Ärzte Zeitung, 14.09.2016

Wahlen in den USA

Ist Clinton fit genug im Kampf ums Weiße Haus?

Er sei in seiner Zeit als Politiker annähernd 100 Mal bewusstlos gewesen, erinnerte sich einst Altbundeskanzler Helmut Schmidt. In den USA könnte jetzt ein einziger Schwächeanfall Hillary Clintons den Präsidentschaftswahlkampf entscheiden.

Von Claudia Pieper

Ist Clinton fit genug im Kampf ums Weiße Haus?

Im Dauerstress: Hillary Clinton bei einer Wahlkampfveranstaltung in Reno, Nevada.

© David Calvert/picture alliance / ZUMAPRESS.com

Der Zeitpunkt für Hillary Clintons Gesundheitskrise ist denkbar ungünstig: Ausgerechnet bei der Gedenkfeier zum 11. September 2001 erlitt sie einen Schwächeanfall, der kurz darauf von ihrer Ärztin mit einer Lungenentzündung begründet wurde.

Trotz der hinzugefügten Beteuerung, dass es der Präsidentschaftskandidatin schon wieder besser gehe, zirkuliert jetzt überall die unwillkommene Frage: Ist Frau Clinton fit genug, das Präsidentschaftsamt der Vereinigten Staaten anzutreten?

Clintons Kontrahent Donald Trump wünschte ihr inzwischen gute Besserung. Die freundlichen Worte können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihm Clintons aktuelle Gesundheitsprobleme sehr gelegen kommen. Trump hat die Fitness seiner demokratischen Gegnerin seit einiger Zeit öffentlich in Frage gestellt.

 Clinton war 2012 - noch als Außenministerin - auf einer Veranstaltung wegen eines Magen-Darm-Infekts in Ohnmacht gefallen, hatte sich beim Fall am Kopf verletzt und musste sich wenig später wegen eines Blutgerinnsels einer Operation unterziehen.

Trump hat im Wahlkampf wiederholt versucht, Clinton als gebrechlich darzustellen. Unter anderem bezeichnete er sie als "mental und physisch" zu labil, etwa die Terrororganisation Islamischer Staat wirkungsvoll zu bekämpfen.

"Gesündester Präsident aller Zeiten"

Nachdem Clintons Lungenentzündung bekannt geworden war, wies Trump prompt darauf hin, dass er sich gerade selbst einer gründlichen ärztlichen Untersuchung unterzogen hat. Deren Ergebnisse will er noch diese Woche veröffentlichen.

Unterdessen ließ er schon einmal durchblicken, dass er "sehr zuversichtlich" sei, die Wähler mit "hoffentlich sehr guten Daten" zu beeindrucken. Bislang hatte Trump, der 16 Monate älter ist als die 68-jährige Clinton, es nicht für nötig befunden, die Öffentlichkeit detailliert über seine Gesundheit zu informieren.

Nur einen Brief seines Arztes hatte er zirkulieren lassen, in dem dieser ihm bescheinigte, dass er "der gesündeste Präsident aller Zeiten" sein werde. In den Medien hieß es, er nehme wegen hoher Cholesterinwerte Medikamente.

Eines ist klar: Selbst ohne Trumps Zutun nimmt Clintons Präsidentschaftskampagne durch die Krankheit potenziell Schaden. In den Medien wird seit Tagen spekuliert, an welcher Art von Lungenentzündung sie leidet und wie schnell sie sich - in ihrem fortgeschrittenen Alter - davon erholen wird. Das kann die amerikanischen Wähler nur verunsichern.

86 Prozent der potenziellen US-Wähler hatten vor Kurzem in einer Umfrage des Rasmussen-Instituts gesagt, dass die Gesundheit eines Präsidentschaftskandidaten eine wichtige Rolle in ihrer Wahlentscheidung spiele. Zu diesem Zeitpunkt waren aber nur 17 Prozent der demokratischen Wähler der Ansicht, dass Clintons Gesundheitszustand besorgniserregend sei.

72 Prozent fanden dagegen, dass die Sache von der Opposition hochgespielt werde, um der Kandidatin zu schaden. Unter unabhängigen Wählern fanden zu diesem Zeitpunkt schon bis zu 52 Prozent, dass Clintons Gesundheit ein ernst zu nehmendes Thema sei.

Rasmussen veröffentlichte diese Umfrageergebnisse am 8. September, also drei Tage bevor Clintons Krankheit offensichtlich wurde. Selbst ihre treuesten Anhänger können seit Sonntag nicht verleugnen, dass die Kandidatin gesundheitlich angeschlagen ist.

Keine Zeit für Erholung

US-Bürger erfahren jetzt, dass eine Lungenentzündung, zumal eine (wie vielfach angenommen) wandernde Pneumonie, keine langfristige Einschränkung bedeuten muss, aber dass sie zumindest kurzfristig ernst zu nehmen sei.

Die Wahl findet in weniger als acht Wochen statt; dazwischen liegen mehrere Debatten und Kandidatenauftritte in umkämpften Bundesstaaten. Viel Zeit zur Erholung hat Clinton also nicht, wenn sie die heiße Phase des Wahlkampfs für sich nutzen will.

Mehrere Experten haben sich zuversichtlich geäußert, dass Clinton nicht lange außer Gefecht gesetzt sein wird: Norman H. Edelman, wissenschaftlicher Berater der American Lung Association sagte der "Washington Post", es gebe keinen Grund anzunehmen, dass Clinton durch die Lungenentzündung behindert sein werde.

Und der Pulmologe Dr. Mark Nicolls von der Stanford-Universität betonte ebenfalls im Gespräch mit der "Post": "Sich eine wandernde Pneumonie zuzuziehen bedeutet nicht, dass die betroffene Person unter einem schlechten Gesundheitszustand leidet."

Dennoch wird Clinton sich damit abfinden müssen, dass ihre Gesundheit in der Endphase des Wahlkampfs eine größere Rolle spielen wird, als ihr recht ist. Da ihr Vorsprung auf Trump in Umfragen ohnehin geschrumpft ist, könnte es für die demokratische Präsidentschaftskandidatin jetzt doch noch eng werden.

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