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Ärzte Zeitung, 17.11.2011

EU will Ärzte auf ihren Verstand verpflichten

Antibiotika-Resistenzen und jährlich 25.000 Todesfälle durch Klinikkeime alarmieren die EU. Ein neuer Aktionsplan soll für Besserung sorgen. Kernidee: Ärzte und Tierärzte sollen ihren Verstand gebrauchen.

EU will Veterinäre auf ihren Verstand verpflichten

Kommissar Dalli: Ärzte erziehen.

© dpa

BRÜSSEL (taf/hub). Mit einem Zwölf-Punkte-Aktionsplan will die EU-Kommissioin die sich ausbreitende Welle von Antibiotikaresistenzen in Europa binnen fünf Jahren stoppen.

Angesichts von jährlich 25 000 Todesfällen in der EU durch von arzneimittelresistenten Bakterien ausgelöste Infektionen will die EU-Kommission die Forschung ausbauen.

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) beziffert den volkswirtschaftlichen Schaden auf jährlich 1,5 Milliarden Euro.

Fast eine Milliarde Euro Kosten

Davon entfallen allein 927,8 Millionen Euro auf Krankenhauskosten. Der Befund des EDCD ist alarmierend: die Resistenz gegenüber den als letztes Mittel eingesetzten Antibiotika in Europa steigt.

So nimmt beispielsweise EU-weit die Resistenz von Krankheitserregern zu, die bei Klinikpatienten häufig Lungenentzündung und Harnwegsinfektionen verursachen.

Vor allem in Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und der Türkei nehmen die ermittelten Werte nach Worten von ECDC-Direktor Dr. Marc Sprenger "äußerst beunruhigende Ausmaße" an.

Rasches Handeln gefragt

"Wir müssen rasch und entschlossen handeln, wenn wir nicht die Möglichkeit verlieren wollen, bakterielle Infektionen bei Mensch und Tier mit Antibiotika zu behandeln", erklärte EU-Gesundheitskommissar John Dalli am Donnerstag in Brüssel.

Wenn dies zum Erfolg führen solle, müssten gemeinsame Anstrengungen aller EU-Mitgliedstaaten und vor allem der Beschäftigten im Gesundheitswesen, der Pharmaindustrie und in der Landwirtschaft unternommen werden.

"Wir müssen Ärzte dazu erziehen, nicht länger zu viele Antibiotika zu verschreiben und die Tierärzte dazu bringen, Antibiotika in der Tierzucht mit Maß und Verstand anzuwenden," fordert Dalli.

Bakterien einen Schritt voraus sein

Ein Hauptproblem stellt dabei die Übertragbarkeit von Bakterienstämmen vom Tier auf den Menschen dar.

"Wenn wir den arzneimittelresistenten Bakterien einen Schritt vorausbleiben wollen, müssen wir rasch die nächste Antibiotikageneration entwickeln", betont EU-Forschungskommissarin Máire Geoghegan Quinn.

So sollen Forschungsinvestitionen gesteigert werden: Die EU stellte von 2000 bis 2010 rund 600 Millionen Euro dafür zur Verfügung.

Übermäßiger Gebrauch gefährdet öffentliche Gesundheit

Es müsse sichergestellt werden, dass Antibiotika seltener aber gezielter eingesetzt würden, sagte der Gesundheitsausschussvorsitzende im EU-Parlament, Jo Leinen.

Der übermäßige Gebrauch von Antibiotika gefährde die öffentliche Gesundheit. "Die EU-Kommission muss eine Untersuchung über die Verknüpfung des Einsatzes von Antibiotika in der Tiermedizin und den Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit starten", forderte Leinen.

Die ECDC warnte derweil vor zunehmenden Resistenzen gegen Carbapeneme. 15 bis 50 Prozent der Klebsiellen in einigen EU-Staaten seien gegen Carbapeneme resistent, hieß es anlässlich des EU-Antibiotikatages am 18. November.

In Mitteleuropa noch relativ selten

In einigen Ländern sind bei Klebsiella pneumoniae bis zu 50 Prozent der Erreger gegen Carbapeneme unempfindlich. Diese Substanzen gelten als letztes Mittel gegen multiresistente Erreger.

Carbapenem-Resistenzen gegen mehrfachresistente Enterobakterien, Pseudomonaden oder Actinobacter seien in Mitteleuropa - besonders auf Intensivstationen - noch relativ selten, schreibt das Robert Koch-Institut (Epid Bull 201; 45: 409).

Die MRSA-Last ist in der EU unterschiedlich verteilt: Deutschland liege hier im Mittelfeld, am besten stünden Skandinavien und die Niederlande da.

Vorbilder im Ausland

Diese Länder gelten auch als Vorbilder, wenn es um Maßnahmen gegen Antibiotikaresistenzen geht.

Das RKI hebt hier besonders die pro Kopf der Bevölkerung hohe Zahl ausgebildeter Fachleute für Hygiene und Antibiotikatherapie hervor, die erhobene Daten sachgerecht bewerten könnten.

Und die ECDC betont, dass eine hohe Compliance bei der korrekten Händehygiene von Klinikpersonal der effektivste Weg sein, die Ausbreitung von Keimen im Krankenhaus zu verhindern.

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