Ärzte Zeitung, 06.02.2017

Flüchtlingsversorgung

WHO gibt Gesundheitssektor Risiko-Checkliste an die Hand

Die Regierungschefs der EU haben auf Malta nach Lösungen gesucht, die Zahl der Flüchtlinge deutlich zu verringern. Die WHO prophezeit derweil eine Katastrophe, wenn sich die Gesundheitssektoren nicht besser auf die Migrationsströme vorbereiten. Ein Fragenkatalog soll helfen, Risiken zu erkennen und zu minimieren.

Von Anne Zegelman

Flüchtlingsversorgung:  WHO gibt Gesundheitssektor Risiko-Checkliste an die Hand

Erstversorgung bei der Ankunft in Deutschland: Ein DRK-Helfer untersucht eine Syrerin.

© Bernd Settnik / dpa

Gesundheitsfachkräfte spielen in der Bewältigung der Flüchtlingskrise eine Schlüsselrolle. Darauf weist das in Dänemark ansässige Europäische Büro der Weltgesundheitsorganisation WHO hin – und warnt vor einer Katastrophe, wenn die nächste Flüchtlingswelle nicht besser vorbereitet wird.

Obwohl die Flüchtlingszahlen 2016 im Vergleich zum Vorjahr drastisch zurückgegangen seien – 2015 erreichten 1.015.078 Flüchtlinge Europa, 2016 waren es 363.348 – starben deutlich mehr Menschen auf der Flucht übers Mittelmeer. Die WHO geht für 2016 von mindestens 5079 vermissten und toten Flüchtlingen aus, im Jahr zuvor waren es 3771.

Die politische Instabilität in vielen Teilen der Welt ließe darauf schließen, dass auch künftig Menschen gefährliche Fluchtversuche unternehmen würden, schreiben die WHO-Mitarbeiter Piroska Ostlin und Santino Severoni in der aktuellen Ausgabe des von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen Magazins Public Health Panorama. Die Auswirkungen auf den Gesundheitssektor dürften nicht unterschätzt werden, warnen sie.

Anregung, wie das Gesundheitswesen der Krise begegnen könnte, liefert die WHO mit einem jüngst veröffentlichten "Werkzeugkasten" ("Toolkit for assessing health system capacity to manage large influxes of refugees, asylum-seekers and migrants"), der im Rahmen des 2012 ins Leben gerufenen Projekts zu gesundheitsschutzbezogenen Aspekten der Migration in der Europäischen Region (PHAME) von den Mitgliedsländern gemeinsam zusammengestellt wurde. In dem gut 50-seitigen, englischsprachigen Papier beleuchten die Autoren Gesundheitsrisiken im Fluchtland, während der Flucht, bei der Ankunft und während der Unterbringung.

Anhand einer Materialsammlung sollen an der Flüchtlingsbetreuung beteiligte Institutionen wie Ministerien, Regierungsstellen sowie Nichtregierungs- und zivilgesellschaftliche Organisationen Anhaltspunkte bekommen, wie sie Gesundheitsrisiken erkennen und minimieren können.

- Das Herkunftsland: Es lohnt sich laut "Werkzeugkasten" der Versuch, an Gesundheitsdaten aus den Herkunftsländern zu kommen. Impfstatistiken zum Beispiel könnten hilfreich bei der Planung des auf europäischer Seite benötigten Impfstoffs sein.

- Die Flucht: Im nächsten Schritt müssten die genauen Umstände der Flucht geklärt werden. Denn wenn die Menschen sich zu Fuß auf den Weg gemacht haben, sind die medizinischen Bedürfnisse und mitgebrachten Krankheiten unter Umständen andere als nach einer Bootsüberfahrt. So berichtete der Mainzer Sozialmediziner Professor Gerhard Trabert, der vor der Küste Libyens auf einem Rettungsboot Flüchtlinge versorgte, der "Ärzte Zeitung": "Auf dem Boden der Boote bildet sich ein aggressives Gemisch aus Urin, Benzin und Salzwasser, das zu Hautinfektionen führt."

- Die Transitländer: Prekäre Unterbringungsbedingungen in Transitländern wie Griechenland müssen ebenfalls näher betrachtet werden, weil sich Infektionen in den engen Auffanglagern oft rasend schnell verbreiten. Auch dem Umgang mit Verstorbenen auf der Flucht widmet das Papier eine Frage: "Gibt es lokale Mechanismen für die Lagerung und Entsorgung einer größeren Anzahl von Leichen?"

- Die Ankunft: Im Fokus des letzten Reiseabschnitts steht die Ankunft. Wie und wo wurde der Geflüchtete untersucht? Für die genaue Analyse der Erstaufnahme seien auch die Versorgung von chronischen Krankheiten und Traumata, mögliche operative Eingriffe und das Durchlaufen der Seuchenkontrolle relevant. Auch sei die Frage wichtig, inwiefern die Mitarbeiter standardisierte Abläufe beachtet hätten.

Die WHO empfiehlt, es sollten auch Informationen darüber eingeholt werden, wie das Alter der Geflüchteten in der jeweiligen Erstaufnahme bestimmt werde. Seit Monaten sorgt hierbei der Einsatz von Röntgenuntersuchungen zur Altersfeststellung für Kritik. Ob diese gängige Praxis zur Altersdiagnostik ethisch korrekt und medizinisch ungefährlich ist, wird heftig diskutiert.

- Die langfristige Unterbringung: Mit Blick auf die langfristige Unterbringung empfiehlt die Organisation, detaillierte Fragen zur für die Flüchtlinge verfügbaren ärztlichen und ehrenamtlichen Versorgung durch Helfer zu stellen. Daneben sollte auch erfragt werden, ob in der Unterkunft eine ausreichende Versorgung mit Trinkwasser, Nahrung, Internet, Müllentsorgung und eine rechtliche Beratung gegeben ist – und ob die Möglichkeit besteht, erkrankte Flüchtlinge isoliert unterzubringen.

Mit der Fragensammlung will die WHO zumindest einen "ersten Schritt" machen. Damit dieser gelingt, sind nun die Institutionen am Zug.

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