Ärzte Zeitung online, 28.12.2011
 

Traumland USA: Alptraum für Kranke

Sie verlieren ihren Job - und zugleich ihre Krankenversicherung. Sie behalten ihren Job - und ihr Eigenanteil an der Krankenversicherung steigt drastisch, weil ihre Firma in der Krise Kosten abdrückt auf die Mitarbeiter. Die USA in der Rezession: Kranke Bürger sind die Verlierer. Teil 2 unseres Blicks über den Tellerrand.

Von Claudia Pieper

Traumland USA: Für Kranke ein Alptraum

Massenweise Dollars - bloß nicht im Gesundheitswesen.

© INSADCO / imago

WASHINGTON. Die Rezession hat in den USA tiefe Spuren hinterlassen - vor allem auch im Gesundheitswesen. Die Krise hat gezeigt, wie verwundbar ein System ist, in dem darauf vertraut wird, dass Arbeitgeber ihren Mitarbeitern freiwillig eine Krankenversicherung anbieten.

Als im Verlauf der Wirtschaftsmisere viele Unternehmen Mitarbeiter entließen und ihre freiwilligen Sozialleistungen zurückfuhren, wirkte sich das drastisch auf den Gesundheitssektor aus.

Fast ein Viertel der Erwerbstätigen (24 Prozent bzw. 43 Millionen Menschen) gab an, dass sie und/oder ihr Ehepartner in den Jahren 2009/2010 ihren Arbeitsplatz verloren.

Fast die Hälfte der Betroffenen (47 Prozent) war durch den Arbeitgeber versichert gewesen, aber nur ein Viertel unter ihnen schaffte es, sich anderweitig zu versichern. 57 Prozent standen nicht nur ohne Job, sondern auch ohne Krankenversicherung da.

Erschwingliche Versicherung: eine Seltenheit

Ohne den "Schutzmantel" des Arbeitgebers war es Amerikanern fast unmöglich, eine erschwingliche Versicherung zu finden: 60 Prozent derjenigen, die versuchten, sich auf eigene Faust zu versicherten, sagten, es sei "sehr schwer oder unmöglich", eine Krankenversicherung zu finden, die sie sich leisten konnten.

Konsequenzen ergaben sich aber auch für viele, die ihren Arbeitsplatz behielten. Unter verstärktem wirtschaftlichem Druck schnallten viele Arbeitgeber den Gürtel enger und schichteten Sozialkosten auf ihre Arbeitnehmer um.

Dieser Trend, der schon vor der Rezession begann, hat dazu geführt, dass der finanzielle Beitrag, den amerikanische Arbeitnehmer zu ihrer Krankenversicherung leisten, zwischen 2003 und 2010 um 63 Prozent auf 3721 US-Dollar jährlich gestiegen ist (für eine vierköpfige Familie).

So genannte "Deductibles" (was ein Versicherter jährlich selbst tragen muss, bevor die Versicherung einspringt) sind im gleichen Zeitraum um 98 Prozent gewachsen.

Im Jahr 2010 lag die Höhe der durchschnittlichen Deductibles in 29 Bundesstaaten bei über 1000 Dollar.

Landesweit ist mittlerweile fast ein Drittel (31 Prozent) der Erwerbstätigen durch so genannte "consumer-driven health plans" (CDHP) versichert, die sich durch solche hohen Deductibles auszeichnen (in kleinen Unternehmen sind sogar 50 Prozent aller Mitarbeiter in CDHP.

Jeder zehnte verdiente Dollar für die Versicherung

Die gestiegene finanzielle Bürde für die Gesundheitsversorgung drückt sich in folgenden Zahlen aus: Ein Drittel (32 Prozent oder 49 Millionen) der amerikanischen Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter gab im Jahr 2010 wenigstens 10 Prozent ihres Einkommens für ihre Krankenversicherung bzw. Gesundheitsversorgung aus.

Für viele war diese Belastung zu groß: 40 Prozent bzw. 73 Millionen Menschen sagten, dass sie Probleme hatten, ihre gesundheitsbezogenen Rechnungen zu bezahlen.

Die finanziellen Probleme der Patienten blieben nicht ohne Folgen für die Leistungsanbieter: Nicht nur liefen sie Patienten mit ausstehenden Arztrechnungen hinterher.

Sie waren auch damit konfrontiert, dass Patienten aus finanziellen Gründen Termine ausfallen ließen, Vorsorgeuntersuchungen und Tests verschoben oder verschriebene Medikamente nicht abholten bzw. nicht wie verschrieben einnahmen.

41 Prozent der Erwachsenen unter 65 (75 Millionen Menschen) gaben zu, auf diese oder ähnliche Art und Weise Geld zu sparen. Eine Befragung unter Hausärzten bestätigt diese Problematik.

Ihr zufolge behandelten Hausärzte im Jahr 2010 durchschnittlich acht Patienten pro Woche, denen sie auf Grund finanzieller Probleme nichts oder weniger berechneten.

Kürzungen bei Medicaid

Nicht nur der private Gesundheitssektor litt unter der Wirtschaftskrise: Auch die Programme der öffentlichen Hand waren betroffen.

Die Bundesstaaten nahmen einerseits weniger Steuern ein, sahen aber andererseits ihre Ausgaben unter Druck, weil die Gesundheitsprogramme für Arme (Medicaid) verstärkt in Anspruch genommen wurden.

