Ärzte Zeitung, 27.01.2017
 

Peru

Klinik zwischen Himmel und Erde

Vor zehn Jahren baute das Wiesbadener Ärztepaar John ein Krankenhaus für Indianer in den peruanischen Anden – gegen alle Widerstände und Rückschläge. Mittlerweile sind die Abläufe in der Andenklinik hochprofessionell, bis zu 150 Patienten täglich können behandelt werden.

Von Thomas Meißner

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Martina und Klaus John vor ihrem Lebenswerk. Das Paar lernte sich bereits in der Schule kennen.

© Diospi Suyana

Die Geschichte des Missionshospitals Diospi Suyana klingt unglaublich. Und doch steht es da, dieses Krankenhaus, mitten in den Bergen Perus, auf 2650 Metern Höhe, 1000 Kilometer von Lima entfernt. Zehn Jahre ist es her, dass es von Freiwilligen erbaut wurde – und am 22. Oktober 2007 konnte der erste Patient im Missionshospital behandelt werden, ein alter Quechua-Indianer.

Inzwischen versorgt ein internationales Team pro Tag 100 bis 150 Patienten, meist sehr arme Menschen. Betrieben wird Diospi Suyana von Beginn an ausschließlich mit Geld- und Sachspenden. Rund 50.000 Privatpersonen und 180 Unternehmen haben bislang 25 Millionen US-Dollar gespendet.

Zwei Schüler verlieben sich

Die Geschichte des Krankenhauses beginnt Ende der 1970er Jahre in Deutschland. Hier begegnen sich Gymnasiast Klaus-Dieter John, der aus einer Wiesbadener Bäckersfamilie stammt, und ein temperamentvolles Mädchen namens Martina Schenk. Für Martina ist bereits mit 17 klar: Nach dem Abitur studiere ich Medizin und arbeite dann in einem Land der Dritten Welt.

Alles beginnt am Elly-Heuss-Gymnasium in Wiesbaden, wo sich Martina und Klaus in der elften Klasse begegnen und feststellen, dass sie dieselben Lebensziele verfolgen. Beide sind aktive Christen. Ihr Weg setzt sich fort mit Stationen der ärztlichen Ausbildung in Deutschland, England, den USA und Südafrika, mit deutschen und amerikanischen Staatsexamina, Promotion, Heirat sowie fünf Jahren missionsärzlicher Arbeit in Ecuador.

Anfang der 2000er-Jahre gibt es in der Kleinstadt Curahuasi im südlichen Peru, mitten in den Anden, nicht viel mehr als Anisfelder, ein paar Tankstellen und die Panamericana, die den amerikanischen Kontinent von Alaska bis Feuerland verbindet.

Apurimac, ungefähr so groß wie Hessen, ist eine vergessene Region. Etwa eine halbe Million Quechua-Indianer, Nachfahren der Inkas, leben dort, geprägt von großer Armut, Perspektivlosigkeit, Alkoholismus, auch Gewalt. Das Leben spielt sich in primitiven Lehmhütten ab, das Wasser ist voller Keime, die Stromversorgung ist instabil, ganz zu schweigen von Telefonverbindungen oder Internet. Für die Menschen existiert lediglich eine baufällige Gesundheitsstation. Nur nach stundenlanger Busfahrt ist ein Krankenhaus zu erreichen.

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Ein voller Wartesaal in der Andenklinik, die sich auf die Behandlung von Armen spezialisiert hat und die Kosten durch Spenden deckt.

© Diospi Suyana

"Wir vertrauen auf Gott"

Genau hier, so hat es sich das mittlerweile verheiratete Medizinerpaar Dr. Klaus-Dieter John und seine Frau Dr. Martina John überlegt, soll ein Krankenhaus entstehen. Es soll ein Krankenhaus nach westlichen Maßstäben werden: Krankenzimmer mit Anschlüssen für Sauerstoff und Absaugung, Labor, Operationssäle, Dentalklinik, Intensivstation, Hubschrauberlandeplatz. Mit mindestens 30 Ärzten, Krankenschwestern, Pflegern und Physiotherapeuten. Und natürlich mit modernsten Gerätschaften, vom Endoskop bis zum Computertomographen, vom Steckbeckenspüler für die Bettpfanne bis zum High-Tech-Narkosegerät.

