Ärzte Zeitung online, 30.12.2011
 

Krise auf Spanisch: Arbeitslose Ärzte

Die spanische Wirtschaftskrise nimmt das Gesundheitssystems in die Mangel. Der Grund: Die Kosten machen 40 Prozent des gesamten Haushaltsbudgets aus. Doch die Regionen sind bis über die Ohren verschuldet. Jetzt werden Ärzte entlassen. Teil 4 unseres Blicks über den Tellerrand.

Von Manuel Meyer

Spanier sehen Qualität des Gesundheitssystemsgefährdet bedroht

Auch ein Ort an dem bald gespart werden könnte: Apotheke in Andalusien.

© imagebroker / imago

MADRID. Kataloniens Ministerpräsident machte im vergangenen Sommer den Anfang. Artur Mas kündigte Sparmaßnahmen von bis zu einer Milliarde Euro im öffentlichen Gesundheitssystem an, um die sich zuspitzende Schuldenkrise in den Griff zu bekommen.

In den vergangenen Monaten kam es bereits zu zahlreichen Entlassungen in staatlichen Krankenhäusern.

Befristete Verträge von Ärzten und Pflegepersonal wurden nicht verlängert. In Gesundheitszentren, die in Spanien die Aufgabe von Hausarztpraxen übernehmen, wurden Sprechstundenzeiten empfindlich reduziert.

2012 soll die Medikamenten-Eigenbeteiligung von Patienten deutlich erhöht werden. Allgemeinärzte werden zudem aufgefordert, Facharztbehandlungen wie im Hals-Nasen-Ohren Bereich zu übernehmen, damit keine neuen Fachärzte angestellt werden müssen.

Im Laufe des kommenden Jahres will Ministerpräsident Artur Mas in Katalonien zudem die Hälfte der Gesundheitszentren schließen lassen, um rund zehn Prozent des gesamten Gesundheitsbudgets einsparen zu können.

Etliche Regionen zogen nach

Der Domino-Effekt ließ nicht lange auf sich warten. Nach und nach folgten auch Ministerpräsidenten anderer spanischer Regionen in den vergangenen Monaten dem Beispiel aus Katalonien und kündigten für 2012 eine radikale Rotstiftpolitik im Gesundheitsbereich an.

Kastilien-La Mancha, Galicien und die Kanarischen Inseln wollen ähnliche Sparreformen wie Katalonien angehen. Andalusien, die Region Madrid und die Balearen überlegen noch.

Die Unterhaltung des öffentlichen Gesundheitssystems macht in Spanien rund 40 Prozent des gesamten Haushaltsbudgets der Regionen aus, die bis über beide Ohren verschuldet sind, versichert Juan José Güemes vom Madrider Wirtschaftsinstitut IE Business School.

1996 wurde die Finanzierung von einem beitragsfinanzierten auf ein steuerfinanziertes Gesundheitswesen umgestellt und in den Staatshaushalt integriert.

Die Kosten für das öffentliche Gesundheitssystem sind durch die Erhöhung der Medikamentenpreise und die schnelle Zunahme und Überalterung der Bevölkerung in den vergangenen 15 Jahren in Spanien weit über dem Bruttoinlandprodukts (BIP) gestiegen.

Mittlerweile beträgt das Defizit im Gesundheitssystem rund 15 Milliarden Euro.

Immobilienblase machte den Anfang

In der wirtschaftlichen Boomzeit bis 2008 sei es nicht schwer gewesen, diesen Anstieg der Gesundheitskosten abzufangen, erklärt der auf Gesundheitspolitik spezialisierte Wirtschaftsexperte Güemes.

Doch dann platzte die Immobilienblase und der Bausektor, jahrelang einer der wichtigsten Wirtschaftspfeiler, brach zusammen. Ein Dominoeffekt setzte ein. Die internationale Finanzkrise tat den Rest.

Spanien verzeichnet heute mit einer Arbeitslosenquote von 23 Prozent fast doppelt so viele Arbeitslose wie der EU-Durchschnitt.

Die Folge: "Die Steuereinnahmen nehmen ab, die Staatsschulden folglich zu und es wird für die Regierungen immer schwieriger, die steigenden Gesundheitskosten abzufangen", erklärt Juan José Güemes.

