Ärzte Zeitung online, 15.03.2017
 

Genitalverstümmelung

Kulturwandel durch behutsame Aufklärung

Ärzte spielen bei der Auseinandersetzung mit der weiblichen Beschneidung eine wichtige Rolle. Die schockierende Praxis ist in der Aus- und Weiterbildung jedoch bislang kaum Thema. Dabei wäre dies ein Beitrag zum dringend nötigen Kulturwandel.

Anno Fricke

Mehr als 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit sind beschnitten, schätzt die Weltgesundheitsorganisation. Bis 2030 wollen die Vereinten Nationen die regional unterschiedlichen Praktiken der weiblichen Beschneidung ganz beenden. Millionen Mädchen könnten bis dahin noch Opfer des Rituals werden. Die meisten davon in rund 28 afrikanischen Staaten, in einigen arabischen Ländern und in Südostasien. Die befremdliche Praxis ist in christlichen Bevölkerungsteilen ebenso verbreitet wie in muslimischen und animistischen. Weder der Koran noch die Bibel werben für die weibliche Beschneidung. Ihre Wurzeln sollen viel weiter zurückreichen.

Mit dem Zuzug von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und aus Afrika soll die Zahl der in Deutschland lebenden beschnittenen Frauen auf 48.000 angewachsen sein, heißt es in einer vom Bundesfrauenministerium geförderten Studie. Ein Zuwachs von 40 Prozent seit Ende 2014. Die Hauptherkunftsländer seien Eritrea, Irak, Somalia, Ägypten und Äthiopien. Die Untersuchung, die ihre Ergebnisse aus Hochrechnungen ableitet, sieht überdies zwischen 1500 und 5600 Mädchen in Gefahr, in absehbarer Zeit beschnitten zu werden. Nicht hier im Lande, sondern auf "Ferienreisen" in die Heimatländer. Die Bundesregierung will dagegen mit einer Änderung des Passgesetzes vorgehen. Familien, die für eine Beschneidung ins Ausland reisen wollen, sollen die Pässe entzogen werden können.

Ärzte werben für kultursensible Ansprache

"Wir müssen als Staat und Zivilgesellschaft alles Erdenkliche tun, um das furchtbare Verbrechen, das weltweit tausendfach begangen wird, zu verhindern", warb Staatssekretär Dr. Ralf Kleindiek erst im Februar für mehr Aufklärung, Prävention und Strafverfolgung. Er tat dies gemeinsam mit der Organisation Terre des Femmes unter dem Schlagwort "Genitalverstümmelung". Liest man Schilderungen von Beschneidungen, liegt der Begriff "Verstümmelung" tatsächlich nahe. Auch die WHO verwendet ihn (female genital mutilation).

Ärzte in Deutschland und auch aus den Herkunftsländern gehen differenzierter vor und beziehen die betroffenen Mädchen und Frauen sowie die Kulturen, aus denen sie kommen, in die Begrifflichkeit ein. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zum Beispiel weist in ihren Empfehlungen zum Umgang mit beschnittenen Patientinnen ausdrücklich darauf hin, dass es die Frauen seelisch verletzen kann, spricht der Arzt von Verstümmelung. Auch die Deutsche Gesellschaft für Pflegeberufe rät zu einer sanften Ansprache.

Die BÄK diskutiert das Thema derzeit im Zuge der Novellierung der Musterweiterbildungsordnung. Ob medizinische Fakultäten in Deutschland die Beschneidung schon in den Lehrplänen stehen haben, ist beim Fakultätentag nicht bekannt. Die Vertreter der Gesundheitsberufe haben gleichwohl erkannt, dass die Frage der Perspektive sehr wohl eine Rolle spielen kann. Motto: Ein Amputierter sieht sich genauso wenig als Krüppel wie ein uneheliches Kind als Bastard. Das sind in anderen Zeiten geprägte Stereotypen, die längst überwunden sein sollten.

Fana Asefaw ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und-psychotherapie. Sie stammt aus Eritrea, hat an der Berliner FU über weibliche Beschneidung promoviert und wirbt für eine kultursensible Betrachtung des Themas, für einen Blick, der die Würde der betroffenen Frauen bewahrt. Um die Praxis der Beschneidung aus der Welt zu schaffen, sei unabdingbar, sich mit den Werten, die symbolisch für die weibliche Genitalbeschneidung stehen, auseinanderzusetzen – ohne dabei die schwer wiegenden Folgen für die betroffenen Frauen zu vernachlässigen, schreibt die entschiedene Gegnerin der Beschneidung in ihrer Dissertation. In den Gesellschaften, wo sie praktiziert werde, stifte die Beschneidung Identität und werde damit trotz gesundheitlicher Komplikationen in Kauf genommen, sagte Asefaw dem Züricher "Tagesspiegel".

Hilfe von hier bis Äthiopien

Der Kulturwandel kommt langsam. Ein Beispiel: Der Berufsverband Deutscher Frauenärzte unterstützt seit Jahren eine Geburtsklinik im Norden Äthiopiens mit Geld und freiwilligen Einsätzen von Ärzten und Pflegepersonal aus Deutschland. Dabei handelt es sich um ein Graswurzel-Entwicklungshilfeprojekt des deutschen Menschenrechts-Aktivisten Rüdiger Nehberg und seiner Frau Annette Weber. Die beiden setzen sich bei den Stammesältesten des Volkes der Afar zäh für ein Ende der Beschneidung ein. Die Ärzte aus Deutschland helfen den Frauen, trotz der schlimmen körperlichen Beeinträchtigungen gesunde Kinder zur Welt zu bringen. Auch Terre des Femmes setzt auf Wandel durch Aufklärung. Dafür bildet die Organisation in Europa Change Agents aus, die in ihren sozialen Zusammenhängen und vor Ort in Afrika gegen die Beschneidung wirken sollen.

Wahrscheinlich sind diese Ansätze vielversprechender als Betroffenheit und Empörung. Im Norden Äthiopiens hat das Engagement aus Deutschland gefruchtet. Das Volk der Afar hat Nehberg und Weber zu ihren ersten Ehrenbürgern überhaupt ernannt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Es kommt Schwung in die Entwicklung neuer Psychopharmaka

Bald könnte es einen Schub für die Entwicklung neuer Psychopharmaka geben. Denn Forscher finden immer mehr über die Entstehung psychischer Erkrankungen heraus. mehr »

Spielt Krebs eine Rolle beim plötzlichen Kindstod?

Ein plötzlicher Kindstod bei einer unbekannten neoplastischen Erkrankung ist selten, aber kommt vor. Das ist das Ergebnis einer britischen Studie. mehr »

Patienten sollen Verdacht auf Nebenwirkung melden

Alle europäischen Arzneimittelbehörden fordern in einer gemeinsamen Kampagne Patienten auf, ihnen verstärkt Verdachtsfälle von Nebenwirkungen zu melden. mehr »