Ärzte Zeitung, 18.05.2015

USA

Obama-Care läuft leer

Herbe Enttäuschung für US-Gesundheitsreformer: Notfallstationen sind überlaufener denn je.

Von Claudia Pieper

Obama-Care läuft leer

WASHINGTON. Ziel der amerikanischen Gesundheitsreform war es unter anderem, Notarztbesuche einzuschränken.

Da fast alle Amerikaner seit Anfang 2014 krankenversichert sein müssen, wurde erwartet, dass viele der Neu-Versicherten sich einen regulären Hausarzt suchen würden, statt bei sämtlichen Gesundheitsproblemen die Notaufnahme aufzusuchen.

Diese Hoffnung hat sich bisher nicht erfüllt, berichtete jetzt die Interessenvertretung der amerikanischen Notärzte ACEP (American College of Emergency Physicians).

ACEP befragte im März über 2000 Notärzte. Davon gaben drei Viertel an, dass sich die Zahl ihrer Patienten im letzten Jahr erhöht habe - 28 Prozent sprachen sogar von einer "erheblichen" Steigerung des Patientenvolumens.

Hausärzte fehlen

Hauptgrund für die zunehmende Belastung der Notaufnahmen ist laut ACEP-Präsident Mike Gerardi der Mangel an Allgemeinmedizinern. "Wir haben das vorhergesagt", sagte er laut Tageszeitung USA Today. "Die Leute kommen zu uns, weil sie keine andere Alternative haben."

Vor allem Neu-Versicherte in Medicaid - das ist die Krankenversicherung für Einkommensschwache - haben Probleme, einen Hausarzt zu finden. Das bestätigte im Dezember eine Studie des Gesundheitsministeriums.

Ihr zufolge war über die Hälfte von Medicaid-Ärzten nicht in der Lage, potenziellen Patienten einen Termin anzubieten. Die Glücklichen, die einen Arzttermin ergatterten, mussten im Durchschnitt zwei Wochen warten. Allerdings war bei einem Viertel der Ärzte die Wartezeit über einen Monat lang.

Das Problem der Wartezeiten würde entschärft, wenn mehr Ärzte Medicaidpatienten annehmen würden. Viele Allgemeinmediziner weigern sich jedoch, weil sie die Bezahlung durch Medicaid für unzureichend halten.

Mehrkosten pro Fall: 600 Dollar

Der Mangel an (willigen) Medizinern ist aber nicht der einzige Grund für übervölkerte Notaufnahmen. Menschen, die jahrelang nicht krankenversichert waren, haben sich daran gewöhnt, bei Gesundheitsproblemen aller Art zum Notarzt zu gehen. Solche Patienten müssen sozusagen "umerzogen" werden.

Das betonte Aaron Albright, ein Sprecher für die öffentlichen KV-Programme Medicaid und Medicare, gegenüber Wall Street Journal: "Wir arbeiten kontinuierlich daran, Leute zu erreichen, die die Notstationen in der Vergangenheit für nicht dringliche Versorgung in Anspruch genommen haben. Wir versuchen, sie darüber zu informieren, wie sie ihre neue Versicherung am sinnvollsten nutzen können."

Eine Entlastung der Notaufnahmen ist in mehrfacher Hinsicht wichtig: Erstens ist erwiesen, dass in überfüllten Notstationen mehr Patienten sterben. Zweitens sind die Kosten für unnötige Notarztbesuche immens: Nach einer 2013 veröffentlichen Studie der Robert Wood Johnson-Stiftung kostete es fast 600 Dollar mehr, in die Notaufnahme zu gehen, wenn es ein Hausarztbesuch auch getan hätte.

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