Ärzte Zeitung, 03.01.2017
 

Aleppo

Symbol für das Versagen medizinischer Versorgung

Das syrische Aleppo zeigt exemplarisch, wie die Rebellion in vielen arabischen Staaten kläglich gescheitert ist. Die Folge: eine massiv physisch wie psychisch beschädigte Jugend.

Von Matthias Wallenfels

Symbol für das Versagen medizinischer Versorgung

Die Not steht im Gesicht geschrieben: In Aleppo ist derzeit oft schon eine einfache medizinische Versorgung Luxus.

© Bahjat Najar/ Anadolu Agency/ dpa

Der Showdown in der syrischen Stadt Aleppo ist Spiegelbild eines multifaktoriellen Geschehens. Er zeigt zum einen, dass die Weltgemeinschaft beim Versuch der friedlichen, diplomatischen Konfliktlösung wieder einmal am Nasenring durch die Arena gezogen wurde.

Sie führt aber auch vor Augen, mit welcher Hypothek die vornehmlich jungen Gesellschaften vieler Staaten im gesamten arabischen Raum in die Zukunft gehen – mit massiven, meist bürgerkriegsbedingten physischen wie mentalen gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Der Beschuss von Krankenhäusern und medizinischem Personal wie auch ehrenamtlichen Krisenhelfern zeigt, wie menschenverachtend und marodierend die einzelnen Bürgerkriegsparteien ihre Ziele verfolgen.

Wie Alles begann

Rückblick: Im Dezember jährte sich zum sechsten Male der Ausbruch des Arabischen Frühlings. 2010 begannen in Tunesien Proteste gegen die Regierung von Staatsoberhaupt Zine elAbidine Ben Ali. Auslöser war die Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi infolge von Polizeiwillkür und Demütigungen.

Innerhalb kurzer Zeit kam es zu landesweiten Massenunruhen, die dann auf etliche Staaten in Nordafrika und dem Nahen Osten übergriffen. Weltweit keimte Hoffnung auf, dass durch einen – vielleicht sogar relativ friedlichen – Umbruch in der Region vor allem der meist perspektivlosen jungen Generation der Weg in Teilhabe und Prosperität geebnet werde.

Inzwischen werden aber fast nur noch Marokko, Tunesien und Jordanien ernsthafte Reformbemühungen abgenommen. Länder wie Libyen und Syrien hingegen versanken oder versinken im Chaos.

Vereinte Nationen ziehen Schadensbilanz

Wie gebeutelt die junge Generation der 15- bis 29-Jährigen in vielen Ländern der Region in puncto medizinischer Versorgung ist, beleuchtet der jetzt erschienene "Arab Human Development Report 2016" des zuständigen Regionalbüros des United Nations Development Programme (UNDP).

Wie es in dem Bericht heißt, sei das Wohlbefinden junger Erwachsener generell ein Indikator für das zukünftige Wohlbefinden der Erwachsenen. Die Gesundheit der jungen Menschen werde beginnend mit der Empfängnis von vielfältigen Faktoren beeinflusst, die wiederum die Gesundheit im späteren Leben prägten.

Wie es in dem Bericht heißt, werden die jungen Menschen in vielen arabischen Ländern staatlicherseits kategorisch von der zahnmedizinischen und psychotherapeutischen Versorgung exkludiert. Fatal: In den meisten Staaten der Region sind jeweils ein Drittel der Bevölkerung unter 15 Jahre, zwischen 15 und 29 Jahre oder älter.

Schlechte Infrastruktur, finanzielle Situation und kulturelle Einschränkungen

Weitere Hürden beim Zugang zu einer medizinischen Versorgung stellten infrastrukturelle (defizitäre Verkehrsverbindung und Abgeschiedenheit), kulturelle und soziale (Geschlecht, Nationalität, Religion, Ethnizität sowie gesundheitliche Bildung) sowie finanzielle (Selbstzahlerleistungen) Faktoren dar.

Diese Limitierungen wiederum begünstigen bei der jungen Generation die hohe Prävalenz und Mortalität.

So sind die meisten Todesfälle in der Gruppe der 15- bis 29-Jährigen außerhalb der wohlhabenden Länder in der arabischen Region laut UNDP zu gleichen Teilen auf Durchfallerkrankungen, Infektionen der unteren Atemwege und andere Infektionskrankheiten, kardiovaskuläre Erkrankungen sowie Transport- und andere, nicht intendierte Unfälle zurückzuführen.

Die Hauptursachen für die behinderungsbereinigten Lebensjahre (Disability Adjusted Life Years - DALY) sind laut UNDP neben Durchfallerkrankungen, Infektionen der unteren Atemwege und andere Infektionskrankheiten, Herzkreislaufbeschwerden, mentalen und Verhaltensstörungen, muskuloskelettalen Erkrankungen, nicht intendierten sowie Transportunfällen andere, nicht-übertragbare Krankheiten sowie HIV/Aids und Tuberkulose.

Weiteres Manko: In den meisten Ländern der Region bekämen unverheiratete junge Menschen keinerlei Aufklärung zu sexueller und reproduktiver Gesundheit, fehle auch besonders minderjährigen Mädchen der Zugang zu Kontrazeptiva.

Fatale Folgen auch für Europa

Wie der Bericht attestiert, wirkt das Bürgerkriegsgeschehen auch negativ auf die mentale und physische Gesundheit der jungen Bevölkerung. Es ist nicht zu erwarten, dass die Vereinten Nationen unter ihrem künftigen Generalsekretär António Guterres schnell einen Kurswechsel vollziehen können.

Sein noch amtierender Vorgänger Ban Ki Moon sprach am Mittwoch von einem Totalversagen seiner Organisation in Syrien. Das heißt für die EU, dass sie vor noch größeren Herausforderungen stehen wird, physisch wie mental massiv beeinträchtigte Ströme von Flüchtlingen adäquat zu versorgen – auch medizinisch.

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