Die Erfahrungen in der missionsärztlichen Arbeit in Ecuador gibt dem Ehepaar wichtige Erfahrungen mit auf den Weg für ihr eigentliches Lebensprojekt, das sie, inzwischen Anfang 40, nun verwirklichen wollen. Es führt die Johns im August 2002 gemeinsam mit acht Gleichgesinnten in die thüringische Kleinstadt Tabarz nahe der Wartburg, wo sie einen Trägerverein gründen: "Diospi Suyana" – ein Ausdruck aus der Sprache der Quechua-Indianer, der etwa "Wir vertrauen auf Gott" bedeutet.

Es gibt viele Situationen, an denen das Ganze scheitern könnte, sei es wegen fehlenden Geldes, wegen krimineller Machenschaften eines Bauunternehmers, der allgegenwärtigen Bürokratie und Korruption. Nein, eines kann man Klaus John, Chirurg, gewiss nicht absprechen: ausdauernde Hartnäckigkeit. Und seine Frau, die Kinderärztin Martina John, steuert Charme und einen unerschütterlichen Optimismus bei.

Im Februar 2005 trifft die "Ärzte Zeitung" die Johns zum ersten Mal in ihrer kleinen Wiesbadener Dachwohnung – ihrem Zweitwohnsitz, denn die fünfköpfige Familie wohnt längst in Curahuasi. Das Ehepaar hat bei den Versuchen, Geld zu sammeln, bereits ein "Tal der Tränen" durchschritten. Etwa fünf Millionen Dollar glauben sie zu benötigen, doch von der ersten Million sind sie noch weit entfernt. Dabei soll schon im Mai 2005 der erste Spatenstich erfolgen.

Doch noch gibt es nicht mehr als einen ungefähren Plan, wie das Krankenhaus auszusehen hätte. Klaus John legt in den folgenden Jahren hundertausende Kilometer quer durch Europa zurück, vor allem innerhalb Deutschlands, um für das Projekt Spenden einzuwerben. Selbst enge Freunde und Verwandte schütteln den Kopf, halten das Vorhaben für undurchführbar. Doch nach und nach finden sich immer mehr Unterstützer.

25.000 Dollar in der Tasche

Im April 2003 reist Olaf Böttger, eine der maßgeblichen Stützen des Trägervereins, mit 25.000 US-Dollar in bar nach Lima. Mit dem Betrag kaufen er und Klaus John für Diospi Suyana ein 34.000 Quadratmeter großes Grundstück am Rande von Curahuasi. Der Bürgermeister der Stadt kann sein Glück kaum fassen, als er erfährt, dass "Gringos" auf dem Gelände ein Krankenhaus errichten wollen.

Was nun folgt, ist eine ungeheure Leistung, die vor allem Klaus und Martina John erbringen, aber auch immer mehr ehrenamtliche Helfer. Nicht nur, dass die Johns mit ihren drei schulpflichtigen Kindern unter primitiven Bedingungen und mitten in den kargen Bergen der Anden ein neues Leben beginnen. Sie reisen monatelang zehntausende Kilometer durch Europa, um in Privatwohnungen, Clubs, in Firmen oder Kirchen um Spenden und um ehrenamtliche Mitarbeiter zu werben.

So finden sie mit Udo Klemenz aus Solms bei Wetzlar einen Bauingenieur, der im Auftrag eines bekannten deutschen Großunternehmens jahrelange Erfahrung als Bauleiter mitbringt, unter anderem im Ausland. Er wird den Bau des Spitals ehrenamtlich leiten und zieht dafür mit seiner Frau ebenfalls nach Curahuasi.

Als im Mai 2005 der erste Spatenstich erfolgt, sind gerade einmal 600.000 US-Dollar zusammengekommen. "Jeder Tag konnte der letzte des Projekts sein. Nichtsdestotrotz wollten wir die Bagger rollen lassen", erzählt Klaus John heute. "Ohne Gottvertrauen war das schlicht undurchführbar."

