Ärzte Zeitung, 07.10.2016

Syrien

Kliniken kaum mehr arbeitsfähig

Die Lage in Syrien spitzt sich zu: Kliniken müssen schließen, während immer mehr Verletzte zu behandeln sind.

Von Jana Kötter

ALEPPO. In der umkämpften nordsyrischen Großstadt Aleppo wird die Versorgung Verwundeter immer schwieriger: Weil die Rebellengebiete weiter die bislang heftigsten Angriffe der syrischen und russischen Luftwaffe seit Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2011 erleben, steigt die Zahl Verwundeter weiter dramatisch. Gleichzeitig geraten Kliniken immer wieder unter Beschuss, werden zerstört oder müssen schließen. Hilfsorganisationen werfen dem Regime und seinen Verbündeten vor, die Bombardierungen der medizinischen Einrichtungen hätten sich zu einer Kriegstaktik entwickelt.

Erst vergangene Woche haben zwei Kliniken der Syrisch-Amerikanischen Medizinischen Gesellschaft (Sams) den Betrieb eingestellt, weil mindestens eine der Notfallkliniken von einem Luftangriff getroffen worden war. "Durch solche Angriffe werden Menschen zum Tode verurteilt", erklärte Adham Sahlul, Sprecher der Hilfsorganisation.

Besonders dramatisch ist die Lage im Osten der Stadt: Wegen einer Blockade ist dieser seit Wochen von der Außenwelt abgeschnitten. Bis zu 300.000 Menschen sind eingeschlossen, wegen der Blockade fehlt es akut an Nahrungsmitteln, Trinkwasser und medizinischer Versorgung.

Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge gibt es dort nur noch 35 Ärzte, die völlig überfordert sind. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) teilte jüngst über Twitter mit, alle acht Krankenhäuser im Osten Aleppos seien seit Beginn der Blockade im Juli beschädigt worden.

Gleichzeitig konstatiert die Organisation Handicap International in einem aktuellen Bericht, dass "unterschiedslose Bombardierungen sowie Beschuss" in dem Konflikt zur Regel geworden seien. Immer wieder würden Zivilisten mit verheerenden Waffen wie Fassbomben, Streubomben, Minen und Raketen angegriffen. Mit über 1,5 Millionen Verletzten werde eine ganze Generation für viele Jahre unter den Spätfolgen leiden müssen.

Politik und Ärzteschaft beobachten die Versorgungssituation mit Sorge. So hat die Bundesärztekammer an die Konfliktparteien appelliert, Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen aus den Kampfhandlungen herauszuhalten. Der Grundkanon menschlicher Werte gehe mehr und mehr verloren, kritisierte BÄK-Präsident Frank Ulrich Montgomery.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat die Angriffe auf Krankenhäuser als Kriegsverbrechen verurteilt. "Stellen Sie sich ein Schlachthaus vor. Das hier ist schlimmer. Sogar ein Schlachthaus ist humaner", sagte Ban vor dem UN-Sicherheitsrat. (mit dpa)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Wirkstoff zum Cannabis-Entzug

Die Blockade der Fettsäureamid-Hydrolase reduziert Symptome beim Cannabis-Entzug. Mit einem Hydrolasehemmer senkten Abstinenzwillige den Konsum um fast 70 Prozent. mehr »

Arzt und Kämpfer gegen sexuelle Gewalt

Die Gewinner der Nobelpreise haben am Montag ihre Auszeichnungen entgegengenommen. Besondere Aufmerksamkeit erlangte dabei der Arzt Denis Mukwege, Träger des Friedensnobelpreises. mehr »

Erste Kassen senken Zusatzbeitrag deutlich

Die gute Konjunktur und hohe Reserven machen sinkende Zusatzbeiträge möglich – aber nicht bei jeder Krankenkasse. mehr »