Ärzte Zeitung online, 31.12.2011
 

Hamsterkäufe in Polens Apotheken

Prost Neujahr in Polen: Der Gesundheitsminister macht Schluss mit "Wildwest" in der Arzneipolitik. Ärzten und Apothekern treibt er damit die Zornesfalten ins Gesicht - Patienten stürmen die Apotheken zum großen Ausverkauf.

Von Jens Mattern

Hamsterkäufe in Polens Apotheken

Schlange in der Apotheke: Szenen wie zur Schweinegrippe-Pandemie spielen sich derzeit in Polen ab.

© newspix / imago

WARSCHAU. Ein Bild, das an sozialistische Zeiten erinnert: in Polens Apotheken stehen die Menschen in den letzten Tagen des alten Jahres Schlange, bis raus auf die Straße.

Viele Polen hamstern verschriebene Medikamente, da sie befürchten, dass jene im neuen Jahr teurer werden. Denn ab 2012 sollen die Arzneimittelpreise stärker reguliert werden.

"Jetzt ist Schluss mit Wildwest in der Preispolitik bei Arzneimitteln", kündigte der frischgebackene Gesundheitsminister Bartosz Arłukowicz diese Woche die Reformen ein wenig marktschreierisch an.

Mit "Wildwest" meinte der Politiker der liberalen Regierungspartei Bürgerplattform folgende Praxis: Um ihre Originalpräparate vor Generika zu schützen, schließen viele Pharmahersteller mit Apotheken Rabattverträge ab, die jene beim "Nationalen Gesundheitsfonds" NFZ abrechnen können.

So können Originalpräparate weiter kostengünstig verschrieben werden. Durch eine Festpreisbindung und eine feste Gewinnspanne soll dies nun unterbunden werden.

Weitere Preisänderungen im Gespräch

In Polen muss sich jeder Bürger über den Nationalen Gesundheitsfonds versichern lassen. Medikamente sind allgemein kostenpflichtig, ein Teil der Medikamente werden jedoch vom Staat mitfinanziert ("refundiert"), so dass die Patienten für sie nur einen geringen Betrag errichten.

Eine Liste, die die neuen "refundierbaren Medikamente" enthält, wurde nun in der Nacht auf den Samstag auf der Webseite des Gesundheitsministeriums veröffentlicht.

Das Gesundheitsministerium befindet sich jedoch mit weiteren Pharmaunternehmen im Gespräch, so dass Preisänderungen weiterhin möglich sind.

Medikamente in Polen gehören zu den billigsten in der EU. Der Durchschnittspreis pro Packung liegt an der Weichsel bei 3,6 Euro, der EU-Mittelwert beträgt 8 Euro.

Insgesamt sollen nun die Medikamente um zehn Prozent billiger werden, einzelne Präparate werden jedoch im Preis steigen - dies erklärt die bisherigen Massenkäufe in den Apotheken.

Heilung statt Bürokratie

Sowohl das Gros der polnischen Ärzteschaft wie das der Apotheker lehnt die neue Verantwortung ab, die mit den Reformen verbunden ist.

Demnächst müssen polnische Ärzte ihre Patienten verbindlich über die Kosten des Medikaments und über die Prozedur der Refundierung informieren.

"Ärzte sollen sich mit der Heilung, nicht mit der Bürokratie befassen" bemängelte Krzysztof Bukiel, der Vorsitzende des Polnischen Berufsverband der Ärzte (OZZL), die neue Vorschrift.

Denn die Abrechnungen werden komplex: Für das gleiche Medikament zahlt etwa ein Typ-2-Diabetiker künftig einen anderen Betrag als eine Frau mit Gestationsdiabetes.

Auch Grzegorz Kucharewicz, Vorsitzender des Oberen Apothekerrats erklärte, dass ein Teil der Apotheken den neuen Vertrag mit dem NFZ nicht unterschreiben will.

Er befürchtet, dass die Rechtsabteilung des Gesundheitsministeriums die Apotheken bei der kommenden Jahresabschlussrechnung mit Rückzahlungsforderungen belasten wird.

Für die Ärzte und Apotheker Polens kommen somit Kopfweh und Kater schon vor der Silvesterparty - die Feiertage werden sie mit dem Studium der neuen Bestimmungen verbringen müssen.

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