Die ersten Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Staatskassen bekommen vor allem die Zulieferfirmen von Krankenhäuser und Pharmaunternehmen zu spüren, die je nach Region bis zu 400 Tage auf ihre Bezahlung warten müssen.

Ein nicht immer wirtschaftliches System

Dabei gibt Spanien nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Vergleich zu Ländern wie Frankreich oder Deutschland mit 9,5 Prozent seines BIP (2009) sogar schon deutlich weniger für das staatliche Gesundheitssystem aus.

Somit kommt Spanien auf Gesundheitskosten von lediglich 3067 US-Dollar (rund 2370 Euro) Ausgaben pro Einwohner.

Die Finanzierungsprobleme können laut Güemes also nicht nur durch eine radikale Rotstiftpolitik gelöst werden, sondern vor allem durch eine Gesundheitsreform, welche die Effektivität des nicht immer wirtschaftlichen Systems steigert.

Dieser Meinung ist auch Juan José Rodríguez Sendín, Vorsitzender der spanischen Ärztekammer OMC. Er fordert eine Art "Staatspakt" zwischen allen Regionen.

Denn in Spanien liege die Verantwortung für die Gesundheitspolitik seit einem Jahrzehnt in den Händen der Regionalregierungen, was dazu geführt habe, dass es in Spanien heute 17 unterschiedliche Gesundheitssystemen mit regelrechten Grenzen gebe.

Gesundheitsreform ante portas

Sendín sieht als Lösung für die ansteigenden Gesundheitskosten gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise eine stärkere Vernetzung der regionalen Gesundheitssysteme mit einheitlichen Richtlinien.

So sei es beispielsweise wirtschaftlich unlogisch, dass jede Region für sich Medikamentenpreise aushandelt, während man zusammen einen viel besseren Preis bei den Pharmaunternehmen erzielen könnte, meint Sendín.

Der OMC-Vorsitzender geht davon aus, dass der bisherige Oppositionsführer Mariano Rajoy von der konservativen Volkspartei, der am 21. Dezember die Regierungsgeschäfte übernimmt, im kommenden Jahr eine Gesundheitsreform einleiten wird, welche die Ausgaben im Gesundheitsbereich nicht nur an die wirtschaftliche Lage anpasst, sondern auch die regionalen Unterschiede auflöst.

Neben der Qualität gebe es mit Blick auf das Defizit im Gesundheitssystem Unterschiede von bis zu 40 Prozent zwischen den einzelnen Regionen, weshalb auch jede Region im Kampf gegen die Schuldenkrise in unterschiedlicher Form den Rotstift ansetzen wird, vermutet Sendín.

Proteste von Ärzten und Bürgern

Mit Blick auf Katalonien, Vorreiter der landesweit zu erwartenden Rotstiftpolitik im Gesundheitswesen, warnt Sendín vor "undifferenzierten" Kürzungen, die im Falle Kataloniens sogar "gefährlich sind, da sie die Qualität des Gesundheitswesens vermindern".

So sei die Warteliste für Operation in Katalonien seit der Reduzierung der Sprechstunden und operativen Eingriffe im Sommer bereits um 23 Prozent von durchschnittlich fünf auf acht Monate gewachsen.

Neben Ärzten protestierten auch Bürger vehement mit Straßendemos und der Besetzung von Gesundheitszentren gegen weitere Kürzungen dieser Art.

Der Vorsitzende der spanischen Ärztekammer kritisiert, dass die Politiker bei den Kürzungen bisher komplett auf den Rat der Ärzteschaft verzichtet hätten.

Um zu sehen, wo die Kürzungen im Gesundheitswesen am besten vorgenommen werden können, verlangt er vor allem Transparenz seitens der Regionalregierungen.

Um politisch nicht abgestraft zu werden, geben sich viele Regierungen bedeckt, wie hoch das Defizit ist und aus welchen Gründen es überhaupt entstanden ist.

Misswirtschaft und überhöhte Preise

Sendín vermutet in allen Regionen eine gewisse Ineffizienz und Misswirtschaft im Personal- und Administrationsbereich. In einigen Regionen könnten es zudem überhöhte Preise für Medikamente und medizinische Gerätschaften sein.

