Ärzte Zeitung online, 01.03.2017
 

Irak

Hilfe für traumatisierte IS-Opfer

Psychotherapie ist im Irak kaum bekannt. Mit Hilfe Baden-Württembergs wird jetzt ein Traumazentrum eröffnet.

STUTTGART/DOHUK. Viele Menschen im Mittleren Osten haben Krieg, Gräueltaten, Massaker oder Vergewaltigung erlebt. Doch ein akademisch fundiertes Traumazentrum gab es nicht – bis heute. Mit Hilfe Baden-Württembergs wird am 2. März im nordirakischen Dohuk das Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie eröffnet.

Der Masterstudiengang Psychotherapie und Psychotraumatologie richtet sich vor allem an Opfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Er soll in die dortige Gesundheitsversorgung integriert werden.

"Wir sind keine Nichtregierungsorganisation, die Menschen bei akutem Bedarf kurzfristig behandelt, sondern wir wollen Profis ausbilden, die den traumatisierten Menschen dort langfristig helfen", sagt der Projektleiter, Professor Jan Ilhan Kizilhan.

Der Lehrbetrieb beginnt mit 30 Studenten. Sie haben bereits einen Bachelor-Abschluss in Psychologie, Sozialarbeit oder Psychiatrie. Unter den mehrheitlich muslimischen 19 Frauen und elf Männern sind auch sechs kurdische Jesiden sowie zwei Christen.

Bekämpfung von Fluchtursachen

Rund die Hälfte von ihnen soll zusätzlich als Ausbilder qualifiziert werden. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) erklärte, zur Bekämpfung von Fluchtursachen gehöre die psychologische Betreuung der traumatisierten Menschen. Von dem Austausch mit den künftigen Traumatologen profitierten auch Spezialisten in Deutschland. Die deutsche Seite brauche ein besseres kulturelles Verständnis, um traumatisierte Flüchtlinge angemessen zu therapieren.

Baden-Württemberg hat ein Sonderkontingent von 1100 besonders schwer traumatisierten IS-Opfern aufgenommen, mehrheitlich Frauen und Kinder der religiösen Minderheit Jesiden. Der Landtag in Brandenburg befasst sich ebenfalls mit Hilfsmöglichkeiten für jesidische Flüchtlinge.

Das dreijährige Studium in Dohuk ist nach dem deutschen Psychotherapeutengesetz konzipiert. Es besteht aus Theorieblöcken und Praxisphasen. Die Dozenten werden aus Deutschland und ganz Europa eingeflogen. Dafür stellt Baden-Württemberg für drei Jahre eine Million Euro bereit.

Großer Bedarf an professioneller Hilfe

Der Bedarf an professioneller Hilfe ist groß: Allein um die Großstadt Dohuk gibt es 24 Flüchtlingslager, drei weitere sind im Bau. Dort lebt eine halbe Million Menschen.

"Alle Frauen zwischen 8 und 30 bis 35 Jahren, die in IS-Gefangenschaft waren, sind mehrfach vergewaltigt worden", sagt Kizilhan. Kinder mussten mit ansehen, wie IS-Terroristen ihre Verwandten umbrachten.

Viele Flüchtlinge sorgen sich auch um ihre Angehörigen, die dem IS-Terror noch nicht entronnen sind. Weitere potenzielle Patienten des Traumazentrums sind die nach Kizilhans Schätzung 3400 Frauen und Kinder, die im Irak, in Syrien, Pakistan oder Afghanistan noch immer in den Händen des IS sind. (dpa)

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