Ärzte Zeitung, 14.11.2011

Wirtschaftskrise beflügelt britische Privatmedizin

IGeL statt steuerfinanzierter NHS-Sachleistung: Der britische Ärztebund sieht den Trend zur Privatmedizin mit Argusaugen. Denn Hausärzte gerieten leicht in Interessenskonflikte.

LONDON (ast). Eurokrise und wirtschaftliche Probleme verleiten offenbar immer mehr britische Hausärzte dazu, ihren Patienten private Behandlungen anzubieten, anstatt sie auf lange Wartelisten des staatlichen Gesundheitsdienstes National Health Service (NHS) zu setzen. Das hat in der Gesundheitspolitik für Streit gesorgt.

Britische Zeitungen berichten in jüngster Zeit regelmäßig über die "Privatisierung durch die Hintertür" ("The Times"). Immer mehr lokale Gesundheitsverwaltungen müssen mangels Geld medizinische Behandlungen rationieren.

Besonders häufig geschieht dies bei einfachen Eingriffen wie zum Beispiel dem Entfernen von eingewachsenen Nägeln oder Katarakt-Operationen.

Staatshonorare reichen oft nicht aus

Nach Etatkürzungen durch das Gesundheitsministerium, sehen sich immer mehr staatliche Hausarztpraxen und Kliniken nicht mehr in der Lage, diese Behandlungen auf Staatskosten anzubieten.

Folge: Die NHS-Ärzte bieten die Behandlungen als Privatleistung an. Zunächst wird dem Patienten erklärt, dass der NHS die Therapie entweder überhaupt nicht mehr bezahle oder dass es für den Eingriff monatelange Wartzeiten gebe.

Dann offeriert der Arzt dem Kranken eine private Behandlung. Dafür muss der Patient selbst bezahlen oder die Kostenerstattung mit seiner privaten Krankenversicherung (PKV) aushandeln.

Verband fürchtet Verschlimmerung

Der britische Ärztebund (British Medical Association, BMA) beobachtet diese Entwicklung mit Sorge.

"Das kann leicht zu Interessenkonflikten des behandelnden Arztes führen", sagte eine BMA-Sprecherin der "Ärzte Zeitung".

Und: "Die anhaltende Wirtschaftskrise wird diese Situation in den kommenden Monaten und Jahren nur noch weiter verschlimmern."

Interessenskonflike in Privatzentren

Besonders kontrovers sind solche NHS-Hausarztpraxen, die außer ihrer Arbeit für den staatlichen Gesundheitsdienst auch private Behandlungszentren betreiben.

Dort seien die Interessenkonflikte der Hausärzte "besonders groß", warnt der BMA.

Großbritannien hat ein staatliches Primärarztsystem. Der Zugang zu fast allen medizinischen Leistungen erfolgt stets über den Hausarzt. Die freie Arztwahl ist eingeschränkt.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Auf Frühstück zu verzichten erhöht Diabetes-Gefahr

Wer das Frühststücken auslässt, erhöht damit womöglich das Risiko, an Diabetes zu erkranken. Eine Metaanalyse mit fast 100.000 Teilnehmern zeigt: Die Gefahr wächst mit den Tagen. mehr »

Grünes Licht für die MWBO-Novelle

Weniger Richtzeiten und kompetenzbasiertes Lernen: Der Vorstand der Bundesärztekammer hat die Novelle der (Muster-)Weiterbildungsordnung beschlossen. mehr »

Verdacht auf Kindesmisshandlung? Das sollten Ärzte dann tun

Haben Ärzte den Verdacht, dass ein Kind vernachlässigt, misshandelt oder gar missbraucht wird, sollten sie umgehend tätig werden. Wie sie vorgehen sollten, erläutert Oliver Berthold, Leiter der Kinderschutzambulanz in Berlin. mehr »