Vielleicht überfordern die Spanier das Gesundheitssystem auch mit zu vielen Arztbesuchen. Immerhin geht jeder Spanier im Schnitt 8,1 Mal im Jahr zum Arzt.

Die Gründe für das Defizit sind sehr variabel und von Region zu Region unterschiedlich.

Dennoch verstehe Sendín wie viele Spanier nicht, warum einige Regionen derzeit bis zu 400 Ärzte entlassen müssen, weil angeblich kein Geld mehr da ist, aber jede Region beispielsweise ihren eigenen kostspieligen regionalen Fernsehsender haben muss.

"Wie kann es sein, dass unser Gesundheitssystem jahrelang als günstig und gut bewertet wurde, plötzlich aber zu kostspielig und nicht mehr tragbar sein soll?", fragt sich auch Beatriz Huertas.

Zu hohe Arztgehälter können es nicht sein, so die 32-jährige Allgemeinmedizinerin aus dem zentralspanischen Valladolid. Die insgesamt 223.500 zugelassenen Ärzte in Spanien haben ein durchschnittliches Netto-Fixgehalt von rund 2500 Euro im Monat.

Zeitverträge und Entlassungen

Neben den Patienten, die von der Sparpolitik im Gesundheitsbereich hauptsächlich durch verlängerte Wartezeiten für Sprechstunden und Operationen betroffen sind, leiden vor allem die Ärzte unter den Kürzungen.

"Viele meiner Kollegen erhalten immer häufiger nur noch Zeitverträge, die immer kürzer werden und teilweise auf ein oder zwei Monate beschränkt sind", sagt Ärztin Beatriz Huertas.

Seit neustem nimmt sogar die Arbeitslosigkeit unter der spanischen Ärzteschaft zu. Hier müsse das Staat aufpassen, warnt Sendín, denn ein großes Problem wird schon bald die Alterung der Ärzteschaft sein.

Zwischen 2016 und 2026 werden rund 54.000 - ein gutes Viertel - in Ruhestand gehen, ohne dass genügend Nachwuchs in Sicht ist.

In Spanien gibt es derzeit zwar noch 4,7 Ärzte pro 1000 Einwohner. Doch jedem Arzt stehen pro Patienten nur noch 6,5 Minuten zur Verfügung.

Streichung bei Not- und Nachtdiensten

Spanien wird die Demografie mit einem Geburtenrückgang und einer Überalterung ab 2020 besonders hart treffen.

Abgesehen von Einstellungsstopps fangen die Regionalregierungen neuerdings auch bei den Gehältern an zu sparen. Neben ihrem festen Gehalt bekommen Ärzte für Notdienste, Nacht- und Extraschichten einen zusätzlichen variablen Lohn, der rund 25 Prozent ihres Gesamtlohns ausmacht.

Die Streichung von Not- und Nachtdiensten und die damit verbundene Reduzierung der Gehälter führe zu einer Demotivierung der Ärzte, versichert auch Ärztekammer-Präsident Sendín.

Gravierender allerdings sind die Auswirkungen auf die Qualität des Gesundheitsdienstes. Auch Ärztin Beatriz Huertas erinnert sich an Autounfälle, bei denen Verletzte fast gestorben wären, weil das Krankenhaus die Zahl der Ärzte im Notdienst stark reduziert hatte.

In Katalonien laufen bereits drei Klagen gegen Krankenhäuser, in denen Patienten anscheinend als Opfer der Sparpolitik wegen zu langer Wartelisten und Anfahrtswege nicht rechtszeitig operiert wurden und starben.

Tatsächlich funktioniert das spanische Gesundheitssystem aber gut und genießt unter der Bevölkerung einen hervorragenden Ruf, vor allem was die fachliche Qualität der ärztlichen Behandlung angeht.

So sind denn auch über zwei Drittel der Spanier mit ihrem Gesundheitssystem rundum zufrieden. Eine europaweit überdurchschnittliche Lebenserwartung von knapp 81 Jahren, die höchste in der gesamten EU, bestätigt diese Einschätzung.

Auch die Kindersterblichkeit ist in Spanien sehr gering. "Damit dies so bleibt, müssen aber schnell Reformen her und nicht nur Kürzungen, die das System in sich gefährden", erklärt Ärztekammer-Präsident Sendín.

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