwaltung gibt zu, die Roten Listen, auf denen steht, welche Behandlungen nicht länger auf Staatskosten erhältlich sind, in den vergangenen zwölf Monaten verlängert zu haben.

Konkret: Immer mehr Praxen und Kliniken in Großbritannien rationieren Versorgungsangebote, weil ihnen das Geld fehlt.

Großbritannien leidet stark unter einer seit mehr als zwei Jahren anhaltenden Wirtschaftskrise. Die Koalitionsregierung unter Premierminister David Cameron versucht durch Einsparungen im öffentlichen Dienst, im Bildungs- und Gesundheitswesen den Haushalt dennoch auszugleichen.

Gesundheitspolitische Beobachter im Königreich rechnen jetzt mit neuen Protestaktionen. Bislang haben in England weder die Ärzte noch andere Mitarbeiter des Gesundheitswesens gestreikt.

Das könnte sich nach Meinung der Kommentatoren allerdings demnächst ändern, sollte es tatsächlich zu den jetzt angekündigten Milliarden-Einsparungen im NHS kommen.

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