Ärzte Zeitung, 14.01.2015

Notaufnahmen überfüllt

Chaos in britischen Krankenhäusern

Schon vor Weihnachten waren viele britische Notfallstationen überfüllt, doch nach den Feiertagen hat sich die Lage offenbar noch dramatisch verschärft.

LONDON. In mehr als einem Dutzend britischer Krankenhäuser herrschen weiterhin teilweise chaotische Zustände, weil die Notfallstationen überfüllt und Akutbetten knapp sind.

Die Versorgungskrise ist eine der schlimmsten Krisen, die das staatliche Gesundheitswesen (National Health Service, NHS) in den vergangenen 25 Jahren erlebt hat.

Bereits seit kurz vor Weihnachten melden zahlreiche große staatliche Kliniken, dass sie nicht länger in der Lage sind, Notfallpatienten zeitgerecht zu versorgen.

Britische Medien berichteten in der vergangenen Woche, das allein im Zeitraum von Oktober bis Dezember 2014 landesweit mehr als 400 000 Notfallpatienten "länger als vier Stunden" nach der Einlieferung auf eine fachärztliche Versorgung warten mussten.

Das ist ein trauriger Rekord. Tausende Patienten verbringen die Nächte auf Notbetten in den Fluren, weil Zimmerplätze fehlen.

Seit Beginn des neuen Jahres hat sich die Lage offenbar weiter verschlimmert. Mehr als zwölf NHS-Kliniken, darunter auch mehrere weltbekannte Kliniken in der Hauptstadt London, meldeten in der ersten Januarwoche, dass ihre Notfallstationen derart überfüllt seien, dass neue Patienten unter Umständen Stunden zu warten hätten, bevor sie fachärztlich versorgt werden könnten.

Patienten wurde geraten, "möglichst nicht" ins Krankenhaus zu kommen.

Laut Kliniken hatten viele Patienten über die Feiertage und über den Jahreswechsel hinweg ärztliche Konsultationen verschoben, um zu feiern.

Diese Patienten drängen in die Kliniken, wobei viele zwar letztendlich keine Notfälle sind, wohl aber zunächst untersucht werden müssen, um dies zu evaluieren. Das kostet Zeit und Personal.

Erschwerend kommt hinzu, dass der NHS viele Telefondienste, darunter auch den kostenlosen medizinischen Beratungsdienst und Symptomchecker "NHS Direct" sowie die Notfallrufnummer "999" offenbar mit wenig qualifiziertem Personal besetzt hat.

Das geschah laut britischem Ärztebund (British Medical Association, BMA) offenbar, "um Geld zu sparen".

Kehrseite der Medaille: die wenig fachkundigen Telefondienstler rieten offenbar tausenden ratsuchenden Patienten, sicherheitshalber direkt ins Krankenhaus zu gehen, anstatt den Hausarzt zu konsultieren.

Das sorgte dafür, dass die NHS-Ambulatorien völlig überrannt wurden.

Die britischen Berufsverbände sprechen von einer "nationalen Schande". Patientenorganisationen warnten, dass die Missstände landesweit Patientenleben gefährdeten.

Für die Regierung Cameron besonders brisant: in Großbritannien hat inzwischen der Wahlkampf für die im Mai stattfindenden Unterhauswahlen begonnen. Die Versorgungskrise im staatlichen stationären Sektor ist damit zu einem Wahlkampfthema geworden. (ast)

[15.01.2015, 09:31:22]
Dr. Arne Krüger 
NHS stellt den Missstand immerhin fest
Bei aller Kritik am NHS haben sie einen Vorteil: Sie stellen ihre Missstände immerhin fest, da sie zentral ausgewertet werden. Damit haben sie einen großen Vorteil gegenüber dem deutschen Gesundheitssystem, der die gleiche Situation konsequent ignoriert. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Bei Diabetikern wird der HbA1c-Wert nicht oft genug kontrolliert

Eigentlich sollten Ärzte mindestens zweimal im Jahr den HbA1c-Wert bei Typ-2-Diabetikern bestimmen. Bei jedem vierten Patienten messen sie ihn aber nur einmal oder gar nicht. mehr »

SPD will "Ende der Zwei-Klassen-Medizin"

14:10 Nach der knappen Abstimmung pro GroKo-Verhandlung geht es nun darum, die auf dem SPD-Parteitag angesprochenen "Nachbesserungen" in den Koalitionsvertrag reinzuverhandeln. KBV und Hartmannbund reagieren skeptisch. mehr »

Beunruhigend hohe Zahlen in der Altenpflege

Altenpflegekräfte fehlen fast doppelt so oft wegen psychischer Erkrankungen wie andere Beschäftigte, heißt es im länderübergreifenden Gesundheitsbericht für Berlin und Brandenburg. mehr »