Das ist ein Punkt, den sowohl Martina als auch Klaus John immer wieder betonen: Nicht sie seien es gewesen, die das Krankenhaus bauten. Gott selbst habe dies getan. Martina John sagt in einer Film-Dokumentation: "Wir standen so oft mit dem Rücken zur Wand und wussten nicht, was wir tun sollten. Da war es sehr gut zu wissen: Das ist Gottes Krankenhaus und nicht unser Krankenhaus. Er ist dafür verantwortlich, dass es weiterläuft."

Sie war sich sicher, dass Gott so ein Projekt nicht einfach im Stich lassen würde. Für Klaus John war der Zweifel an Gott ein wichtiger Antrieb. Er wollte mit eigenen Augen sehen, ob Gott Wunder wirken könne. Inzwischen ist er davon überzeugt: Gott sei der einzige, der vor zehn Nullen der Unmöglichkeit eine Eins setzen könne, schreibt er in seinem Buch*.

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Dr. Ursula Buck (rechts) und ihr Team operieren im Op des Missionsspitals einen Patienten an den Augen.

© Diospi Suyana

Meist schon gewonnen

In der Tat kann er namhafte Unternehmen aus Deutschland und aus Peru dazu bringen, Sachspenden zu leisten, wie sie dies in ihrer gesamten Firmengeschichte nicht getan haben. Sei es eine Satellitenanlage, die Curahuasi mit dem Rest der Welt verbindet, sei es die instrumentelle Ausstattung für die heute vier OP-Säle, modernste Sonografie-, Narkose- und Beatmungsgeräte, ein voll ausgestatteter Krankenwagen, ein Computertomograph oder ein tonnenschweres Notstromaggregat.

Dafür und für die Einwerbung der finanziellen Mittel hat Klaus John bis heute mehr als 2200 Vorträge auf fünf Kontinenten gehalten, ist 370.000 Kilometer gereist. "Sobald es mir gelang, mein Notebook auf den Schreibtisch eines Generaldirektors zu stellen, hatte ich meist schon gewonnen." Auch wichtige Lokal- und Landespolitiker bis hin zu Staatspräsidenten in Peru und Deutschland konnten die Johns überzeugen und auf deren Unterstützung bauen. Klaus John kann sehr überzeugend sein. "Ich fühle mich nicht als Bittsteller. Vielmehr lade ich dazu ein, sich an einer großartigen Sache zu beteiligen", sagt er.

Zur Einweihung des Missionsspitals am 31. August 2007 sagte die damalige First Lady Perus und Patin des Projekts, Pilar Norez de Garcia, die Errichtung des Krankenhauses werde der ganzen Region nutzen.

Genau so ist es gekommen: Ehemalige Schotterstraßen im Ort sind heute asphaltiert, Hotels und Restaurants haben eröffnet, die Wohnsituation vieler Bürger bessert sich. Inzwischen gibt es auf dem Gelände von Diospi Suyana auch einen Kindergarten und eine Schule sowie ein Medienzentrum für Radio- und Fernsehsendungen. Über einen Brunnen werden 15.000 Liter sauberes Trinkwasser pro Tag gewonnen. Mit 140 peruanischen Angestellten ist Diospi Suyana in der Region Apurimac einer der wichtigsten Arbeitgeber geworden.

Das Missionskrankenhaus gilt heute als eines der modernsten Perus. Wohlhabende Patienten werden abgelehnt, ausschließlich die Ärmsten werden behandelt. Sie zahlen dafür nur soviel, wie sie können. Den Rest übernimmt der Wohltätigkeitsfonds von Diospi Suyana.

Nach Klaus Johns Angaben würde die Infrastruktur ausreichen, um täglich 300 bis 400 Patienten zu behandeln. Dazu brauchen sie vor allem mehr Missionsärzte, die bereit sind, ein paar Jahre ihres Lebens zu investieren. Knapp 1000 Dauerspender halten das Projekt mit Einnahmen von jährlich etwa anderthalb Millionen Euro am Laufen. Und so wird die Geschichte von Diospi Suyana weitergehen.

Weitere Infos über Diospi Suyana

Ein Buch hat Klaus John über sein Lebenswerk geschrieben. Es trägt den Titel "Ich habe Gott gesehen" und ist 2016 im Brunnen Verlag Gießen in achter Auflage erschienen. Das Buch kostet 14,95 Euro, ISBN 978-3-7655-1757-0.

Im Internet ist Diospi Suyana erreichbar unter www.diospi-suyana.org

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