Ärzte Zeitung, 15.07.2015

Einheitsversicherung

Altschulden und offene Rechnungen

Europa muss sich auf eine humanitäre Katastrophe gefasst machen. Das Niveau der medizinischen Versorgung "würde man eher in Afrika, nicht in Europa verorten", so das Fazit von Dr. Günter Danner.

NEU-ISENBURG. Große Teile der griechischen Bevölkerung, insbesondere Arbeitslose, Drogenabhängige und Personen mit HIV, werden nur noch auf Dritte-Welt-Niveau versorgt. Eine geordnete primärärztliche Versorgung, das eigentliche Ziel der 2012 geschaffenen Einheitsversicherung, ist nicht existent.

Nur fünf Prozent der griechischen Mediziner sind Hausärzte. Regelhaften Zugang zur Versorgung hat nur, wer Ärzte cash bezahlen kann - eine Gebührenordnung existiert nicht.

Das ist die Zustandsbeschreibung des griechischen Gesundheitssystems von Dr. Günter Danner. Er ist Vizedirektor der Vertretung der deutschen Sozialversicherung bei der EU in Brüssel und einer der besten Kenner der EU-Gesundheitssysteme.

Die Einheitsversicherung EOPYY hat zwar - theoretisch - eine breite Einnahmengrundlage: Löhne, Mieten, Pachten, Zinsen, Dienstleistungen für Ausländer. Genauso wie im Steuersystem werden diese jedoch nicht erfasst.

Die Folge: Neben den Altschulden hat sich ein Berg unbezahlter Rechnungen in Höhe von vier Milliarden Euro aufgetürmt. Vor allem Kliniken haben hohe Forderungen gegenüber EOPYY.

Von ursprünglich 183 Kliniken haben bis September 2014 etwa 100 geschlossen. Das Budget der öffentlichen Kliniken wurde allein zwischen 2009 und 2011 um 26 Prozent gekürzt.

Junge Ärzte, die gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen haben, verließen fluchtartig das Land, so Danner. Haben sie gute Englischkenntnisse, finden sie im restlichen Europa problemlos Arbeit.

Die katastrophale Lage schlage sich inzwischen in sozialmedizinischen Indikatoren nieder: steigende Säuglingssterblichkeit, Anstieg der Suizidrate, Ausbreitung von Tuberkulose.

Danner glaubt nicht, dass das in Vorbereitung befindliche EU-Hilfsprogramm von über 80 Milliarden Euro eine grundlegende Wende bringen wird. Griechenland zeige alle Charakteristika eines "failing state": die Funktionsuntüchtigkeit der staatlichen Exekutive, insbesondere der Steuerverwaltung, der Polizei und Justiz, aber auch fehlender Wille, dies grundlegend zu ändern. (HL)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Alzheimer-Anzeichen schon 25 Jahre vor Ausbruch

Die Alzheimer-Demenz kündigt sich in einigen Formen offenbar lange vor Krankheitsbeginn an. Das bringt Zeit, um die Erkrankung zu verhindern - womöglich sogar zwei Jahrzehnte. mehr »

Konzept der E-Patientenakte steht

Die elektronische Patientenakte nimmt konkrete Formen an. Ärzte, Zahnärzte, Krankenkassen und gematik haben sich auf ein Vorgehen zur Gestaltung der ePA geeinigt. Die Industrie bleibt vorerst außen vor. mehr »

Placebo ist nicht gleich Placebo

Ein Scheinmedikament zu verordnen, gilt manchen Ärzten als anrüchig - andere halten es für legitim. Bei vielen hängt es davon ab, woraus das spezielle Placebo besteht. mehr »