Um zu verhindern, dass die Bundesstaaten ihre Medicaid-Programme einschränkten, sagte das im Jahr 2009 verabschiedete Stimulusgesetz den Bundesstaaten finanzielle Medicaid-Hilfe zu, verpflichtete sie aber zugleich, ihren Leistungsumfang zu halten.

Die extra Finanzhilfen der Regierung liefen jedoch im Juni 2011 aus. Seitdem haben viele Bundesstaaten Kürzungen in ihren Medicaid-Programmen vorgenommen.

Das im Jahr 2010 verabschiedete Gesundheitsreformgesetz bindet sie aber zumindest bis 2014 an bestimmte Standards.

Hat die Gesundheitsreform nichts gebracht?

Das mag sich so mancher Beobachter angesichts der angespannten Lage fragen. Ziel der Gesundheitsreform war es unter anderem, Versicherte durch mehrere Regelungen zu schützen: Versicherungen können ihre Beiträge nicht mehr vom Gesundheitszustand oder Alter des Versicherten abhänging machen. Außerdem dürfen sie Menschen nicht mehr ablehnen oder fallenlassen.

Neue "Versicherungsmarktplätze" sollen es auch Personen, die nicht durch ihren Arbeitgeber versichert sind, ermöglichen, eine adäquate und erschwingliche Versicherung zu finden.

Die Regierung etabliert darüber hinaus Minimum-Standards für akzeptable Krankenversicherungen. Menschen bis in die mittleren Einkommensschichten erhalten Finanzhilfen, damit sie sich eine Krankenversicherung leisten können.

Kleinere Arbeitgeber erhalten Steueranreize, ihren Mitarbeitern eine akzeptable Versicherung anzubieten. Mittel- und Großunternehmen bezahlen zukünftig eine Strafe, wenn sie sich der sozialen Verantwortung entziehen, ihren Mitarbeitern eine Versicherung anzubieten. Auch die Bürger werden verpflichtet, sich zu versichern.

Versicherungspflicht vor dem Kadi

Ohne Zweifel hätten diese Regelungen viele der Konsequenzen der Wirtschaftskrise verhindert oder zumindest abgefedert.

Das Problem: Die wichtigsten Elemente der Gesundheitsreform treten erst Anfang 2014 in Kraft. Bis dahin kann allerdings noch viel passieren. Die Reform war von Anfang an kontrovers und wurde nach ihrer Verabschiedung von 28 Bundesstaaten gerichtlich angefochten.

Dorn im Auge ist den Reformgegnern vor allem die individuelle Versicherungspflicht, die sie für verfassungswidrig halten.

Nach widersprüchlichen Ergebnissen in den unteren Instanzen hat sich vor kurzem der Oberste Gerichtshof bereit erklärt, sich des Rechtsstreits anzunehmen. Eine Entscheidung wird bis Juni 2012 erwartet.

Selbst wenn das Gericht die Reform stehen läßt, ist die Rechtsunsicherheit nicht völlig aus dem Weg geräumt. Das Schicksal der Reform hängt auch von den Wahlen im kommenden November ab.

Falls die Republikaner nicht nur die Präsidentschaft zurückgewinnen, sondern auch große Gewinne im Kongress verzeichnen, könnten sie eventuell verwirklichen, was sie ihren Wählern seit 2010 versprechen: die Reform rückgängig zu machen.

Das wäre allerdings ein fataler Schritt und würde Millionen von Amerikanern des Versicherungsschutzes berauben, den sie - wie die Wirtschaftskrise zuletzt gezeigt hat - dringend benötigen.

[29.12.2011, 22:21:14]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"American Dream" - Gesundheitspolitisches Desaster!
Auch unsere FDP hatte sich das schneidig und mit 14,6 Prozent Wählerstimmenanteil bei der Bundestagswahl 2009 im Rücken so (alp-)traumhaft vorgestellt: Mitten in der europaweiten Euro- und Weltwirtschaftskrise mit der "Kopfpauschale" eine gigantische Umverteilung von Unten nach Oben starten. Die Armen zahlen - die Reichen sparen, wie in den USA, an den Gesundheits- und Krankheitskosten.

Eine "Kopfpauschale" zur GKV-Finanzierung hätte für Alle 250 Euro monatlich als gesetzlichen Krankenversicherungsbeitrag bedeutet; o h n e Arbeitgeberanteil! Wer 1.000 Euro mtl. verdient, würde 25 % GKV-Beitrag zahlen, wer 5.000 hat, bräuchte nur 5 % seines Einkommens aufwenden. Und wer, wie viele Rentner/-innen bzw. Niedriglohnempfänger, das gar nicht zahlen könnte? - Pech gehabt! Denn für einen "Sozialausgleich" war viel zu wenig eingeplant. Das kommt gar nicht in die (Lohn-)Tüte sagen sich heute Viele - die FDP dümpelt nicht nur deshalb derzeit bei 2 bis 3 Prozent Wählerzustimmung.

In den USA allerdings sind bei den Meinungs- und Machtverhältnisse die Gestaltungsmöglichkeiten einer verpflichtenden, bezahlbaren, frei zugänglichen und sozial ausgeglichenen gesetzlichen Krankenversicherung äußerst fraglich. Allein die P f l i c h t zu ausreichender Assekurierung wird von konservativen US-Amerikanern und der fundamentalistischen Tea-Party-Bewegung als Einführung von gleichmacherischem Sozialismus/Kommunismus verhöhnt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler FAfAM Dortmund


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